Kaufzurückhaltung, Preisdruck und Billigplattformen setzen dem Einzelhandel weiter zu
Die Lage im deutschen Einzelhandel hat sich weiter verschärft. Als größtes Problem nennt die Branche die anhaltende Zurückhaltung der Verbraucher beim Einkaufen. Das geht aus einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) unter 600 Handelsunternehmen hervor.
79 Prozent der befragten Händler sehen die schwache Kauflaune als drängendste Herausforderung. HDE-Präsident Alexander von Preen führt das auf eine hohe Sparquote und fehlendes Zukunftsvertrauen vieler Kunden zurück. Zwar zeigt die Konsumstimmung zuletzt einen leichten Aufwärtstrend, nach Erhebungen von HDE und Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) bleibt sie aber auf sehr niedrigem Niveau. Von Preen spricht von einer Stimmung wie im zweiten Corona-Lockdown und von einer noch dramatischeren Lage als im ohnehin schwachen Vorjahr.
Aus Sicht des Handels könnten vor allem zwei Faktoren die Konsumlaune merklich verbessern: ein Ende internationaler Krisen – etwa im Iran – sowie steuerliche Entlastungen, damit den Menschen mehr Netto vom Brutto bleibt.
Geschäftslage vieler Händler verschlechtert sich weiter
63 Prozent der Unternehmen berichten laut HDE, dass sich ihre Geschäftssituation im ersten Halbjahr verschlechtert hat. Im Vorjahreszeitraum waren es 51 Prozent. Aktuell bewerten 42 Prozent der Händler ihre Lage als schlecht, nach 33 Prozent vor einem Jahr.
Für 2026 rechnet rund zwei Drittel der Betriebe mit leicht oder deutlich sinkenden Umsätzen im Vergleich zum Vorjahr. Nur 18 Prozent erwarten ein Plus. Nach Angaben des Ifo-Instituts fürchtet inzwischen jeder sechste Einzelhändler um seine Existenz – so viele wie noch nie.
Viele Betriebe leiden zugleich unter steigenden Kosten für Personal, Energie und den Wareneinkauf, während die Umsätze kaum zulegen. Als weitere große Belastungen nennen die Unternehmen Bürokratie (55 Prozent), die Preisentwicklung und den Mindestlohn (jeweils 48 Prozent) sowie hohe Energiekosten (45 Prozent).
Inflationsschock hallt im Alltag weiter nach
Die Unsicherheit der Verbraucher hängt auch mit der wirtschaftlichen Stimmung insgesamt zusammen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger ist die Sorge um die wirtschaftliche Lage die größte Angst vieler Menschen in Deutschland. 51 Prozent bewerten die Situation negativ, nur 18 Prozent positiv – im internationalen Vergleich fällt die Einschätzung hierzulande besonders kritisch aus.
Ein zentraler Grund dafür sind die Preissteigerungen der vergangenen Jahre. Zwar hat die Inflation zuletzt deutlich nachgelassen, doch vor allem beim Lebensmitteleinkauf sind die Folgen weiter spürbar. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts liegen die Nahrungsmittelpreise seit 2020 im Schnitt um 37 Prozent höher.
Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung kommt zwar zu dem Ergebnis, dass Kaufkraftverluste durch höheren Mindestlohn sowie Tarif- und Rentensteigerungen inzwischen ausgeglichen wurden. Dennoch fühlt sich weiterhin eine Mehrheit schlechter aufgestellt als noch vor fünf Jahren – mit entsprechenden Folgen für den Konsum.
Prognose bleibt bestehen – deutliches Wachstum vor allem online
An seiner Prognose hält der HDE fest. Für das laufende Jahr erwartet der Verband im deutschen Einzelhandel einen Gesamtumsatz von 697,4 Milliarden Euro. Das entspräche gegenüber 2025 einem nominalen Wachstum von zwei Prozent, preisbereinigt aber nur einem realen Plus von 0,5 Prozent.
Deutlich besser als der stationäre Handel dürfte sich erneut das Internetgeschäft entwickeln. Für den Onlinehandel wird 2026 ein reales Umsatzwachstum von 3,5 Prozent erwartet, während die stationären Umsätze voraussichtlich stagnieren. Auf das Netz entfällt inzwischen bereits rund ein Siebtel der Erlöse im deutschen Einzelhandel – Tendenz steigend.
Der digitale Vertrieb profitiert weiterhin von veränderten Konsumgewohnheiten: Verbraucher können rund um die Uhr und an sieben Tagen die Woche einkaufen, die Lieferung erfolgt oft schnell, die Auswahl ist groß und Preisvergleiche sind einfach. Häufig sind Produkte günstiger, Rücksendungen meist kostenlos und viele Menschen sparen sich zudem den Weg in die Innenstadt sowie Parkgebühren. In Warengruppen wie Bekleidung oder Elektronik ist der Onlinekauf für viele bereits zum Standard geworden.
Temu, Shein und AliExpress gewinnen weiter an Gewicht
Neben großen etablierten Plattformen wie Amazon gewinnen asiatische Anbieter stark an Bedeutung. Auf Temu, Shein und AliExpress entfielen im zweiten Quartal 5,3 Prozent der Onlinehandelsumsätze in Deutschland – ein Rekordwert, wie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland berichtet. Zwischen April und Juni legten ihre Umsätze im Jahresvergleich um mehr als 20 Prozent auf gut 1,1 Milliarden Euro zu.
Der Preis ist für viele Kunden derzeit das wichtigste Kaufkriterium. Schnäppchen und Rabatte sind besonders gefragt. Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Appinio zufolge bestellen viele Verbraucher trotz Bedenken bei der Produktqualität bei Temu und Shein. Der starke Preisreiz überlagere diese Sorgen häufig.
Nach Einschätzung des HDE dürfte etwa ein Drittel des Onlinewachstums 2026 auf Temu und Shein entfallen. Eine Studie von IW Consult im Auftrag des HDE beziffert die Umsätze, die dem Einzelhandel dadurch jährlich entgehen, auf rund 2,5 Milliarden Euro.
Vom hohen Preisbewusstsein profitieren auch Discounter wie Action oder Woolworth. Nach Angaben des Handelsforschungsinstituts IFH Köln übernehmen sie in vielen Warengruppen zunehmend die Rolle des Fachhandels. Handelsexperte Kai Hudetz spricht von einem „Verlust der Mitte“: Günstige Einstiegsangebote sowie Premium- und Luxussegmente gewinnen an Bedeutung, während mittlere Preislagen weiter unter Druck geraten.
Mehr Insolvenzen, weniger Geschäfte, weniger Kunden in den Innenstädten
Die Krise zeigt sich auch bei den Insolvenzen. Nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade erreichte ihre Zahl 2025 den höchsten Stand seit zehn Jahren. 2026 blieb das Niveau hoch, ging aber leicht zurück. Zu den jüngsten Fällen zählen der Dekohändler Depot und die Baumarktkette Hellweg.
Zehntausende Geschäfte haben in den vergangenen Jahren geschlossen – nicht nur wegen Insolvenzen. Der HDE rechnet damit, dass die Zahl der Läden 2026 auf unter 300.000 sinkt. Ende 2015 waren es noch rund 372.000.
Knapp 80 Prozent der Händler berichten zudem, dass ihre Kundenfrequenz in den vergangenen zwei Jahren zurückgegangen ist. Um das stationäre Geschäft zu stärken, fordert HDE-Präsident von Preen lockerere Regeln für Sonntagsöffnungen. Unterstützung kommt von der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Deren Präsident Peter Adrian plädiert sogar für eine Grundgesetzänderung, um verkaufsoffene Sonntage rechtlich dauerhaft abzusichern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber