Warum Rap-Dokus derzeit boomen
Haftbefehl, Shirin David und Xatar zählen zu den Deutschrap-Stars, denen bereits eigene Dokumentationen gewidmet wurden. Jetzt hat auch das ZDF OG Keemo und Produzent Funkvater Frank in einer neuen Doku-Reihe begleitet. Solche filmischen Porträts, vor allem über bekannte Namen aus dem Rap, nehmen spürbar zu. Doch warum ist das so?
Fest steht: Hip-Hop und Rap sind schon lange kein Randphänomen mehr. Titel aus dem Genre landen regelmäßig an der Spitze von Charts und Streamingplattformen, während Künstlerinnen und Künstler wie Shirin David die Popkultur entscheidend mitprägen.
Rap-Kultur so groß und vielfältig wie nie
Für die Soziologin Heidi Süß, die zu Rap und Männlichkeitsbildern forscht, ist der Trend auch historisch erklärbar. Ihrer Ansicht nach gibt es nicht erst seit Kurzem Dokumentationen über Rapperinnen und Rapper, sondern schon seit Jahrzehnten auch Filme über Hip-Hop selbst und seine Entwicklung.
Hip-Hop sei von Anfang an eng mit Medien verbunden gewesen, sagt Süß. Bereits in den 1980er Jahren sei die Kultur mit Filmen wie Wild Style oder Beat Street international verbreitet worden. Dokumentationen über Hip-Hop hätten deshalb eine lange Tradition.
Dass heute verstärkt einzelne Künstler in den Mittelpunkt rücken, hängt laut Süß auch damit zusammen, dass Rap in Deutschland über viele Jahre gewachsen ist und heute größer, stärker ausdifferenziert und kommerzieller ist als je zuvor. Außerdem stünden hinter solchen Produktionen inzwischen oft Filmschaffende, die selbst mit Hip-Hop sozialisiert wurden.

Sender, Plattformen und Künstler profitieren gleichermaßen
Von Rap-Dokus profitieren nach Einschätzung der Wissenschaftlerin gleich mehrere Seiten: Produktionsfirmen, Fernsehsender, Streamingdienste und die Künstler selbst. So entwickelte sich etwa die Netflix-Dokumentation über Haftbefehl (069) zum Erfolg, ebenso wie die ARD-Serie über den verstorbenen Xatar (Tach Tach), die zu den stärksten Doku-Starts der Mediathek gezählt wurde.
Für Sender und Plattformen liegt der Vorteil darin, mit prominenten Rap-Stars ein junges Publikum anzusprechen. Die Musiker wiederum können sich mit solchen Formaten zusätzliche Geschäftsfelder und Zielgruppen erschließen. Angesichts der großen Konkurrenz im Rap sei es naheliegend, das eigene Angebot zu erweitern, meint Süß.
Viele bekannte Namen der Szene vermarkten längst mehr als nur Musik. Shirin David, Haftbefehl oder Capital Bra etwa brachten eigene Eistee-Marken heraus, andere setzten auf Shisha-Tabak oder weitere Produkte. Eine Doku kann dabei helfen, ein anderes Publikum zu erreichen. Oft dient sie außerdem als Begleitung für neue Alben oder andere Projekte und ist damit auch Teil der Selbstvermarktung.
Dokus als Folge des Erfolgs
Rap-Dokumentationen stehen damit exemplarisch für ein größeres Muster in der Popwelt. Stars präsentieren sich heute nicht mehr nur über Songs, Konzerte oder Social Media, sondern zunehmend auch über filmische Formate wie Dokus und Biopics.
Barbara Hornberger, Popmusikforscherin an der Bergischen Universität Wuppertal, hält solche Produktionen für vergleichsweise risikoarm. Mit überschaubarem finanziellem Aufwand lasse sich ein großes Publikum erreichen, weil die Zielgruppe bereits vorhanden sei: die Fans der porträtierten Person.
Hornberger betrachtet diese Entwicklung als typische Begleiterscheinung von Erfolg. Wenn eine Künstlerfigur oder Marke einmal funktioniere, lasse sich das oft über Jahre fortsetzen – auch durch ähnliche Folgeprodukte. Dokus und Biopics bedienten zudem das Bedürfnis vieler Menschen, sich Stars näher zu fühlen.
Große Identifikationskraft
Auch Heidi Süß sieht darin einen wichtigen Grund für den Erfolg solcher Formate. Viele Rap-Lebensgeschichten hätten ein starkes emotionales Identifikationspotenzial. In ihnen gehe es um Liebe, Verlust, Kriminalität, Drogen und Abstürze, aber auch um gesellschaftlich relevante Themen wie Migration oder Rassismuserfahrungen.
Hinzu komme der hohe Unterhaltungswert. Solche Produktionen versprechen Einblicke hinter die Kulissen und erzeugen das Gefühl von Nähe. Gleichzeitig sprechen sie Menschen an, die sich in bestimmten Erfahrungen wiederfinden. Künstler wie Haftbefehl stünden dabei auch für die enorme Vielfalt der Gesellschaft. Wenn solche Biografien sichtbar erzählt würden, könne das für viele Gruppen eine Form von Anerkennung bedeuten.
Der Anspruch auf Authentizität – und seine Widersprüche
Wie echt diese filmischen Selbstporträts am Ende sind, bleibt jedoch eine offene Frage. Süß erkennt eine Nähe zwischen Rap und Dokumentarfilm: Beide beanspruchen, besonders nah an der Wirklichkeit zu sein. Eine Doku kann deshalb auch der Versuch sein, ein festes öffentliches Bild aufzubrechen.
Gerade bei prominenten Figuren wie Shirin David oder Haftbefehl hätten sich oft stark vereinfachte Klischees verfestigt – etwa der aggressive Gangsta-Rapper oder die künstliche Popfigur. Dokumentationen könnten dazu dienen, weitere Seiten der eigenen Persönlichkeit sichtbar zu machen und sich differenzierter zu zeigen.
Gleichzeitig machen diese Produktionen laut Süß aber auch einen grundlegenden Widerspruch sichtbar. Einerseits erzählen viele Rap-Karrieren nachvollziehbar von Benachteiligung, Rassismus oder harten sozialen Bedingungen. Andererseits fügen sie sich oft genau in jene wirtschaftlichen Mechanismen ein, die sie kritisieren.
Süß sieht darin ein trauriges, aber deutliches Bild der Gegenwart: Der Einzelne müsse sich zum Unternehmen in eigener Sache machen – und drohe daran zu zerbrechen. Am Ende stehe oft die Erfahrung, vor allem als Produkt betrachtet zu werden, dessen Wert sich in erster Linie wirtschaftlich bemisst.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion