Volkswagen baut China zum Innovations- und Exportzentrum um
Volkswagen stellt sich wegen der anhaltenden Schwäche des chinesischen Automarkts und des wachsenden Wettbewerbs aus der Volksrepublik neu auf. Das bisherige Leitmotiv „In China, for China“ wird durch „In China, Beyond China“ ersetzt. Damit will der Konzern China nicht mehr nur als Absatzmarkt sehen, sondern zugleich als zentrale Drehscheibe für Innovationen und Exporte in andere Weltregionen nutzen. Das teilte VW am Standort Hefei im Osten Chinas mit.
Der Konzern spricht von einer entscheidenden Veränderung seiner China-Ausrichtung. China soll demnach nicht nur einer der wichtigsten Märkte für Volkswagen bleiben, sondern auch ein bedeutender Innovations- und Exportknotenpunkt für das globale Geschäft werden.
Fokus auf Märkte im Globalen Süden
Künftig will Volkswagen über seine Gemeinschaftsunternehmen in China verstärkt Kunden in Südostasien, im südlichen Afrika und in Südamerika bedienen. Hinweise auf diese Pläne hatte der Konzern bereits im April rund um die Automesse in China gegeben.
Schon heute exportiert VW nach eigenen Angaben Fahrzeuge aus chinesischer Produktion unter anderem in den Nahen Osten sowie nach Kasachstan und Usbekistan. Künftig soll die in China entwickelte Technik die Grundlage für Fahrzeuge bilden, die für Märkte des Globalen Südens bestimmt sind – darunter Verbrenner, Elektroautos und Hybridmodelle. Noch vor Ende des Jahrzehnts soll Südamerika laut Volkswagen die erste Region werden, die in China entwickelte Technologien in ihr lokales Modellangebot übernimmt.
Gründe für den Kurswechsel
Auslöser der Neuausrichtung sind mehrere Belastungen. Zum einen geraten ausländische Hersteller in China durch heimische Marken immer stärker unter Preis- und Wettbewerbsdruck. Zum anderen bleibt der Gesamtmarkt schwach. Nach Daten des chinesischen Pkw-Verbands CPCA gingen die Verkäufe in den ersten neun Monaten des Jahres um 21,7 Prozent zurück.
Gleichzeitig drängen chinesische Hersteller mit wachsender Wucht ins Ausland. Laut CPCA stiegen die Exportzahlen im September um 73,7 Prozent. Damit verlagert sich der Konkurrenzdruck zunehmend auch in andere Weltregionen – nicht nur nach Europa, sondern ebenso in bislang weniger beachtete Märkte im Globalen Süden.
China-Geschäft bleibt für VW schwierig
Auch Volkswagen spürt die Entwicklung deutlich. Im dritten Quartal sanken die Auslieferungen in China um 38,5 Prozent auf 405.800 Fahrzeuge. Damit entfiel mehr als 80 Prozent des gesamten Absatzrückgangs des Konzerns auf den chinesischen Markt.
Mit der neuen Strategie will Volkswagen daher nicht nur auf die wachsende Konkurrenz reagieren, sondern auch zusätzliche Absatzchancen erschließen. Aus Konzernkreisen hieß es, China exportiere inzwischen selbst den Konkurrenzdruck. Mit in Europa gefertigten Fahrzeugen lasse sich dieser Entwicklung nur schwer begegnen. Deshalb setzt VW verstärkt auf Ausfuhren direkt aus China.
Technologie aus Hefei als Grundlage
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Entwicklung in China. Nach Konzernangaben ermöglichen niedrigere Entwicklungskosten und kürzere Zeiten bis zur Markteinführung, Fahrzeuge und Technik von dort aus auch für andere Regionen nutzbar zu machen.
Am Forschungs- und Entwicklungsstandort Hefei stellte Volkswagen nun das Technologiesystem „Vega“ vor. Nach Angaben des Konzerns soll es helfen, Spitzentechnologien schneller und kosteneffizienter zu entwickeln, zu integrieren und zu skalieren. Hinter Vega stehen unter anderem eine in China entwickelte Elektronikarchitektur, Fahrzeugplattformen und Fahrerassistenzsysteme.
VW-China-Chef Ralf Brandstätter erklärte laut Mitteilung, damit werde nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit auf dem chinesischen Markt gestärkt, sondern auch neue Geschäftsmöglichkeiten über China hinaus eröffnet. Konzernchef Oliver Blume bezeichnete China als „Innovationsmotor“ sowie zunehmend als Produkt- und Technologiezentrum für die globalen Märkte des Unternehmens. Erst am Vortag hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Standort Hefei im Rahmen seiner China-Reise besucht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber