Pet Shop Boys erzählen Alan Turings Leben als Konzeptalbum neu
Die Pet Shop Boys haben eines ihrer ungewöhnlichsten Projekte neu aufgelegt. Bereits im Sommer 2014 traten Neil Tennant und Chris Lowe bei den BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall auf. Anstelle ihrer bekannten Popklassiker wie „West End Girls“, „Suburbia“ oder „Go West“ brachten sie damals gemeinsam mit Orchester und Chor ein Werk über das Leben des Mathematikers Alan Turing auf die Bühne – angelegt als musikalische Erzählung in acht Teilen.
Nun, zwölf Jahre später, haben die beiden Musiker das Stück überarbeitet und als Konzeptalbum eingespielt. „A Man From The Future“, das am 9. Oktober erscheint, widmet sich dem Leben Turings: dem Mann, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich zur Entschlüsselung des deutschen Enigma-Codes beitrug, als Wegbereiter der Computertechnik gilt und später wegen seiner Homosexualität strafrechtlich verfolgt wurde.
Wechsel zwischen Erzählung und Gesang
Im Unterschied zu früheren Veröffentlichungen der Band steht diesmal nicht allein Tennants Stimme im Mittelpunkt. Über weite Strecken übernimmt Schauspielerin Juliet Stevenson die Rolle der Erzählerin. Sie liest Passagen aus Andrew Hodges’ Turing-Biografie „Alan Turing: The Enigma“, die bereits die Grundlage für den Film „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch bildete.
Tennant greift viele dieser Textzeilen im Gesang auf, wiederholt sie und setzt so musikalische Akzente. Klanglich verbindet das Album Streicherarrangements mit elektronischen Elementen und rhythmischen, teils tanzbaren Passagen. Für Tennant bleibt das Ergebnis dennoch klar im Pop verankert: Im Kern sei es elektronische Popmusik.

Warum Turing?
Der Anstoß für das Projekt kam Ende 2011. Chris Lowe hatte im Fernsehen ein Doku-Drama über Alan Turing gesehen. Für Tennant lag die Verbindung schnell auf der Hand: Turing habe gewissermaßen den Computer erfunden – und damit die technische Grundlage für einen Großteil ihrer eigenen Musik geschaffen. Deshalb habe man sofort gespürt, dass die Geschichte auch etwas mit ihnen selbst zu tun habe.
Lowe wiederum faszinierte vor allem die persönliche Dimension von Turings Lebensweg. Beide Musiker lasen daraufhin Hodges’ Biografie, auf deren Basis Tennant schließlich das Skript entwickelte.
Die Band erklärte zum Album, ihr Anliegen sei es gewesen, Turing ein musikalisches Denkmal zu setzen – einem Mann, der seinem Land und der Welt außerordentlich viel gegeben habe und dafür am Ende wegen seiner Sexualität verfolgt worden sei.
Acht Stücke, ein Leben
Die acht Kompositionen folgen Turings Biografie in zeitlicher Reihenfolge. „Natural Wonders Every Child Should Know“ verweist auf ein Buch, das Turing als Kind geschenkt bekam. Das Stück beschäftigt sich mit seiner Internatszeit sowie mit seinem engen Freund Christopher Morcom, der 1930 an Tuberkulose starb.
Mit „The Enigma“ enthält das Album auch seinen deutlichsten Dance-Track. Darin geht es um Turings Arbeit in Bletchley Park, wo er die Entschlüsselung deutscher U-Boot-Funksprüche mit leitete.
Ein besonders eindringlicher Moment ist „The Trial“, das filmisch inszeniert von Turings Verurteilung im Jahr 1952 erzählt. Der Wissenschaftler war wegen einer Beziehung zu einem anderen Mann angeklagt worden, die er nicht zu verbergen versuchte. Tennant sagte dazu, Turing sei wohl ein ausgesprochen ehrlicher Mensch gewesen, der keinen logischen Grund gesehen habe, sich in diesem Punkt zu verstellen. Nach der Verurteilung musste er sich einer Hormonbehandlung unterziehen – der sogenannten chemischen Kastration.
Elektronischer und intimer als die Bühnenfassung
Nach der Aufführung in der Royal Albert Hall waren die Pet Shop Boys mit der damaligen Form des Werks nicht vollständig zufrieden. Tennant erklärte rückblickend, das Ganze sei zu groß geraten und habe fast den Charakter eines Oratoriums angenommen. Um der Geschichte gerechter zu werden, habe man den Klang elektronischer gestalten wollen. Gleichzeitig sollte das Werk persönlicher und intimer wirken, weshalb der Orchesteranteil reduziert wurde.
Für die neue Fassung war erneut der deutsche Komponist und Arrangeur Sven Helbig beteiligt, der schon 2014 die Orchestrierung übernommen hatte. Diesmal bearbeitete er die Musik für ein Streichoktett der Manchester Camerata. Lowe sagte, man habe sich gefragt, wie Musik der Zukunft für Alan Turing möglicherweise geklungen haben könnte.
Aufgenommen wurde das Album in Berlin, London und Manchester. Die Wahl Manchesters war bewusst: Dort arbeitete Turing nach dem Krieg an der Universität und lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1954 in der Nähe der Stadt.
Mehr als ein Popduo
Die Pet Shop Boys gelten schon lange nicht mehr nur als Lieferanten eingängiger Radiohits. Immer wieder haben sie Projekte jenseits klassischer Popformate verfolgt, etwa mit ihrer Musik für ein Ballett nach einem Märchen von Hans Christian Andersen.
Tennant sagte, das Duo habe schon seit Jahren Freude daran, über die Grenzen des drei- bis fünfminütigen Popsongs hinauszugehen. Ihr Anspruch sei immer gewesen, dass in der Popmusik grundsätzlich jedes Thema Platz finden könne.
Ein Schlussakkord mit politischer Dimension
Den Abschluss des Albums bildet der Titelsong „A Man From The Future“, der dem vertrauten Sound der Pet Shop Boys noch am nächsten kommt. Gleichzeitig schlägt das Stück den Bogen in die Gegenwart.
Darin ist unter anderem die posthume Entschuldigung des ehemaligen britischen Premierministers Gordon Brown aus dem Jahr 2009 zu hören, von ihm selbst eingesprochen. Ebenfalls eingebunden ist der Wortlaut von Turings königlicher Begnadigung aus dem Jahr 2013.
Die Erzählung endet mit dem sogenannten Turing-Gesetz von 2017. Durch diese Regelung wurden zehntausende weitere Männer begnadigt, die in Großbritannien zuvor wegen homosexueller Handlungen verurteilt worden waren.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber