Alice Schwarzer beendet nach einem halben Jahrhundert ihr feministisches Magazin „Emma“. Die Frauenrechtlerin teilte in Köln mit, dass die Ausgabe vom 8. Dezember die letzte sein wird.
Wirtschaftliche Not ist nach ihren Angaben nicht der entscheidende Grund. Zwar sinke auch bei „Emma“ die Auflage, doch die Einnahmen deckten weiterhin die Ausgaben. Den Schritt begründet Schwarzer grundsätzlicher: „Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!“
Nach ihrer Darstellung hat „Emma“ über drei Generationen hinweg durchgehalten und immer wieder Position bezogen – auch „gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus“. Zugleich zieht sie einen erschöpften Schlusspunkt: „Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.“
Als Gegenstimme zu „Männermedien“ gegründet
Die erste Ausgabe von „Emma“ erschien am 26. Januar 1977. Schwarzer beschreibt ihr damaliges Motiv rückblickend so: Die Frauenfeindlichkeit klassischer Medien, die Feministinnen damals als „Männermedien“ bezeichneten, habe sie zu der Überzeugung gebracht, dass Journalistinnen ein eigenes Magazin und eine eigene Stimme brauchten.
Die 83-Jährige gilt als eine der bekanntesten Feministinnen Deutschlands. 2017 hatte sie zum 40-jährigen Bestehen von „Emma“ die Zukunft des Magazins noch optimistisch beurteilt. Feministische Themen seien wieder gefragter als zehn Jahre zuvor. Der Glaube der 90er Jahre, man habe bereits alles erreicht, habe sich aus ihrer Sicht als Irrtum erwiesen.
Debatten um Ukraine-Krieg und Transfragen
Immer wieder war die Zeitschrift auch mit Kontroversen verbunden. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 sprach sich Schwarzer, teils gemeinsam mit Sahra Wagenknecht, mehrfach für schnelle Friedensverhandlungen mit Russland aus. Kritiker warfen ihr vor, dabei aus dem Blick zu verlieren, wer der Aggressor und wer das angegriffene Land sei.
2024 räumte Schwarzer selbst ein, dass dieser Kurs Folgen für die Zahl der Abonnentinnen hatte. Zwar habe es auch viel Zustimmung für den „Friedenskurs“ gegeben, doch jede fünfte Leserin habe aus Protest gekündigt.
Auch mit ihren Positionen zu Transpersonen löste Schwarzer Protest aus. 2023 forderten 33 Autorinnen und Künstler die Absage einer Veranstaltung mit ihr beim Literarischen Herbst in Leipzig. Sie warfen ihr transfeindliche, rassistische und misogyne Aussagen vor. Schwarzer wies das empört zurück und erklärte, sie habe Transsexuelle nie angegriffen. Kritisch sehe sie vielmehr eine von ihr so genannte „Transideologie“. Diese Haltung müsse im öffentlichen Diskurs sagbar bleiben, meint sie.
Schwarzer blieb die prägende Figur der Redaktion
Die Frage nach einer Übergabe an jüngere Hände stand schon länger im Raum. Die im Zweimonatsrhythmus erscheinende „Emma“ gab Schwarzer aber nie wirklich aus der Hand. 2008 übernahm zwar kurzzeitig die Journalistin Lisa Ortgies die Chefredaktion, doch nach einem Zerwürfnis zog Schwarzer die Leitung wieder an sich.
In der am 27. Oktober erscheinenden vorletzten Ausgabe schreibt sie, sie habe im Lauf der Jahre durchaus nach weiteren Kolleginnen und auch nach einer möglichen Nachfolgerin gesucht. Geeignete Journalistinnen habe es gegeben, viele hätten jedoch andere Medien bevorzugt – dort wehe der Wind von außen nicht ganz so rau.
Anfangs saß die „Emma“-Redaktion am Kolpingplatz in der Kölner Innenstadt. Zu Weiberfastnacht sei die Redaktion geschlossen auf dem Alter Markt feiern gegangen. Später zog sie in den Bayenturm am Rheinauhafen. Dort arbeitete Schwarzer unter einem Bild der französischen Philosophin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir, die ihr nach eigener Darstellung schon in den 60er Jahren den Weg gewiesen habe.
Mit Blick auf die Frauenbewegung sagt Schwarzer heute, vieles von dem, was Frauen einst durchlitten und mühsam erkämpft hätten, sei kaum noch bekannt. Gleichzeitig werde vergessen, wie frei Frauen damals auch gewesen seien: Es seien Jahre des Aufbruchs, des Übermuts gewesen. Man habe nicht nur gekämpft, sondern auch gefeiert und getanzt – ohne Instagram und ohne Botox, wie sie anmerkt.
„Emma“ habe Themen früh gesetzt
Schwarzer verweist zudem auf den Einfluss des Magazins. „Emma“ habe Deutschland in einem halben Jahrhundert ein Stück verändert. Über Themen wie sexuellen Missbrauch von Kindern und Islamismus habe das Blatt schon 1978 beziehungsweise 1979 berichtet – lange bevor viele andere Medien sie aufgegriffen hätten.
Auch bei Themen wie Ehegattensplitting, Brustkrebs oder Genitalverstümmelung seien andere Medien oft erst später auf Veröffentlichungen der „Emma“ aufmerksam geworden.
Zuletzt sei „Emma“ nach Schwarzers Darstellung das weltweit letzte und einzige professionelle Publikumsmagazin am Kiosk in Feministinnenhand gewesen.
Archiv geht nach Marbach
Zum Abschied bleibt für Schwarzer ein Trost: Das „Emma“-Archiv mit Kisten, Kartons, Korrespondenzen und Kampagnen soll vollständig in das Deutsche Literaturarchiv Marbach übernommen und dort erschlossen werden. So werde „Emma“ am Ende, wie Schwarzer sagt, „in die Ewigkeit gehen“.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber