Nach seinem hauchdünnen Sieg auf dem Stadtkurs von Baku hat George Russell im internen Mercedes-Duell mit Kimi Antonelli auch verbal nachgelegt. Der Brite erklärte nach seinem nervenstarken Auftritt in Aserbaidschan, dass der Druck derzeit eher bei seinem Teamkollegen liege. Russell gewann mit lediglich 0,196 Sekunden Vorsprung auf Max Verstappen und feierte damit seinen dritten Saisonsieg.
In der Fahrerwertung verkürzte er nach dem 15. von insgesamt 23 Rennen den Rückstand auf Spitzenreiter Antonelli auf 66 Punkte. Der Italiener war nach einer misslungenen Qualifikation nur von Rang 16 gestartet und musste sich im Rennen mit Platz fünf begnügen.
Entscheidende Saisonphase in der Formel 1
Russell lobte Antonellis bisherige Saison zwar ausdrücklich und sprach von einer nahezu fehlerfreien Vorstellung, betonte aber zugleich, dass nun die entscheidende Phase des Jahres begonnen habe. Damit stellte sich indirekt die Frage, ob Antonelli dem Druck im Titelkampf weiter standhalten kann.
Aus Russells Sicht unterlief seinem Teamkollegen in Baku der erste echte Patzer der Saison: Antonelli lenkte im Qualifying zu früh ein und beschädigte sein Auto. Der 20-Jährige aus Bologna zeigte sich selbstkritisch und bezeichnete das Wochenende als sein bislang schwächstes in diesem Jahr. Ihm habe die gewohnte Präsenz gefehlt, und nach dem enttäuschenden Qualifying sei es im Rennen vor allem noch darum gegangen, den Schaden zu begrenzen.
Nur drei Wochen nach seinem spektakulären Triumph in Monza, als er sich von Startplatz 19 noch zum Sieg kämpfte, blieb das nächste Comeback-Wunder diesmal aus. Dennoch könnten im Titelrennen am Ende auch solche fünf Punkte entscheidend sein. Antonelli sagte, an Tagen wie diesem müsse man mit Rang fünf zufrieden sein. Für das kommende Rennwochenende in Malaysia wolle er wieder zu seiner normalen Stärke zurückfinden.

Grand Slam für Russells Aufholjagd
Russell hatte in den vergangenen Monaten immer wieder mit seinem Mercedes zu kämpfen, doch in Baku passte diesmal alles zusammen. Dem achtmaligen Grand-Prix-Sieger gelang sogar ein sogenannter Grand Slam: Pole Position, schnellste Rennrunde, Sieg und dazu die Führung über die gesamte Distanz.
Der Engländer betonte, dass er nie den Glauben an sich verloren habe. Auch in den schwierigeren Wochen sei ihm klar gewesen, dass es Gründe für seinen Leistungsrückstand gegeben habe. In Baku wurde es für ihn am Ende zwar noch einmal eng, als Verstappen nach einer Safety-Car-Phase stark aufkam, doch Russell rettete den Erfolg ins Ziel. Er habe nie daran gezweifelt, wieder in Form zu kommen, sagte er, sondern lediglich Geduld gebraucht.
Titelhoffnung lebt, Rückstand bleibt groß
Trotz des Sieges ist der Abstand in der WM weiterhin erheblich. Rechnerisch sind allerdings noch bis zu 208 Punkte zu holen. Russell verwies darauf, dass sich ein großer Rückstand in der Formel 1 schnell verringern könne.
Auch in den britischen Medien wird wieder über seine Chancen gesprochen. Die Daily Mail sieht für Russell zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer im Titelrennen. Demnach sei die Meisterschaft am Horizont wieder zu erkennen — wenn auch noch aus einiger Entfernung.
Vielleicht hilft Russell auch der Blick auf die vergangene Saison. Damals galt Oscar Piastri im McLaren lange als Favorit auf den WM-Titel, ehe ihn ein Einbruch und sein Unfall-Aus in Baku aus dem Rennen warfen. Am Ende setzte sich sein Teamkollege Lando Norris durch. Russell macht aus seinen Zielen keinen Hehl: Er wolle jedes Rennen gewinnen. In Baku könnte dafür der Wendepunkt seiner Saison gelegen haben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber