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Sarah Engels: Warum sie alle unterschätzen

Viele lästerten über Sarah Engels' ESC-Nominierung – doch wer genauer hinschaut, merkt: Sie wird völlig unterschätzt.

08.05.2026, 06:00 Uhr

Sarah Engels begegnet vielen Menschen vor allem in durchinszenierten Instagram-Storys: zwischen Familienmomenten, Hochglanz-Ästhetik und Werbung. Als sie vor rund fünf Jahren ihre Verlobung mit ihrem heutigen Mann Julian öffentlich machte, war kurz zuvor noch Fitnessmode Thema. Das verführt schnell dazu, sie lediglich als Lifestyle-Persönlichkeit wahrzunehmen. Zumal in Deutschland alles, was aus dem Casting-TV stammt, oft mit besonderer Skepsis betrachtet wird.

Dabei greift dieser Blick auf die Kölner Sängerin womöglich zu kurz. Die 2011 durch „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt gewordene Künstlerin steht nun vor einem wichtigen Moment: Am 16. Mai soll sie Deutschland beim Eurovision Song Contest in Wien vertreten. Anlass genug, genauer auf ihren Weg zu schauen.

„Ich bin wahrscheinlich das beste Beispiel dafür, dass man nicht perfekt sein muss“, sagte Engels im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Ich bin keine perfekte Mutter und keine perfekte Ehefrau – aber ich bin jemand, der immer wieder aufsteht.“

Sarah Engels steht vor ihrem Karrierehöhepunkt: Sie singt für Deutschland beim ESC. (Archivbild)
Credit: Carsten Koall/dpa

Vom Boulevard zurück auf die Bühne

Dass Sarah Engels überhaupt so lange im deutschen Unterhaltungsgeschäft bestehen würde, war anfangs nicht unbedingt ausgemacht.

Zwar schaffte sie es 2011 bei DSDS bis ins Finale, doch im Mittelpunkt stand bald weniger ihre Stimme als ihre Liebesgeschichte. Während der Show kamen sie und ihr damaliger Konkurrent Pietro Lombardi zusammen. Im Finale inszenierte das Fernsehen die beiden beinahe wie ein Brautpaar – inklusive Pietros eigenwilligem Trainingsjacken-Look. Ein typischer Moment jener Casting-TV-Ära, in der private Geschichten oft stärker wirkten als musikalische Leistungen.

Sarah Engels: Deutschlands ewige Unterschätzte
Sarah Engels steht vor ihrem Karrierehöhepunkt: Sie singt für Deutschland beim ESC. (Archivbild) Quelle: Carsten Koall/dpa

Danach folgten Hochzeit, ein gemeinsames Kind und schließlich eine Trennung, die öffentlich breit verfolgt wurde. Selbst der Name ihres Sohnes Alessio wurde in den 2010er-Jahren zu einem popkulturellen Running Gag.

So fing alles an: Sarah Engels im Finale von „Deutschland sucht den Superstar“ - zusammen mit ihrem damaligen Freund Pietro Lombardi. (Archivbild)
Credit: picture alliance / dpa

Wer eine derart medienwirksame Geschichte erlebt, landet meist dauerhaft in den Klatschspalten. Bei Sarah Engels – die den zwischenzeitlich angenommenen Nachnamen Lombardi später wieder ablegte – kam es anders. Sie schaffte es, die Kontrolle über ihre öffentliche Erzählung zurückzugewinnen.

In den Jahren danach zeigte sie, dass hinter dem Promi-Image auch Können und Ehrgeiz stecken. Sie war erfolgreich bei „Let’s Dance“, trat bei „Dancing on Ice“ an und gewann „Das große Promibacken“ mit einer aufwendig gestalteten zweistöckigen Löwen-Torte. Spätestens mit ihrem Sieg bei „The Masked Singer“ im Jahr 2020 dürften viele überrascht festgestellt haben, wie stark sie tatsächlich singt.

Der ESC als großer Test

Inzwischen ist Engels nicht nur Sängerin, sondern auch Schauspielerin – unter anderem in „Das Traumschiff“ und „Die Tänzerin und der Gangster“ –, stand als Hauptdarstellerin im Musical „Moulin Rouge!“ auf der Bühne und erreicht bei Instagram rund 1,8 Millionen Follower. Anders gesagt: Während manche sie weiterhin als bloßen „Promi“ abtun, hat sie sich längst ein beachtliches Unterhaltungsprofil aufgebaut.

Eine wichtige Konstante sei in all den Jahren ihre Mutter gewesen, sagt Engels. Die gebe ihr regelmäßig Ratschläge, obwohl sie mit der Branche eigentlich nichts zu tun habe. Dann kämen Vorschläge wie: „Sarah, sing doch mal auf Italienisch!“ Oder sie rege sich über Schlagzeilen auf und wolle am liebsten selbst in Redaktionen anrufen, um Dinge richtigzustellen. Engels beschreibt das als reinen Mutterinstinkt.

Ganz ohne Fehltritte verläuft ihre Karriere allerdings nicht. Vor Kurzem geriet ein Video in die Kritik, in dem sie in Südafrika gemeinsam mit Kindern sang. Ihr wurde vorgeworfen, die Kinder für Social-Media-Inhalte zu instrumentalisieren.

Engels erklärte daraufhin, ihre Absicht sei gut gewesen, zugleich könne sie nachvollziehen, dass die Veröffentlichung sensibel sei und missverstanden werden könne. Sie sei im Rahmen ihrer Stiftung in Südafrika gewesen, die Frauen und Mädchen unterstützen wolle. Das Video nahm sie anschließend offline.

Mittlerweile ist das Multitalent Sarah Engels sogar Musical-Star - bei „Moulin Rouge“. (Archivbild)
Credit: Rolf Vennenbernd/dpa

Zu perfekt, um glaubwürdig zu wirken?

Mit der ESC-Nominierung dürfte sie auch gespürt haben, wie stark öffentliche Aufmerksamkeit und Kritik plötzlich zunehmen. Skepsis gibt es weiterhin – nicht zuletzt wegen ihres sehr kontrollierten, perfekt durchgeplanten Auftretens. Die Frage liegt nahe: Ab wann wird Professionalität zu Glätte, und wann wirkt Perfektion beliebig?

Auch ihr ESC-Beitrag lässt sich in diesem Spannungsfeld lesen. Einerseits ist er eine präzise inszenierte Tanz-Pop-Nummer mit feministischer Botschaft – also genau jene Art Song, die derzeit international gefragt ist.

Andererseits betont Engels, dass ihr die Aussage persönlich wichtig sei: Frauen würden oft dazu erzogen, eher leise zu sein, sich anzupassen und nicht aufzufallen. Ihr Lied wolle das Gegenteil vermitteln – laut sein dürfen, brennen dürfen, sich nicht verbiegen müssen.

Fest steht: Der Auftritt beim ESC markiert vorerst den Höhepunkt ihrer Laufbahn. Engels selbst sagt, dass die kleine Sarah, die mit drei Jahren mit einem Spielzeugmikrofon im Kinderzimmer stand, nie geglaubt hätte, einmal Deutschland bei diesem Wettbewerb vertreten zu dürfen.

Wie der Abend für sie endet, wird natürlich auch vom Ergebnis abhängen. Sicher scheint aber schon jetzt: Jeder Ton, jede Bewegung und jede Geste werden sitzen.

Vielleicht wird genau dieser ESC-Moment am Ende dazu führen, dass man die Karriere von Sarah Engels neu erzählt – und ernsthafter bewertet als bisher.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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