Wirtschaft

Tarif-Schock: VW kündigt fast alle Verträge

Paukenschlag bei VW: Zehn Tarifverträge gekündigt – jetzt wächst die Angst vor harten Einschnitten für Beschäftigte.

30.09.2026, 15:04 Uhr

Volkswagen hat im Streit um schärfere Sparmaßnahmen einen Großteil seiner Haustarifverträge gekündigt – darunter auch den zentralen Manteltarifvertrag. Nach einem Gespräch mit Arbeitnehmervertretern in Hannover erklärte der Konzern, verschiedene Regelungen müssten wegen des anhaltenden Kostendrucks angepasst werden.

Ein VW-Sprecher nannte keine genaue Zahl der betroffenen Verträge. Die IG Metall spricht von zehn Kündigungen. Im Kern besteht der VW-Haustarif aus rund einem Dutzend Einzelverträgen.

Die Kündigungen sollen nach Unternehmensangaben fristgerecht zum 31. Dezember 2026 wirksam werden und Raum für neue Verhandlungen schaffen. Der Manteltarifvertrag enthält grundlegende Regeln für die mehr als 100.000 Beschäftigten in Deutschland, unter anderem zu Arbeitszeit und Urlaubstagen. Weitere Verträge regeln laut IG Metall etwa Eingruppierung, Zulagen, Zusatzvergütungen und Ausbildung.

Nicht betroffen ist der Zukunftstarifvertrag 2024. Damit gilt auch die dort vereinbarte Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 zunächst weiter.

VW verweist auf verschärfte Lage in der Autoindustrie

Volkswagen begründet den Schritt mit einer deutlich schwierigeren Marktlage. Personalvorstand Arne Meiswinkel erklärte, das wirtschaftliche Umfeld habe sich für die Autoindustrie und damit auch für VW gravierend verschärft. Die Veränderungen seien strukturell und tiefgreifend. Besonders der Vorstoß chinesischer Hersteller mit günstigen Exporten nach Europa erhöhe den Preis- und Wettbewerbsdruck massiv.

Aus Sicht des Unternehmens müssen die Maßnahmen aus dem Zukunftsplan 2030 deshalb schneller und konsequenter umgesetzt werden. Meiswinkel betonte zugleich: „Volkswagen hält sich an Verträge.“ Ziel sei es, bereits vereinbarte Schritte umzusetzen und alle Möglichkeiten eines sozialverträglichen Personalabbaus auszuschöpfen.

Gewerkschaft und Betriebsrat kündigen Widerstand an

Bei der Arbeitnehmerseite stößt die Kündigung der Verträge auf scharfe Kritik. Niedersachsens IG-Metall-Chef Thorsten Gröger sprach von einem Angriff auf die Belegschaft und einem Versuch, erneut an das Einkommen der Beschäftigten heranzugehen. Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats, stellte eine „heftige Auseinandersetzung“ in Aussicht.

Nach Einschätzung der Arbeitnehmervertreter könnten Beschäftigte erste konkrete Folgen ab Januar 2027 spüren. In der Tarifrunde vor zwei Jahren hatte VW nach Angaben der Arbeitnehmer deutlich weniger Tarifverträge gekündigt – der Manteltarifvertrag war damals unangetastet geblieben.

Zweifel an Zusagen aus dem Tarifabschluss 2024 bleiben bestehen

Auslöser der aktuellen Gespräche war ein sogenanntes Überprüfungsgespräch zwischen Volkswagen, IG Metall und Betriebsrat in Hannover. Die Arbeitnehmerseite hatte das Treffen angesetzt, um Klarheit darüber zu bekommen, ob und wie der Konzern die Zusagen aus dem Zukunftstarifvertrag von 2024 einhalten will. Sie sieht diese Vereinbarungen wegen der verschärften Sparpläne gefährdet.

Der Tarifabschluss von 2024 war erst nach Warnstreiks und einem einwöchigen Verhandlungsmarathon kurz vor Weihnachten zustande gekommen. Vereinbart wurden damals unter anderem der Abbau von 35.000 Stellen bei VW in Deutschland bis 2030, Kürzungen bei Boni und Zulagen sowie ausgesetzte Lohnerhöhungen. Im Gegenzug verzichtete Volkswagen auf betriebsbedingte Kündigungen und Werkschließungen und sagte Investitionen sowie neue Produkte für deutsche Standorte zu.

Nach dem jüngsten Gespräch blieben die Zweifel der Arbeitnehmerseite bestehen. Nach Angaben der IG Metall hat das Unternehmen erhebliche Zweifel erkennen lassen, ob die 2024 zugesagten Investitionen in neue Modelle und Werke wie geplant umgesetzt werden können. Gröger sagte, man sei darüber enttäuscht und wütend.

Ein weiteres Treffen der Tarifparteien ist für die zweite Oktoberhälfte geplant. Die IG Metall will davor einen Fragenkatalog vorlegen.

Konzernumbau mit weitreichenden Folgen

Das Überprüfungsgespräch war das erste größere offizielle Treffen von Management und Arbeitnehmervertretern seit dem Aufsichtsratsbeschluss Anfang September. Damals billigten die Aufseher einen Zukunftsplan des Vorstands, mit dem Volkswagen deutlich profitabler werden soll. Konzernchef Oliver Blume und das Management erhielten damit den Auftrag, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen.

Weltweit will der Vorstand in den kommenden Jahren zusätzlich zu bisherigen Programmen rund 50.000 Stellen streichen. Etwa die Hälfte davon könnte nach bisherigen Überlegungen auf deutsche Standorte entfallen. Konkrete Programme müssen allerdings noch mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt werden.

Offen ist zudem, wie es an den VW-Standorten Emden, Hannover und Zwickau sowie bei Audi in Neckarsulm über die Jahre 2031 bis 2034 hinaus weitergeht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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