Owen Ansah hat dem deutschen Leichtathletik-Team bei den Europameisterschaften in Birmingham die vierte Medaille beschert. Der 25 Jahre alte Hamburger gewann über 100 Meter Bronze in 10,19 Sekunden. Vollkommen unbeschwert wirkte Ansah nach dem größten Erfolg seiner Karriere allerdings nicht, denn sein Podestplatz steht unter Vorbehalt.
Gut eine Stunde zuvor hatte bereits Merlin Hummel im Hammerwurf Silber gewonnen und damit die dritte deutsche Medaille des zweiten Wettkampftages perfekt gemacht.
Ansah bleibt trotz drohender Sperre gelassen
Nach seinem Schlussspurt jubelte Ansah mit Deutschland-Fahne und einem Lächeln in die Kameras. Mit Blick auf die mögliche Aberkennung seiner Medaille zeigte er sich jedoch demonstrativ ruhig. Er habe keine Angst, Bronze wieder zu verlieren, sagte der Sprinter. Er konzentriere sich auf das Hier und Jetzt, auf alles andere habe er derzeit keinen Einfluss.
Im Finale musste sich Ansah nur dem britischen Europameister Romell Glave geschlagen geben, der in 10,09 Sekunden gewann, sowie dessen Landsmann Jeremiah Azu, der nach 10,16 Sekunden ins Ziel kam. Ansah profitierte zudem davon, dass Titelverteidiger und Olympiasieger Marcell Jacobs aus Italien angeschlagen war.
Hinter Ansahs Start steht dennoch ein Fragezeichen. Die Nationale Anti Doping Agentur hat wegen des Vorwurfs, eine Dopingprobe verweigert zu haben, eine vierjährige Sperre gegen den Athleten vom Hamburger SV vorgeschlagen. Ansah weist den Vorwurf zurück. Da er derzeit nicht suspendiert ist, durfte er bei der EM antreten. Sollte es später doch zu einer Sperre kommen, könnten ihm rückwirkend Ergebnisse aberkannt werden – auch die Bronzemedaille.
Trotz dieses Wirbels lief Ansah unbeirrt zu Edelmetall. Es ist die erste EM-Medaille eines deutschen 100-Meter-Sprinters seit 1986, als Steffen Bringmann für die DDR Silber gewann. In Birmingham will Ansah außerdem noch über 200 Meter starten, in den Staffeln ist er nicht vorgesehen.
Hummel holt Silber für Deutschland
Merlin Hummel bescherte Deutschland im Hammerwurf Silber. Der Werfer von Eintracht Frankfurt kam im Finale auf 81,30 Meter und gewann nach seinem WM-Silber von Tokio die nächste internationale Medaille.
Nach dem Wettkampf umarmte der 24-Jährige erleichtert seine Trainerin Kathrin Klaas und feierte anschließend mit seinem kleinen Anhang. Ganz zufrieden war Hummel trotz des Erfolgs jedoch nicht. Aus seiner Sicht wäre an diesem Abend mit etwas mehr Konstanz sogar noch mehr möglich gewesen.
Gold geht an Halasz aus Ungarn
Europameister wurde der Ungar Bence Halasz, der mit starken 84,25 Metern nicht zu schlagen war und zugleich die Weltjahresbestleistung aufstellte. Bronze sicherte sich der Ukrainer Mychaylo Kochan mit 79,49 Metern.
Selbst mit einem noch besseren Wettkampf wäre Gold für Hummel aber wohl kaum erreichbar gewesen. Anders als bei seinem Überraschungscoup bei der WM tat sich der deutsche Werfer diesmal über weite Strecken schwerer.
Erste deutsche EM-Medaille seit 2006
Hummel sorgte für die erste EM-Medaille eines deutschen Hammerwerfers seit 2006, als Markus Esser in Göteborg Bronze gewann. Auf den ersten deutschen EM-Titel in dieser Disziplin seit Uwe Beyer 1971 in Helsinki muss weiter gewartet werden.
Hummels Vereinskollege Sören Klose belegte mit 78,13 Metern Rang sechs. Titelverteidiger Wojciech Nowicki aus Polen war bereits in der Qualifikation ausgeschieden.
Extra Fokus und starke Reaktion im fünften Versuch
Schon in der Vorrunde hatte Hummel Probleme gehabt und mit 75,49 Metern nur den zehnten Platz belegt. Im Finale der besten zwölf Athleten wirkte er am Abend bei sommerlichen Temperaturen deutlich konzentrierter. Nach eigener Aussage habe er dafür „extra Fokus aktiviert“ – und das habe ganz gut geholfen.
Mit 79,08 Metern gelang ihm ein ordentlicher Einstieg. Danach flogen jedoch zwei Versuche ins Netz des Wurfkäfigs. Zwischenzeitlich setzte sich Hummel im Schneidersitz hin und machte eine kurze Konzentrationsübung. Trainerin Kathrin Klaas erklärte später, im aktuell sehr offenen Feld wollten viele Athleten mit aller Macht zugreifen – dabei komme schnell zu viel Gewalt in die Würfe.
Im fünften Durchgang fand Hummel seine Lockerheit wieder und schleuderte den Hammer auf 81,30 Meter. Damit rückte er auf den Silberrang vor. Nur Halasz konnte anschließend noch kontern und krönte seinen Wettkampf mit der Weltjahresbestleistung.
Hummel spricht von einem „geilen Finale“
Unmittelbar nach dem Wettkampf sagte Hummel im ZDF, er sei noch sehr, sehr ruhig, zugleich aber dankbar und sehr glücklich über dieses „geile Finale“. Bereits am ersten Wettkampftag hatten Yemisi Mabry Bronze im Kugelstoßen und Florian Bremm Silber über 5000 Meter gewonnen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber