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«Poesie-Guru»: Warum Anne Carson alle fasziniert

Von Fans vergöttert, von Kritikern gefeiert: Anne Carson sprengt alle Grenzen – und holt sich jetzt auch noch den Nobelpreis.

08.10.2026, 13:49 Uhr

Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis

Schon als Mädchen schwärmte Anne Carson für Oscar Wilde. Einmal erzählte sie der New York Times, sie habe sein wollen wie der irische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts: gebildet, stilvoll und geistreich. Dieser Wunsch führte sie zu Latein und Altgriechisch. In beiden Fächern wurde sie so versiert, dass sie später selbst lehrte und übersetzte. Zugleich machte sie sich als Autorin und Lyrikerin einen Namen und wurde mit zahlreichen Preisen geehrt – nun auch mit der höchsten literarischen Auszeichnung, dem Nobelpreis für Literatur.

Carson wurde am 21. Juni 1950 in Toronto geboren, als jüngeres von zwei Kindern. Der Vater arbeitete bei verschiedenen Banken, die Mutter war Hausfrau. Weil die Familie häufig umzog, wuchs sie in mehreren kleineren Orten der Provinz Ontario auf. Ihre Begeisterung für die antiken Sprachen begann bereits in der Schulzeit und setzte sich im Studium fort. An der University of Toronto habilitierte sie sich schließlich. Altgriechisch bezeichnet Carson bis heute als ihre Lieblingssprache – wegen ihrer Genauigkeit und weil sie eine ganz eigene Erfahrung ermögliche.

Debüt mit einem Werk jenseits aller Gattungen

Zunächst unterrichtete und übersetzte Carson Altgriechisch an verschiedenen Hochschulen, unter anderem in Ann Arbor in Michigan und in New York. Parallel dazu schrieb sie. 1986 veröffentlichte sie mit Eros the Bittersweet ihr erstes Buch. Das Werk verbindet Roman, Poesie und klassische Philologie und zeigte früh, dass Carson sich nicht in traditionelle literarische Schubladen einordnen lässt. Einmal sagte sie dem Guardian: Wenn Prosa ein Haus sei, dann sei Poesie ein brennender Mensch, der in hohem Tempo hindurchlaufe.

Nobelpreis für Literatur - Berlin
Bücher von Anne Carson im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann. Quelle: Soeren Stache/dpa

In den folgenden Jahren erschienen mehr als ein Dutzend weiterer Bücher. Jedes davon war auf seine Weise ungewöhnlich, und mit jedem neuen Titel gewann Carson ein größeres und begeisterteres Publikum. Besonders Autobiography of Red gilt vielen als ihr Hauptwerk. Auf Deutsch erschien das Buch 2019 zusammen mit der Fortsetzung Red Doc> unter dem Titel Rot. Zwei Romane in Versen bei S. Fischer.

Von Kritik und Publikum gefeiert

Die Literaturkritik lobt Carson seit Langem. Der Guardian nannte sie einmal einen „Poesie-Guru“, die New York Times pries ihre „unergründliche Brillanz“. Dort hieß es auch, Carson wirke auf der Seite wie bei Lesungen, als stamme sie aus einer anderen Welt – entweder aus der Antike oder von einem anderen Planeten. Ihre Texte, so die Zeitung, bewegten sich in Richtungen, in die das menschliche Denken normalerweise nicht von selbst gelange.

Genau das ist für Carson Programm. Sie sagte einmal, sie wolle die Gehirne der Menschen in Bewegung bringen. Der menschliche Geist neige zur Trägheit, man sitze da und höre zu – umso wichtiger sei es, ihn an Orte zu führen, an denen er noch nie gewesen sei.

Für dieses Werk erhielt die Kanadierin bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter ein Guggenheim Fellowship, ein MacArthur Fellowship, den PEN-Preis für Dichtung sowie die Ehrendoktorwürde der University of Toronto. Nun kommt der Literaturnobelpreis hinzu, den die Schwedische Akademie ihr für ihr „kühnes und erfinderisches“ Gesamtwerk zuspricht.

Kampf gegen die Langeweile

Seit einigen Jahren arbeitet Carson eng mit ihrem Partner Robert Currie zusammen, der sie auch künstlerisch unterstützt. Gemeinsam entwickeln sie Bühnenperformances. Carson sagte dazu, ihre Arbeit habe sie irgendwann gelangweilt. Currie habe vorgeschlagen, Tänzer hinzuzunehmen – und genau das hätten sie getan. Langeweile sei ohnehin ihr größter Gegner. Alles, was sie tue, diene letztlich dazu, sie zu vermeiden.

Mit 76 Jahren gilt Anne Carson heute gleichermaßen als renommierte Kennerin des Lateinischen und Altgriechischen wie als vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Dichterin. Doch ihr Kindheitsidol Oscar Wilde ist für sie weiterhin Maßstab und Sehnsuchtsfigur. Sie habe, sagte Carson, nie aufgehört, so sein zu wollen wie er – und dieses Ziel sei bis heute unerreicht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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