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Diese Cannes-Momente schreiben deutsche Filmgeschichte

Sandra Hüller begeistert in Cannes als Erika Mann – und deutsche Filme über Geschichte sorgen plötzlich für Aufsehen.

17.05.2026, 13:28 Uhr

Deutsche Filmschaffende prägen Cannes mit Geschichten über Geschichte und Identität

Bei den Filmfestspielen in Cannes stehen zwar internationale Stars wie Kristen Stewart, Adam Driver und Woody Harrelson im Rampenlicht. Doch auch zahlreiche deutsche Namen sorgen in diesem Jahr an der Côte d’Azur für Aufmerksamkeit. Besonders viel Beifall bekommt Sandra Hüller, die in „Vaterland“ Erika Mann spielt, die gemeinsam mit ihrem Vater Thomas Mann durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland reist.

Neben ihr sind unter anderem Regielegende Volker Schlöndorff, die Schauspieler Lars Eidinger, Jella Haase, Hanns Zischler und August Diehl sowie Regisseurin Valeska Grisebach in Cannes vertreten. Grisebach tritt mit ihrem Film „Das geträumte Abenteuer“ im Wettbewerb um die Goldene Palme an. Auffällig ist dabei, dass sich mehrere Werke mit deutscher Vergangenheit und der Frage nach Identität auseinandersetzen.

Filme mit Blick auf deutsche Vergangenheit

Zu den frühen Favoriten gehört „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski. Das in strengem Schwarz-Weiß inszenierte Drama des polnischen Regisseurs wird von Kritikern besonders positiv aufgenommen. In „Moulin“ des Ungarn László Nemes über den französischen Résistance-Kämpfer Jean Moulin spielt Lars Eidinger den Gestapo-Chef Klaus Barbie. Und Volker Schlöndorff zeigt außer Konkurrenz „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“, in dem ein Haus zum Zeugen und Speicher eines ganzen Jahrhunderts wird.

Schlöndorff sieht einen besonderen Grund dafür, warum deutsche Filme in Cannes auf Interesse stoßen: In Frankreich habe es immer eine starke Neugier auf Deutschland gegeben. Diese Mischung aus Nähe und Distanz führe dazu, dass man sowohl die hellen als auch die dunklen Seiten Deutschlands wahrnehme – und es schätze, wenn deutsche Filme sich genau damit auseinandersetzen. Zugleich sei Cannes für die Branche ein idealer Ort, um Filme international sichtbar zu machen.

Filmfestival in Cannes
Der Film «Vaterland» von Pawel Pawlikowski kam in Cannes gut an. Quelle: Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa

Schlöndorff erinnert sich an seinen Triumph in Cannes

Mit seiner Günter-Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ gewann Schlöndorff 1979 bereits die Goldene Palme. Rückblickend beschreibt der 87-Jährige die damalige Einladung als eine Art Ritterschlag: Plötzlich habe er zur internationalen Filmwelt dazugehört. Gerade zu Beginn einer Karriere sei die Frage, ob man diesen Kreis erreichen könne, von großer Bedeutung.

Jetzt kehrt er mit „Heimsuchung“ zurück, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck. Das Drama mit Martina Gedeck, Lars Eidinger und Ulrich Matthes erzählt von mehreren Generationen, deren Schicksale mit einem Haus an einem See in Brandenburg verbunden sind. Von der Weimarer Republik über die NS-Zeit, den Krieg und die DDR bis zu den Veränderungen nach 1989 spiegeln sich dort die Brüche des 20. Jahrhunderts.

Schlöndorff beschreibt, wie die große Politik selbst in diesen abgelegenen Ort am See hineinwirkt. So entsteht ein eindringliches Bild deutscher Geschichte, das nicht nur Zerstörung und Verlust zeigt, sondern auch seltene Augenblicke von Nähe, Würde und Menschlichkeit. Die starken Naturaufnahmen verleihen dem Film zusätzlich eine poetische Note.

Sandra Hüller überzeugt in „Vaterland“

Auch „Vaterland“ verknüpft politische Geschichte mit persönlichen Beziehungen. Im Mittelpunkt stehen Thomas Mann, gespielt von Hanns Zischler, und seine Tochter Erika, verkörpert von Sandra Hüller. Pawlikowski erzählt von Familie, Trauer, Exil, Identität und Heimat – angelehnt an historische Ereignisse, aber ohne den Anspruch einer klassischen Rekonstruktion.

Die Handlung spielt 1949: Vater und Tochter reisen durch Deutschland, während Thomas Mann in Frankfurt am Main und in Weimar zum 200. Geburtstag Goethes spricht. Überschattet wird die Reise jedoch vom Tod von Klaus Mann, dargestellt von August Diehl.

Für Hüller waren besonders die Szenen schwer, in denen es um tiefe Trauer ging. Dabei gehe es nicht nur um den Verlust von Klaus Mann, sondern auch um den Verlust von Heimat. Dieses Thema habe sie während der Arbeit ständig begleitet, sagt die Schauspielerin.

In Cannes wird ihre Leistung mit großem Lob bedacht. Das Branchenblatt „Variety“ sieht sie bereits auf Kurs für das nächste Oscar-Rennen. Hüller hatte schon 2023 in Cannes einen großen Erfolg gefeiert: „Anatomie eines Falls“ gewann damals die Goldene Palme, später erhielt sie dafür eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin.

Jella Haase setzt auf Europas filmische Vielfalt

Erstmals in Cannes dabei ist Jella Haase, bekannt aus „Kleo“ und „Fack ju Göhte“. Die 33-Jährige ist im Wettbewerbsfilm „Gentle Monster“ der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer zu sehen. An ihrer Seite spielen Léa Seydoux, Laurence Rupp und Catherine Deneuve. Das Drama erzählt von einer Frau, deren Leben aus dem Gleichgewicht gerät, nachdem sie ein dunkles Geheimnis ihres Mannes entdeckt.

Haase sieht die starke deutsche Präsenz in Cannes in diesem Jahr als Teil einer größeren europäischen Entwicklung. Während große Hollywood-Studios dem Festival weitgehend fernbleiben, gewinnt das europäische Kino international an Gewicht. Für sie ist das eine erfreuliche Entwicklung, die noch stärker genutzt werden sollte – vor allem durch gemeinsame Produktionen über Ländergrenzen hinweg.

In „Gentle Monster“ wird auf Englisch, Französisch und Deutsch gesprochen. Genau diese Mehrsprachigkeit und kulturelle Offenheit betrachtet Haase als besondere Stärke Europas. Diese Vielfalt könne man im Kino noch viel stärker einsetzen und feiern.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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