Neue Oper in München: "Of One Blood" setzt auf Aktualität statt Skandal
Als Mozarts "Le nozze di Figaro" am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater Premiere hatte, sorgte das Werk für erhebliches Aufsehen. Die kritische Zeichnung des Adels wirkte in den Jahren vor der Französischen Revolution brisant. Oper war damals politisch, gesellschaftlich relevant und heftig diskutiert. Bis heute gehört Mozarts Stück zum Kernrepertoire nahezu jedes bedeutenden Opernhauses.
Wenn die Bayerische Staatsoper nun an diesem Sonntag erstmals die neu geschriebene Oper "Of One Blood" über Mary Stuart und Elizabeth I. zeigt, dürfte ein vergleichbarer Eklat allerdings kaum zu erwarten sein.
Ob die Namen des australischen Komponisten Brett Dean und der Librettistin Heather Betts in zwei Jahrhunderten noch geläufig sein werden und ob ihr Werk dann weiterhin auf großen Bühnen gespielt wird, lässt sich naturgemäß nicht vorhersagen – vorausgesetzt, Theater existiert dann überhaupt noch in seiner heutigen Form.
Dean zeigt sich vor der Uraufführung in München dennoch optimistisch. Er hoffe, dass die Oper die Aufmerksamkeit von Opernfreunden gewinne, sagte der 64-Jährige. Zugleich wünsche er sich, dass das Stück auch Menschen neu für das Genre begeistern könne. Wer einen ganzen Abend in die Welt der Oper eintauche, bringe bereits Offenheit mit – diese Zuschauer müsse man dann auch fesseln.
Regisseur Claus Guth, der das Werk in München auf die Bühne bringt, beschreibt jede Uraufführung als Expedition in unbekanntes Terrain. Gerade das reize ihn. Es gebe keine gewachsenen Deutungen, keine Tradition, auf die man sich stützen könne. Deshalb müsse für jedes neue Werk eine eigene Bild- und Bühnensprache entwickelt werden, die den Kern der Komposition trifft.

Dabei, so Guth, sei ein Skandal nicht zwingend nötig, um Wirkung zu entfalten. Früher seien Opern stärker in politische und gesellschaftliche Debatten eingebunden gewesen. Neue Ideen oder Angriffe auf bestehende Ordnungen hätten unmittelbar heftige Reaktionen auslösen können. Heute sei Oper stärker Teil eines etablierten Kulturbetriebs. Viele Themen würden schneller eingeordnet und erklärt, wodurch weniger unmittelbare Reibung entstehe.
Für ihn gehe es daher weniger darum, einen Skandal zu provozieren, als vielmehr eine andere Form von Dringlichkeit zu erzeugen. Entscheidend sei, sichtbar zu machen, wie Macht funktioniert, wie Entscheidungen zustande kommen und welche Folgen sie haben. Das könne leiser wirken als ein Eklat, aber nicht weniger intensiv.
Zeitgenössische Oper bleibt ein schwieriges Feld
Leicht hat es neue Oper in Deutschland allerdings nicht. Nach der Bühnenstatistik des Deutschen Bühnenvereins kamen in der Spielzeit 2023/24 bundesweit 56 Opern-Uraufführungen auf die Bühne. Das entsprach nur acht Prozent aller Operninszenierungen.
Diese Premieren zogen zusammen 91.384 Besucherinnen und Besucher an – und damit nicht einmal halb so viele wie eine der bekanntesten Mozart-Opern.
Zum Vergleich: Allein "Die Zauberflöte" erreichte im selben Zeitraum deutschlandweit 189.697 Zuschauer in 19 Inszenierungen und 202 Aufführungen.
Guth sieht einen Grund dafür in der besonderen Funktionsweise neuer Werke. Das klassische Repertoire sei über lange Zeit vertraut geworden – Klang, Dramaturgie und Form seien vielen bekannt. Neue Opern dagegen träten mit einer eigenen Sprache auf, der das Publikum ohne Vergleichsmöglichkeiten begegne.
Kritik an zu vorsichtigen Spielplänen
Manuela Kerer, künstlerische Leiterin der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater, sieht das Problem auch bei der Programmplanung vieler Häuser. Spielpläne klebten oft zu sehr an der Vergangenheit, sagt sie. Dabei werde das Publikum unterschätzt. Angst vor neuen Klängen habe es nicht – eher vor Langeweile oder einem belehrenden Ton.
Gleichzeitig würden derzeit durchaus viele neue Musiktheaterwerke in Auftrag gegeben, auch von großen Institutionen. Zeitgenössisches Musiktheater sei jedoch kein Selbstläufer. Das Publikum müsse dort erreicht werden, wo es eine echte Dringlichkeit spüre.
Katrin Beck, ebenfalls künstlerische Leiterin der Biennale, lobt den Mut von Künstlern wie Dean und Betts. Wer heute eine völlig neue Oper komponiere und schreibe, suche nicht den sicheren Rückzug im Elfenbeinturm, sondern stelle sich bewusst den Fragen der Gegenwart. Gerade darin liege das große Potenzial des Genres, das Menschen mit allen Sinnen ansprechen könne.
Von einer Opernkrise will die Biennale nichts wissen
Von einer Krise der Oper, speziell der zeitgenössischen, möchten die Festivalleiterinnen nicht sprechen. Das Interesse sei eindeutig vorhanden. Die Vorstellung, Oper sei früher ein bequemes, sorgenfreies Kulturformat gewesen, halten sie für nostalgisch verklärt.
Gleichzeitig räumt Beck ein, dass der Spitzenplatz der "Zauberflöte" als meistgespielte Oper wohl auch in hundert Jahren schwer anzugreifen sein dürfte.
Trotzdem sieht sie klare Chancen für neue Werke. Moderne Opern könnten sehr wohl mit Wagner, Verdi oder Mozart konkurrieren – vorausgesetzt, die Opernhäuser lockerten ihre starke Vorliebe für verlässliche Klassiker etwas. Am künstlerischen Talent fehle es jedenfalls nicht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion