Wirtschaft

China-Schock: Kippt jetzt der Auto-Boom?

Schock in China: Der Automarkt bricht ein. Was der Absturz im wichtigsten Absatzmarkt jetzt für VW, BMW und Mercedes heißt

16.06.2026, 03:30 Uhr

Chinas Autoexporte boomen, doch der Heimatmarkt gerät unter Druck

Chinesische Autobauer bauen ihre Präsenz auf den Weltmärkten immer weiter aus. Während die stark steigenden Exportzahlen in China für Zuversicht sorgen, wird die Entwicklung in Europa und besonders in Deutschland mit Sorge verfolgt. Gleichzeitig zeigt sich im Inland jedoch eine problematische Gegenbewegung: In China selbst werden deutlich weniger Autos gekauft.

Nach aktuellen Zahlen des chinesischen Pkw-Verbands CPCA wurden im Mai nur noch rund 1,5 Millionen Fahrzeuge verkauft. Das entspricht einem Rückgang von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch im bisherigen Jahresverlauf fällt die Bilanz schwach aus: Von Januar bis Mai lagen die Verkäufe fast 20 Prozent unter dem Niveau des entsprechenden Vorjahreszeitraums.

Ein Markt mit früher großen Erwartungen

China galt lange als einer der wichtigsten Wachstumsmärkte für die Autoindustrie. Dahinter stand vor allem die Erwartung, dass mit einer wachsenden Mittelschicht auch die Zahl potenzieller Autokäufer steigt. Staatsmedien zufolge gehören inzwischen mehr als 400 Millionen der rund 1,4 Milliarden Einwohner zur Mittelschicht. Bis 2030 wurde bislang mit einem weiteren deutlichen Anstieg gerechnet.

Warum der Absatz zurückgeht

CPCA-Generalsekretär Cui Dongshu sieht die Ursachen vor allem im Wegfall staatlicher Unterstützungsmaßnahmen. Zusätzlich wirkten sich die seit Beginn des Iran-Kriegs hohen Kraftstoffpreise und die insgesamt schwache Kaufkraft vieler Haushalte negativ aus.

Dabei verlief die Entwicklung in zwei Phasen. Zu Jahresbeginn gerieten vor allem die in China als „Neue Energieautos“ bezeichneten E-Autos und Plug-in-Hybride unter Druck, weil Kaufanreize reduziert wurden. Mit dem Krieg und den steigenden Spritkosten verschärfte sich die Lage dann bei klassischen Verbrennern. Deren Verkäufe brachen im Mai um 39 Prozent ein. Fahrzeuge aus dem NEV-Segment verzeichneten dagegen nur noch ein einstelliges Minus. Ihr Marktanteil kletterte gleichzeitig auf über 60 Prozent.

Verbraucher halten ihr Geld zusammen

Die deutsche Autoexpertin Beatrix Keim betont, dass chinesische Kunden sehr stark auf Preisänderungen reagieren. Schon seit dem Herbst sei bekannt gewesen, dass sich die Förderbedingungen für E-Autos ändern würden. Deshalb seien viele Käufe vorgezogen worden. Außerdem hätten Hersteller und Händler zuvor zusätzliche Fahrzeuge in den Markt gedrückt.

Hinzu kommt die insgesamt schwache Konsumlaune. Viele Menschen verschieben größere Anschaffungen. Besonders die anhaltende Immobilienkrise belastet Vermögen und Vertrauen. Nach Einschätzung von Keim kämpfen zahlreiche Verbraucher mit Kreditrückzahlungen aus Immobiliengeschäften. In einem solchen Umfeld wird der Autokauf für viele Haushalte zur aufschiebbaren Ausgabe.

Deutsche Hersteller unter Druck

Für deutsche Autobauer, die traditionell stark am China-Geschäft verdienen, ist diese Entwicklung ein Warnsignal. Mercedes-Benz erklärte, der chinesische Automarkt bleibe zwar wettbewerbsintensiv und von starkem Wandel geprägt. Deutlicher formuliert es Volkswagen: Der Konzern sieht den Markt zunehmend unter Druck.

Volkswagen rechnet nicht mit einer spürbaren Erholung im weiteren Jahresverlauf und geht davon aus, dass der Gesamtmarkt für Neuwagen in diesem Jahr auf weniger als 21 Millionen Fahrzeuge sinken wird. VW räumt ein, sich dieser Entwicklung nicht entziehen zu können, und will seine Planungen entsprechend anpassen. Zugleich hält der Konzern an seiner China-Strategie fest und sieht sich mit seiner Neuausrichtung sowie neuen Modellen im NEV-Bereich gut vorbereitet.

Auch Mercedes-Benz und BMW profitierten in China lange stark vom Geschäft mit Verbrennern. Im Bereich der Elektroautos und Plug-in-Hybride sind chinesische Anbieter jedoch häufig schneller, preislich konkurrenzfähiger und näher an den Erwartungen der heimischen Kundschaft.

Exporte als Ventil für die heimische Schwäche

Doch nicht nur ausländische Hersteller stehen unter Druck. Auch chinesische Autobauer leiden unter dem schwachen Binnenmarkt, einem intensiven Preiskampf und teils erheblichen Überkapazitäten.

Ein zentraler Ausweg ist deshalb der Export. Laut CPCA legten die Pkw-Ausfuhren im Mai um rund 75 Prozent zu. Große Chancen sieht Cui vor allem in Mittel- und Südamerika, Australien, Südostasien und Afrika. Ein Teil der Absatzprobleme im Inland wird damit auf Auslandsmärkte verlagert.

Das erklärt möglicherweise auch die vergleichsweise gelassene Haltung einiger Hersteller. Der E-Autobauer Nio, der in Deutschland bislang eher mit geringen Verkaufszahlen auffiel, meldete für den Zeitraum von Januar bis Mai weltweit und in China zusammen 150.526 ausgelieferte Fahrzeuge. Das wäre ein Plus von 68,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Unternehmen betont, es orientiere sich an langfristigen Entwicklungen und nicht an kurzfristigen Marktschwankungen. Andere große Hersteller wie Geely und BYD äußerten sich auf entsprechende Anfragen nicht.

Branchenexperte Peter Fintl sieht die Ausfuhren allerdings eher als Ventil denn als dauerhaften Rettungsanker. Seiner Einschätzung nach sind die Exporterfolge fragil, weil wichtige Absatzmärkte wie Europa oder Länder in Südamerika zunehmend auf lokale Produktion drängen. Die Exporte verschaffen chinesischen Herstellern zwar Luft, tragen den harten Preiskampf aber zugleich stärker auf internationale Märkte.

Uneinigkeit über den weiteren Verlauf

Beim Blick nach vorn unterscheiden sich die Einschätzungen. Beatrix Keim hält das starke Wachstum der vergangenen Jahre vor allem für eine Folge staatlicher Förderung. Nun sei mit einer deutlichen Verlangsamung zu rechnen. Der harte Preiswettbewerb dürfte ihrer Ansicht nach anhalten. Für die Hersteller seien deshalb vor allem Kostensenkungen, weniger Modellvarianten und eine klarere Kommunikation neuer Produkte entscheidend.

Cui Dongshu sieht den Rückgang dagegen nicht als dauerhaften Trend. Die Fahrzeugdichte in China liege weiterhin klar unter dem Niveau Deutschlands, der Markt sei also noch nicht grundsätzlich gesättigt. Das Hauptproblem bestehe derzeit vielmehr darin, dass sich viele Menschen den Kauf eines Autos im Moment schlicht nicht leisten könnten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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