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ESC in Wien: Favoriten, Boykott, Fan-Fieber

ESC im Ausnahmezustand: Boykott, drohende Proteste und ein Sicherheitsaufgebot wie nie zuvor überschatten die Mega-Show.

08.05.2026, 10:20 Uhr

ESC 2026 in Wien: Favoriten, Streit um Israel und verschärfte Sicherheit

Der Eurovision Song Contest ist längst weit mehr als ein klassischer Liederwettbewerb. Aus der ursprünglich eher beschaulichen TV-Show zur Völkerverständigung ist ein globales Popereignis mit riesiger Fangemeinde geworden. Vielfalt, spektakuläre Auftritte und eine große Finalshow vor rund 170 Millionen Fernsehzuschauern gehören inzwischen fest dazu. Beim 70. ESC in Wien wird das Musikfest jedoch auch von der Debatte um Israels Teilnahme überschattet. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Wer zählt zu den Favoriten?

Nach Einschätzungen von Buchmachern und Umfragen im Netz stehen die Chancen für Linda Lampenius und Pete Parkkonen aus Finnland besonders gut. Ihr Geigen-Gesangsduett „Liekinheitin“ gilt als heißer Anwärter auf den Sieg.

Ebenfalls stark gehandelt wird der dänische Sänger Søren Torpegaard Lund, der mit „Før vi går hjem“ antritt. Gute Aussichten werden auch Akylas aus Griechenland mit seinem fröhlichen Song „Ferto“ sowie der Australierin Delta Goodrem mit der Ballade „Eclipse“ eingeräumt.

Zum erweiterten Kreis der Mitfavoriten gehören Beiträge aus Schweden und Italien, außerdem die französisch-amerikanische Künstlerin Monroe mit „Regarde !“ und die Rumänin Alexandra Capitanescu. Vor allem ihr Titel „Choke Me“ hatte schon im Vorfeld Diskussionen ausgelöst.

Wie stehen die Chancen für Deutschland und Österreich?

Für Deutschland geht Sarah Engels mit dem Titel „Fire“ ins Rennen. Bei Wettanbietern und in Online-Rankings liegt der Song derzeit eher im hinteren Mittelfeld. Ein Hoffnungsschimmer bleibt: In den vergangenen Wochen war „Fire“ der am häufigsten bei Google gesuchte ESC-Beitrag. Zudem ist Deutschland direkt für das Finale qualifiziert.

Vor Eurovision Song Contest
Wien ist in diesem Jahr ESC-Austragungsort. (Archivbild) Quelle: Hans Klaus Techt/APA/dpa

Gastgeber Österreich setzt auf Cosmó und den deutschsprachigen Titel „Tanzschein“. Die Begeisterung hält sich bislang allerdings in Grenzen. Damit bleibt der Beitrag bisher hinter den großen österreichischen ESC-Erfolgen von JJ (2025), Conchita Wurst (2014) und Udo Jürgens (1966) zurück.

Was ist dieses Jahr anders?

Neu ist vor allem die politische Brisanz: Gleich fünf Länder boykottieren den Wettbewerb. Spanien, die Niederlande, Irland, Slowenien und Island verzichten auf eine Teilnahme, weil sie Israels Vorgehen im Gazastreifen kritisieren und nicht bei einer Veranstaltung mitmachen wollen, an der Israel beteiligt ist.

Damit sinkt die Zahl der Teilnehmer auf 35 Länder – so wenige wie seit längerer Zeit nicht mehr. Deutschland und Gastgeber Österreich hatten ihre Teilnahme dagegen nie infrage gestellt und Israels Mitwirkung klar unterstützt.

Wer tritt für Israel an?

Israel wird von Noam Bettan vertreten. Der 28-Jährige geht mit dem emotionalen Popsong „Michelle“ an den Start. Israelischen Medien zufolge beschrieb er seine ESC-Teilnahme als einen Gang „in die Höhle des Löwen“. Auf mögliche feindselige Reaktionen bereitet er sich gezielt vor: Nach eigenen Angaben lässt er sich bei Proben sogar vom eigenen Team ausbuhen.

Wie sieht das Sicherheitskonzept aus?

Die Sicherheitsvorkehrungen in Wien sind massiv. Täglich sind Hunderte Polizisten im Einsatz – sowohl uniformiert als auch in Zivil. Auch die Spezialeinheit Cobra ist beteiligt. Hinzu kommen zahlreiche Kameras, die mögliche Gefahren frühzeitig erkennen sollen. Selbst das FBI unterstützt, vor allem beim Thema Cybersicherheit.

Strenge Kontrollen gelten an allen zentralen Veranstaltungsorten: in der Stadthalle, im ESC-Village vor dem Rathaus und auch in der großen Diskothek im Prater, in der die Aftershow-Partys stattfinden. Taschen sind nicht erlaubt. Rund 16.000 Personen, die beruflich mit dem Event zu tun haben, wurden polizeilich überprüft. Im Umfeld der Veranstaltungsorte gilt außerdem ein Drohnenverbot.

Sind Demonstrationen zu erwarten?

Bei den Behörden wurden bereits mehrere Kundgebungen angemeldet, vor allem aus dem propalästinensischen Spektrum. Weitere spontane Proteste sind jederzeit möglich. Besonders am Finaltag, dem 16. Mai, rechnet die Polizei mit Störungen oder Blockadeversuchen.

Direkt rund um die Stadthalle dürften solche Aktionen jedoch schwer umsetzbar sein, da das Gelände weiträumig abgesichert ist. Zudem können Platzverbote verhängt werden. Trotz des hohen Sicherheitsniveaus soll das Recht auf Versammlung grundsätzlich gewahrt bleiben.

Was ändert sich bei der Abstimmung?

Für den ESC in Wien wurden die Regeln angepasst. Das Publikum kann per Online-Voting, SMS oder Telefon nun maximal zehn Stimmen abgeben – bisher waren es 20. Außerdem erhält die Jury wieder mehr Gewicht und darf bereits im Halbfinale mitentscheiden.

Die Europäische Rundfunkunion (EBU) reagiert damit auf die Diskussionen nach dem ESC 2025 in Basel. Damals war die israelische Sängerin Yuval Raphael dank eines außergewöhnlich starken Publikumsvotings auf Platz zwei gelandet. Es gab Spekulationen, dass dafür eine gezielte Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern zugunsten Israels verantwortlich gewesen sein könnte.

Wer moderiert die Show?

Durch den Wettbewerb führen Victoria Swarovski, bekannt aus „Let’s Dance“, und der österreichische Schauspieler Michael Ostrowski, der für seinen eigenwilligen Humor bekannt ist.

Sollte es während der Livesendung zu lautstarken Buhrufen oder größeren Protesten gegen einzelne Teilnehmer kommen, könnte das Moderationsduo dies laut dem ORF auch direkt thematisieren. Ob das geschieht, soll situativ entschieden werden.

Was macht Wien als Gastgeberstadt besonders?

Wien will den ESC deutlich mit eigener Handschrift prägen. Passend zur berühmten Kaffeehauskultur wurden allen Teilnehmerländern bestimmte Cafés als Fan-Treffpunkte zugeteilt. So entstehen in der ganzen Stadt Begegnungsorte – vom eleganten Café Landtmann bis zum gemütlichen Café Hummel.

Auch kulturell wird viel geboten: Das Kunsthistorische Museum lädt Fans zu Abendführungen mit Cocktails und DJs ein, die Volksoper veranstaltet Mitsing-Abende mit ESC-Klassikern wie „Merci Cherie“ oder „Volare“. Auf der Donau fährt ein Eurovision-Partyschiff, und vor dem Rathaus entsteht eine große Public-Viewing-Fläche für bis zu 30.000 Menschen.

Welche Bedeutung hat der ESC für den ORF?

Für den österreichischen Rundfunk ist der Wettbewerb auch intern von großer Bedeutung. Der ORF hatte zuletzt selbst mit Turbulenzen zu kämpfen: Generaldirektor Roland Weißmann trat nach Vorwürfen unangemessenen Verhaltens gegenüber einer Mitarbeiterin zurück. Er weist die Anschuldigungen zurück.

Inzwischen wird der öffentlich-rechtliche Sender mit seinen rund 4.000 Beschäftigten von der Journalistin Ingrid Thurnher geführt. Erfahrung mit dem ESC hat der ORF bereits: Schon 2015 lieferte der Sender eine viel beachtete Show ab, die als Maßstab galt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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