Madonna hat mit einem Instagram-Post zuletzt Spekulationen ausgelöst. Sie schrieb sinngemäß: Wenn auf der Tanzfläche nichts los ist, liegt es vielleicht an der falschen Musik. Für manche Fans war sofort klar: Das sei ein Seitenhieb auf Charli XCX. Die Britin hatte in einem neuen Song zuvor schließlich das Ende des "Dancefloors" besungen.
Ob Madonna Charli XCX tatsächlich meinte, bleibt offen. Für die 33-Jährige dürften solche Debatten jedoch kaum schaden. Kaum eine andere Popkünstlerin versteht es derzeit so gut, sich zwischen Internet-Hype, Ironie und künstlerischem Anspruch zu inszenieren.
Ein Popstar, der nicht ins klassische Schema passt
Spätestens mit ihrem 2024 veröffentlichten Album "Brat" prägte Charli XCX monatelang Pop- und Netzkultur. Gleichzeitig wirkt sie mit ihrer lässigen, oft bewusst sperrigen Art wie das Gegenmodell zum perfekt polierten Mainstream-Pop. Sie gibt sich als exzessives Partygirl, reflektiert dieses Image aber zugleich immer wieder selbstironisch und auf Meta-Ebene – sogar filmisch.
Nun hat sie ihr neues Album "Music, Fashion, Film" vorgelegt. Schon das Cover deutet an, dass es ihr nicht nur um Popmusik geht: Dort sind Musiker John Cale, Designer Marc Jacobs und Regisseur Martin Scorsese versammelt. Es ist ein deutlicher Verweis auf die kulturellen Welten, in denen sich Charli XCX ebenfalls bewegt.
Bekannt wurde die Sängerin Anfang der 2010er Jahre mit Songs wie "Break the Rules" und "Boom Clap". Zuletzt stand sie vor allem für einen Mix aus Hyperpop und clubtauglichem Electro. Das neue Album schlägt dagegen hörbar andere Töne an: mehr Gitarren, mehr Kante, mehr Rock.

Charli XCX als "menschgewordenes Internet"
Diese Wendung kommt dennoch nicht überraschend. Sich klanglich immer wieder neu zu erfinden, gehört seit Jahren zu ihrem Markenzeichen. Der Spiegel bezeichnete sie vor einiger Zeit als das "menschgewordene Internet" – als jemand, der Trends aus dem Netz in die reale Popwelt übersetzen und für sich nutzen kann.
Wie treffend das ist, zeigte sich rund um "Brat" besonders deutlich. Die Britin, die mit George Daniel, dem Schlagzeuger von The 1975, verheiratet ist, löste mit dem Titel ihres sechsten Studioalbums eine regelrechte Welle aus.
Wie aus "Brat" ein Trend wurde – und wie sie ihn selbst beendete
"Brat" lässt sich ungefähr mit "Göre" übersetzen. Dahinter stand eine Haltung: tun, worauf man Lust hat, ohne sich um Erwartungen anderer zu scheren. Es war gewissermaßen ein Gegenentwurf zur geschniegelt wirkenden "Clean-Girl-Ästhetik". In einem BBC-Interview beschrieb Charli XCX den Look einmal provokant knapp: Ein Top ohne BH, ein Feuerzeug und eine Zigarettenschachtel würden schon reichen.
In Großbritannien wurde "Brat" später sogar vom Collins Dictionary zum Wort des Jahres gekürt. Das grellgrüne Artwork des Albums verbreitete sich massenhaft als Meme und stilistisches Vorbild. Selbst das Team der damaligen US-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris griff den Hype auf.
Charli XCX hätte diesen Erfolg problemlos weiter ausschlachten können. Stattdessen erklärte sie den Trend kurzerhand selbst für beendet. In der satirischen Produktion "The Moment", in der sie eine überzeichnete Version ihrer eigenen Person spielt, verabschiedete sie die "Brat"-Ära in diesem Jahr offiziell.
Dem Rolling Stone sagte sie dazu, es reize sie kreativ nicht, zweimal dasselbe zu machen. Ihre Alben lebten gerade davon, dass sie Gegensätze ausloten und sich bewusst voneinander unterscheiden.
Worum sich das neue Album dreht
Inhaltlich setzt sich "Music, Fashion, Film" mit dem Nachhall von "Brat" auseinander. Das Album wirkt weniger wie ein Bruch als vielmehr wie eine Selbstbefragung: Wer ist Charli XCX jenseits des Hypes eigentlich?
In "I’m Afraid" singt sie über Zweifel, Unsicherheit und die Angst zu scheitern – sowohl als Künstlerin als auch als Ehefrau. "Camera" kreist um die Frage, ob sie überhaupt weiterhin Musik machen will und ob es naiv sei, mit bald 34 noch Richtung Schauspiel zu schielen. Gleichzeitig bleibt der typische selbstironische Unterton erhalten. Im eingängigen "Wink Wink" verspricht sie mit einem Augenzwinkern, kein "bad girl" mehr sein zu wollen, und spielt damit direkt auf ihr eigenes Partygirl-Image an.
Auch wenn Charli XCX im Rolling Stone betonte, sie habe nie behauptet, ein Rockalbum gemacht zu haben, ist der neue Sound deutlich rauer. Drums und verzerrte Gitarren prägen viele Stücke. Besonders deutlich wird das bei "Rock Music" – jenem Song, der womöglich auch Madonnas Post inspiriert haben könnte. Im dazugehörigen Video bedient und zerlegt Charli XCX klassische Rock-’n‘-Roll-Bilder, etwa wenn sie einen Fernseher aus dem Fenster wirft.
Darin singt sie auch die viel diskutierte Zeile: "I think the dance floor is dead / So now we’re making rock music." Gegenüber dem Rolling Stone erklärte sie, die Passage sei vor allem aus ihrer persönlichen Erfahrung mit "Brat" heraus entstanden und nicht als Abrechnung mit Dance-Musik gedacht.
Ein Albumtitel wie ein Selbstporträt
Der Titel "Music, Fashion, Film" funktioniert am Ende fast wie eine Kurzbeschreibung der Künstlerin selbst. Denn Charli XCX ist nicht nur eine erfolgreiche Songwriterin, die auch für andere Stars wie Camila Cabello oder Selena Gomez geschrieben und zudem Musik für den Film "Wuthering Heights" beigesteuert hat.
Sie ist ebenso eine leidenschaftliche Filmfanatikerin, schwärmt unter anderem für Werner Herzog und nutzt aktiv die Filmplattform Letterboxd. Auch in der Modewelt setzt sie Akzente: Ihre eigenwilligen, kantigen Looks gelten vielen längst als Inspiration.
Und noch eine Pointe zum Schluss: Die Spekulationen über einen möglichen Zwist mit Madonna scheinen bereits wieder vom Tisch zu sein. Bei einer Modenschau während der Paris Fashion Week saßen beide nebeneinander – und begrüßten sich mit einer herzlichen Umarmung.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber