Die Strokes galten lange als so etwas wie die letzten wirklichen Rockstars. Zu Beginn der 2000er-Jahre standen sie für einen Aufbruch im Rock – Karen O sagte einmal sogar, die Band habe den Rock’n’Roll gerettet.
Mit ihrem Debüt „Is This It“ trafen die New Yorker 2001 einen Nerv. Damals schien Gitarrenmusik gegenüber Hip-Hop, Nu Metal und elektronischen Sounds an Bedeutung zu verlieren. Die Strokes brachten den Rock zurück ins Gespräch. Paradox dabei: Viele ihrer Stücke, die heute als moderne Klassiker gelten, waren anfangs keine großen kommerziellen Erfolge.
Spätere Bands wie die Kings of Leon betonten, wie wichtig die Strokes für ihre eigene Entstehung gewesen seien. Doch bombastischer Stadionrock war nie das eigentliche Terrain von Julian Casablancas und seinen Mitmusikern – auch wenn sie inzwischen mühelos große Hallen füllen. Ihr neues Album „Reality Awaits“ unterstreicht genau das: Es klingt unverkennbar nach den Strokes und zugleich überraschend neu.
Siebtes Album, volle Hallen
Die Deutschlandkonzerte ihrer Herbsttour sind bereits ausverkauft. Dass die Band einmal sieben Studioalben veröffentlichen und auch 2026 noch so gefragt sein würde, war vor zwei Jahrzehnten keineswegs selbstverständlich.
In ihren frühen Jahren machten die Strokes nicht nur mit Musik Schlagzeilen, sondern auch mit Exzessen und selbstzerstörerischem Verhalten. Gitarrist Albert Hammond Jr. sagte dem Rolling Stone einmal, er habe zeitweise 2.000 Dollar pro Woche für Drogen ausgegeben. Frontmann Julian Casablancas tauschte seine Alkoholsucht später gegen eine extreme Vorliebe für Kaffee ein. Angeblich wurde er davon so hibbelig, dass sein Management ihm heimlich entkoffeinierten Kaffee servierte. Casablancas wunderte sich daraufhin, weshalb Koffein plötzlich keine Wirkung mehr auf ihn zu haben schien.

Dass die Strokes auch heute noch so stark wirken, dürfte nicht zuletzt mit diesem veränderten Lebensstil zusammenhängen – und damit, dass sie weiterhin ein Gespür für gute Songs besitzen. „Reality Awaits“ ist ein spannendes Album, das hörenswert und zugleich erstaunlich experimentierfreudig ausfällt.
Der typische Strokes-Sound – und was sich verändert hat
Ein Strokes-Song lässt sich bis heute an einigen markanten Elementen erkennen. Da ist zunächst die leicht abgehobene, sofort identifizierbare Stimme von Casablancas, die für viele Fans des frühen Indierocks beinahe ein Trigger der Nostalgie ist. Dazu kommt das präzise, antreibende Schlagzeugspiel von Fabrizio Moretti, oft getragen von konsequenten Hi-Hat-Figuren.
Ebenso prägend ist das raffiniert ineinandergreifende Gitarrenspiel von Nick Valensi und Albert Hammond Jr. Vor allem aber zeichnet die Band ihre Fähigkeit aus, mit wenigen Akkorden eingängige, sofort wiedererkennbare Melodien und Hooks zu erschaffen.
Rund um diesen Kern hat sich jedoch einiges verschoben. Casablancas setzt inzwischen oft auf Autotune, was nicht bei allen gut ankommt – Puristen können immerhin beruhigt sein: Auf etwa der Hälfte des Albums bleibt seine Stimme davon unbeeinflusst. Vom rohen Garage-Rock der Anfangsjahre haben sich die Strokes bewusst entfernt. Stattdessen dominiert ein stärkerer New-Wave-Einschlag. Das Album klingt melancholisch, verspielt und klanglich offen für Experimente. Es gibt Spoken-Word-Passagen, Orgeln und Gitarren, die stellenweise fast wie Bläser wirken.
Diskussionen abseits der Musik
Thematisch kreisen die Songs grob um Entfremdung und Orientierungslosigkeit in der modernen Welt. Diese Haltung zeigte sich auch bei ihrem diesjährigen Coachella-Auftritt. Zum Abschluss blendete die Band eine Videomontage ein, die Kritik und Diskussionen auslöste, weil darin politische Vorwürfe gegen die US-Außenpolitik, mutmaßliche CIA-Aktivitäten und Militäreinsätze im Nahen Osten formuliert wurden.
Für Irritationen sorgte auch die Mitteilung, dass Gitarrist Nick Valensi vorübergehend pausieren und auf der kommenden Tour ersetzt werde. Gründe nannte die Band nicht.
Hörtipps aus „Reality Awaits“
Auf „Reality Awaits“ stehen weniger politische Statements im Vordergrund als vielmehr ein schwebendes, melancholisches Lebensgefühl. Besonders empfehlenswert sind die langsam anwachsende Prog-Rock-Ballade „Psycho Shit“, die zugleich leichtfüßige und nihilistische Pop-Rock-Single „Going Shopping“ sowie der treibend-melancholische Indie-Song „Dine N’Dash“. Am stärksten an die frühen Strokes erinnert „Lonely in the Future“.
Am Ende ist es fast ein wenig unfair, dass sich die Band wohl dauerhaft an ihrem eigenen legendären Katalog messen lassen muss. Gibt es auf dem neuen Album Songs, die an „Last Nite“, „Someday“, „Reptilia“, „Hard to Explain“ oder „You Only Live Once“ heranreichen? Eher nicht.
Vielleicht hilft aber ein anderer Blick: Würden diese neuen Stücke von irgendeiner anderen Band stammen, würden sie womöglich noch stärker gefeiert. Genau darin liegt vielleicht die besondere Schwierigkeit – und die anhaltende Größe – der Strokes.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber