Eine Milliardärin an der Spitze eines Kosmetikkonzerns, ein Alltag ohne Zufall und ein Leben, das bis ins Detail geregelt ist: So beginnt „Die reichste Frau der Welt“. Jeden Morgen kündigt ihr Butler pflichtbewusst das Frühstück an und trägt die Termine vor. Doch die exakt geordnete Welt von Marianne gerät aus dem Gleichgewicht, als sie dem Fotografen und Künstler Pierre-Alain begegnet.
Thierry Klifa erzählt diese Geschichte als bissige Satire über Reichtum, Einfluss und Selbstbetrug. Im Mittelpunkt stehen Isabelle Huppert als Marianne Farrère und Laurent Lafitte als Pierre-Alain Fantin. Marianne ist beherrscht, kühl und längst nicht mehr jung – und erlebt dennoch überraschend spät ein Gefühl von Freiheit. Pierre-Alain dagegen ist provokant, exzentrisch und unverfroren – genau damit bringt er ihre Ordnung ins Wanken.
Wenn die Kontrolle bröckelt
Marianne führt ihr Unternehmen mit harter Hand. In ihrer Welt gehört öffentliche Disziplin ebenso zum Geschäft wie die richtige Haltung. Als ihre Tochter, gespielt von Marina Foïs, sie mit Pierre-Alain bekannt macht, beginnt dieses System zu kippen.
Schon bald erliegt Marianne dem Reiz des schillernden Fotografen, der sie zugleich umgarnt und herausfordert. Seine Mischung aus Spott, Charme und Grenzüberschreitung zieht sie immer stärker in seinen Bann.
Eine Beziehung mit Sprengkraft
Aus der Begegnung wird schnell mehr als bloße Faszination. Marianne öffnet ihm nicht nur die Tür zu ihrem luxuriösen Lebensstil, sondern gewährt ihm auch Zugang zu ihrem Vermögen – sichtbar ohne klare Grenzen. Selbst seine gezielten Provokationen schrecken sie nicht ab: sein demonstratives Anderssein, seine Eskapaden, seine Lust an der Grenzverletzung.
Während Marianne sich immer tiefer auf ihn einlässt, wächst in ihrem Umfeld die Unruhe. Ihr Ehemann bleibt zwar zurückhaltend, registriert jedoch, dass seine Frau durch diese Beziehung auflebt. Die Tochter hingegen beobachtet die Entwicklung mit wachsender Sorge.
Zwischen Marianne und Pierre-Alain entsteht ein ebenso faszinierendes wie zerstörerisches Machtverhältnis – irgendwo zwischen Begehren, Einflussnahme und emotionaler Abhängigkeit. Isabelle Huppert beschrieb diese Dynamik im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur als eine Art Sucht: Für ihre Figur sei dieser Mann „wie starker Alkohol“ – habe man einmal davon gekostet, komme man kaum noch davon los. Gerade dieser Kontrollverlust mache die Rolle so reizvoll.
Angelehnt an einen realen Skandal
Der Film greift den Bettencourt-Skandal als lockere Vorlage auf, der Frankreich in den 2000er-Jahren beschäftigte. Im Zentrum stand die L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt, die dem Fotografen François-Marie Banier über lange Zeit Geschenke im Millionenwert gemacht hatte.
Nachdem ihre Tochter Françoise Bettencourt-Meyers Anzeige erstattet hatte und von einer Ausnutzung der geschwächten Mutter sprach, entwickelte sich daraus ein viel beachteter Justizfall. 2015 wurde Banier schließlich wegen „Missbrauchs von Schwäche“ verurteilt.
Huppert betonte jedoch, dass sie sich bei ihrer Arbeit weniger für den tatsächlichen Kriminalfall interessiert habe als für die besondere Begegnung der beiden Figuren. Entscheidend sei für sie gewesen, wie leicht und plötzlich sich für Marianne im Kontakt mit diesem Mann eine neue, freie Seite öffnet.
Der Sog der Eskalation
Der Film konzentriert sich vor allem auf die Spirale der Exzesse, die diese Beziehung immer weiter antreibt. Einen besonderen Reiz entfalten dabei die Dialoge: Sie leben von Pierre-Alains Provokationslust und Mariannes schneidender Direktheit. Zugleich verhandeln sie feine Untertöne zu Themen wie Ehe, Vermögen, Status und Macht.
Zwischen Satire und Melancholie
Klifas Inszenierung bewegt sich zwischen Gesellschaftskomödie und bitterer Satire. Der Ton schwankt zwischen beißendem Witz und stiller Traurigkeit. Hinter der eleganten Oberfläche der High Society kommt eine Welt zum Vorschein, die von Einsamkeit, Leere und künstlich inszenierter Nähe geprägt ist.
Gefühle erscheinen hier wie Handelsware, echte Bindung wird durch Geld ersetzt. Ohne moralischen Zeigefinger, aber mit scharfem Blick legt der Film diese Mechanismen offen.
So wird „Die reichste Frau der Welt“ zu einem ebenso unterhaltsamen wie giftigen Stück Kino – getragen vor allem von Isabelle Huppert, die Marianne zugleich unnahbar und verletzlich wirken lässt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion