Emma Aicher startet mit großen Ambitionen in den Weltcup-Winter
Selbst eine Ausnahmeathletin wie Emma Aicher ist nicht in jeder Disziplin unschlagbar. Nach einem eher missglückten Auftakt, von dem Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann augenzwinkernd berichtete, gibt es für Deutschlands Ski-Fans aber keinen Grund zur Sorge: Gemeint war kein Fehler auf der Piste, sondern eine schwache Vorstellung an der Dartscheibe beim mannschaftsinternen Zeitvertreib.
Auf Schnee will Aicher nun wieder zeigen, warum sie zu den spannendsten Fahrerinnen im Weltcup zählt. Beim Saisonauftakt in Sölden steht am Samstag auf dem Rettenbachferner traditionell der Riesenslalom auf dem Programm. Nach Rang zwei im Gesamtweltcup des vergangenen Winters richtet sich der Blick automatisch auf die große Frage: Kann die 22-Jährige diesmal Mikaela Shiffrin im Kampf um die große Kristallkugel bezwingen?
Bei der offiziellen Winter-Einkleidung des Deutschen Skiverbands in Herzogenaurach wollte sich Aicher auf solche Rechenspiele jedoch nicht einlassen. Sie betonte, dass ihr Fokus auf den eigenen Leistungen liege: schneller werden, sich verbessern und das beeinflussen, was in ihrer Hand liegt.
Debatte um die große Kugel will Aicher ausblenden
In der vergangenen Saison fehlten der in Schweden geborenen Deutschen am Ende 87 Punkte auf Shiffrin. Im Saisonfinale hielt die Amerikanerin dem Angriff stand. Nun kommt hinzu, dass Shiffrin angekündigt hat, die ersten beiden Slalomrennen auszulassen. Weil sie gerade in dieser Disziplin meist als klare Favoritin startet, könnte das Aicher theoretisch in die Karten spielen.

Trotzdem will sie von einer Favoritenrolle nichts wissen. Ihrer Ansicht nach ist das Feld in allen Disziplinen stark besetzt. Wer vorne mitfahren wolle, müsse überall ans Limit gehen. Deshalb konzentriere sie sich lieber auf ihre eigenen Rennen und lasse alles Weitere auf sich zukommen.
Aicher plant erneut Starts in allen vier alpinen Disziplinen und bleibt damit eine Ausnahmeerscheinung im Weltcup. Dass gerade diese Vielseitigkeit die Diskussion um den Gesamtweltcupsieg anheizt, ist ihr bewusst. Dennoch versucht sie, das Thema im Alltag möglichst auszublenden.
DSV-Verantwortliche schwärmen von ihrer Einstellung
Vor der Saison würde Aicher weder die große Kristallkugel noch mögliche WM-Medaillen offensiv als Ziel ausgeben. Für sie stehen gutes Skifahren und die Freude am Sport im Vordergrund. Genau diese Mischung aus Leichtigkeit, Begeisterung und großem Talent gilt als Grundlage ihres Erfolgs.
Auch beim Deutschen Skiverband ist die Begeisterung groß. Sportvorstand Wolfgang Maier beschreibt Aicher als Athletin mit außergewöhnlicher Eigenmotivation. Sie fahre schlicht mit Leidenschaft Ski und wolle selbst dann auf die Piste, wenn kein offizielles Training angesetzt sei. Diese innere Antriebskraft sei ein entscheidender Grund dafür, warum der Abstand zur Weltspitze immer kleiner geworden sei.
Seit Höfl-Riesch wartet Deutschland auf den nächsten Gesamtsieg
Eine derart vielseitige deutsche Läuferin hat es seit Maria Höfl-Riesch kaum mehr gegeben. Aicher gewann in der vergangenen Saison Weltcup-Rennen in Abfahrt und Super-G, stand außerdem im Slalom auf dem Podest und holte bei Olympia Silber in der Abfahrt sowie in der Team-Kombination gemeinsam mit Weidle-Winkelmann. Nur im Riesenslalom fehlt bislang noch ein Platz unter den ersten drei.
Den bislang letzten deutschen Gesamtsieg im Weltcup feierte Höfl-Riesch 2011. Die ehemalige Topfahrerin freut sich darüber, dass nun wieder eine deutsche Athletin in diese Richtung drängt, und hofft, dass Aicher gesund bleibt und erneut ganz vorne mitmischt.
Cheftrainer Andreas Puelacher sieht die Sache etwas vorsichtiger. Er verweist darauf, dass Shiffrin grundsätzlich in jeder Disziplin Rennen gewinnen kann. Zudem sei es extrem schwierig, über einen gesamten Winter konstant auf höchstem Niveau zu fahren. Das große Ziel existiere zwar, doch ob sich ein Triumph im Gesamtweltcup tatsächlich planen lasse, sei eine andere Frage.
Weidle-Winkelmann sieht in Aicher die perfekte Mischung
Aichers Entwicklung verlief bislang steil nach oben. Schon bei der WM 2021 fuhr sie als 17-Jährige ohne Weltcup-Erfahrung zu Bronze im Team-Wettbewerb und machte international auf sich aufmerksam. Anfang 2025 folgten die ersten Podestplätze und Siege im Weltcup. Inzwischen gehört sie zur absoluten Spitze – auch deshalb, weil sie bislang von größeren Verletzungen verschont geblieben ist.
Kira Weidle-Winkelmann kennt Aicher seit Jahren als Trainingspartnerin und Freizeit-Konkurrentin am Dartboard. Was sie an ihrer Teamkollegin besonders hervorhebt, ist deren Lockerheit auf den Skiern und die unbeschwerte Art, mit der sie an Rennen herangeht. Zusammen mit ihrem Talent und fahrerischen Können ergebe das derzeit eine nahezu ideale Mischung. Sollte Aicher dieses Niveau halten und vor allem im Slalom noch etwas konstanter werden, stellt sich für Weidle-Winkelmann vor allem eine Frage: Wer soll sie dann noch stoppen?
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber