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«Wahnsinn»? Streit um New Yorks Tennis-Nächte

Nächtlicher Tennis-Irrsinn in New York: Warum die US Open plötzlich bis tief in den Morgen dauern – und wer jetzt Alarm schlägt.

07.09.2026, 07:16 Uhr

US Open: Diskussion um immer spätere Nachtspiele spitzt sich zu

Selbst für Venus Williams war es eine Premiere der unangenehmen Art: In ihrer mehr als drei Jahrzehnte langen Karriere musste sie bei den US Open erstmals erst 13 Minuten nach Mitternacht zu einem Erstrundenspiel antreten. Damit begann ihre Partie so spät wie nie zuvor ein Match beim Grand-Slam-Turnier in New York. Nach dem Ende um 2.01 Uhr machte die 46-Jährige deutlich, dass sie mit dieser Ansetzung alles andere als zufrieden war.

Der Fall steht exemplarisch für eine auffällige Entwicklung bei dem Turnier. Schon in der ersten Woche gingen drei Begegnungen erst nach zwei Uhr morgens zu Ende — ein neuer Höchstwert. Zwei weitere Matches dauerten sogar bis nach ein Uhr. Die Debatte über Nutzen und Grenzen der sogenannten Nightsession ist damit erneut voll entbrannt.

Warum bei den US Open so lange gespielt wird

Die Abendveranstaltung im Arthur Ashe Stadium startet traditionell um 19.00 Uhr Ortszeit. Dort folgen normalerweise zwei Spiele direkt aufeinander, meist ein Frauen- und ein Männermatch. Auch im Louis Armstrong Stadium, der zweitgrößten Arena, wird in der ersten Turnierwoche abends in diesem Format gespielt.

Kritik an den späten Ansetzungen

Belastung für die Spieler

Frühere und aktuelle Größen des Sports sehen die Entwicklung kritisch. Martina Navratilova bezeichnete die immer späteren Spielenden als nicht tragbar. Auch Boris Becker stellte infrage, warum Tennis zu Uhrzeiten ausgetragen wird, die man in anderen Sportarten kaum sehe.

US Open
Auf der Tribüne kann es am frühen Morgen schon einmal einsam werden. Quelle: Adam Hunger/FR110666 AP/AP/dpa

Spieler wie Alexander Zverev, der in New York mehrfach bis tief in die Nacht auf dem Platz stand, berichten von massiven Folgen für Regeneration und Tagesablauf. Häufig kämen Profis erst gegen fünf oder sechs Uhr morgens zur Ruhe. Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann erklärte, dass dadurch der gesamte Rhythmus durcheinandergerate.

Leere Ränge trotz großer Bühne

Mitten in der Nacht verliert selbst das sonst stimmungsvolle Arthur Ashe Stadium oft seinen Glanz. In der Arena mit knapp 24.000 Plätzen leeren sich die Tribünen zunehmend, weil viele Fans Richtung U-Bahn oder Parkplatz aufbrechen. Auch Topspielerin Jessica Pegula sagte, dass sie Partien zu dieser Uhrzeit nicht einmal mehr im Fernsehen verfolge, sondern dann längst schlafe. Zverev bedankte sich nach einem Matchende um 2.15 Uhr bei den verbliebenen Zuschauern und spielte damit auf die vielen bereits gegangenen Fans an.

Warum die Organisatoren an der Nightsession festhalten

Hohe Einnahmen

Die Abendspiele sind wirtschaftlich äußerst attraktiv. Für dasselbe Stadion können am selben Tag zweimal Tickets verkauft werden: einmal für die Nachmittagssession und erneut für den Abend. Nach dem Tagesprogramm müssen die Zuschauer die beiden größten Arenen verlassen. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf lagen zuletzt bei 208 Millionen US-Dollar und machen rund ein Drittel der gesamten Jahreseinnahmen des US-Tennisverbands aus.

Gleichbehandlung von Frauen und Männern

Eine mögliche Lösung wäre, pro Stadion nur ein Abendspiel anzusetzen. Doch dieses Modell lehnen die Verantwortlichen in New York ab. Bei den French Open wird genau so verfahren — mit der Folge, dass dort fast nur Männer am Abend spielen. Seit 2021 kamen in Paris lediglich fünfmal Frauen in den Night Sessions zum Einsatz. Turnierdirektorin Amélie Mauresmo begründete dies unter anderem mit Zuschauerinteressen und der Möglichkeit, dass Frauenmatches über zwei Sätze schneller beendet sein könnten.

Rücksicht auf den Feierabendverkehr

Ein früherer Beginn scheint aus Sicht der Veranstalter ebenfalls schwierig. Viele Besucher reisen nach der Arbeit aus Manhattan ins weiter östlich gelegene Queens an. Turnierdirektor Eric Butorac sagte bei ESPN, ein Start vor 19.00 Uhr sei unter New Yorker Bedingungen nur schwer umzusetzen. Deshalb halte man diese Uhrzeit für die passende Lösung.

Welche Lösungen diskutiert werden

Navratilova fordert ein grundsätzliches Umdenken bei den Night Sessions. Ihrer Ansicht nach enden die Abende schlicht zu spät. Als Alternative brachte sie ins Spiel, nur noch ein Einzel und danach ein meist kürzeres Doppel anzusetzen.

Allerdings zeigte sich auch bei dieser US-Open-Ausgabe, dass selbst dieses Modell keine Garantie für frühere Endzeiten ist: Nach einem rund dreistündigen Doppel mit Serena und Venus Williams stand US-Profi Ben Shelton noch bis 2.07 Uhr auf dem Platz.

Damit bleibt die Frage offen, wie sich Show, Wirtschaftlichkeit und die Belastung für Spieler und Publikum künftig besser in Einklang bringen lassen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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