Auch ein künftiger Bundestrainer hat Hunger. Ein Bild von Jürgen Klopp, der in einer Pressebox in Vancouver Pommes isst, wurde auf der Stadionleinwand gezeigt – und steht sinnbildlich für die ungewöhnlich offene Begleitung seiner mutmaßlichen Berufung. Noch nie wurde ein designierter Nationaltrainer so öffentlich auf dem Weg ins Amt beobachtet.
Offiziell ist die Personalie zwar noch nicht abgeschlossen. Dennoch wirkt die Entscheidung längst gefallen. Klopp selbst wich in einem Interview bei MagentaTV am Spielfeldrand erneut in vorsichtige Formulierungen aus. Auf die Frage nach einer möglichen Zusammenarbeit mit DFB-Sportdirektor Rudi Völler sagte er etwa: „Wenn es so kommen sollte …“ Auch mit Blick auf seine fehlende Erfahrung bei Nationalteams blieb er im Konjunktiv: „Wenn ich es werden würde …“
Dabei war deutlich zu spüren, dass ihm die ständige öffentliche Diskussion über seine Person eher unangenehm ist. Noch mehr verstärkte sich dieser Eindruck, als Thomas Müller neben ihm als Experte ausführlich über Klopps Qualitäten sprach.
„Jürgen und Sie“
Müller scherzte sogar über die künftige Anrede: Er habe sich gefragt, ob er überhaupt noch „Jürgen“ zu ihm sagen dürfe – also quasi „Jürgen und Sie“. Klopp konterte knapp: „Dürfen Sie.“ Doch als Müller weiter über ihn als möglichen Erneuerer und Strukturveränderer sprach, ließ Klopps Körpersprache erkennen, dass ihm das alles gerade zu weit ging.
Er blickte nach unten, zur Seite, nach oben, versuchte mehrfach einzuhaken. Später sagte er selbst: „Das ist schon ein bisschen komisch, wenn ich da mittendrin stehe und nichts sage, ist es schon Quatsch.“ Offenbar missfallen ihm auch die vielen öffentlichen Wortmeldungen rund um die Trainerfrage – von DFL-Chef Hans-Joachim Watzke bis zu Völlers Ankündigung, weiterzumachen. All das erhöht den Druck und zwingt Klopp wiederum zu Stellungnahmen.

„Die Situation ist insofern ungewöhnlich, dass nichts entschieden ist. Aber trotzdem müssen ja ein paar Gespräche geführt werden können, egal, wie es am Ende ausgeht“, sagte der derzeit noch bei Red Bull tätige Fußballstratege. Daran wird deutlich, wie sehr beim Thema Bundestrainer inzwischen jedes Detail interpretiert wird.
Selbst Getränkedosen werden zum Thema
Sogar die beiden Getränkedosen neben ihm während seines Pommes-Snacks sorgten für Gesprächsstoff. Besonders beachtet wurde dabei, dass es sich offenbar nicht um Produkte aus dem Red-Bull-Sortiment handelte. Auch das wurde prompt als Hinweis gewertet, dass mit seinem aktuellen Arbeitgeber noch nicht alle Fragen geklärt sind.
Zunächst richtet sich der Blick aber auf die anstehenden Gespräche des DFB in den USA. Präsident Bernd Neuendorf und sein Stellvertreter Watzke wollen wie geplant zu weiteren Verhandlungen nach Amerika reisen, wohl in Richtung New York. Klopp bleibt derweil durch seine TV-Auftritte sehr präsent. Erst mit den Viertelfinals dürfte es etwas ruhiger werden.
In Foxborough, wo Julian Nagelsmann im Elfmeterschießen gegen Paraguay als Bundestrainer endgültig scheiterte und wo die DFB-Auswahl bei optimalem Turnierverlauf am Donnerstag gegen Marokko um den Einzug ins WM-Halbfinale hätte spielen können, ist Klopp beim Spiel der Nordafrikaner gegen Frankreich noch im Einsatz. Danach könnte sein Terminplan Raum für weitere Verhandlungen lassen.
Klopp selbst macht klar, dass diese Gespräche aus seiner Sicht weiterhin nötig sind. „Es geht um viel. Wer es auch immer machen wird, hat einen Haufen zu tun“, sagte er. Dass am Ende wohl er diese Aufgabe übernehmen soll, daran bestehen kaum Zweifel. Trotzdem wirkt es so, als wolle Klopp vorab gewisse Bedingungen und Erwartungen sortieren.
Bundestrainer oder Reformer?
Im Zentrum steht für ihn offenbar die Frage nach den Strukturen beim DFB. Gerade hier scheint Klopp noch prüfen zu wollen, was tatsächlich nötig und machbar ist.
„Aber um etwas zu verändern, muss man zuallererst wissen, was wirklich passiert. Wir von außen haben ja gar keine Ahnung, was passiert. Wer auch immer dahin kommt, muss sich das angucken. Es ist einfach, in so einer Phase zu sagen: Es ist alles Quatsch. Das geht so nicht – offensichtlich nicht“, erklärte er.
Zumindest in einem Punkt scheint Klarheit zu herrschen: Eine konstruktive Zusammenarbeit mit Rudi Völler kann sich Klopp gut vorstellen. Nach den ersten Aufräumarbeiten rund um das WM-Aus war daran öffentlich gezweifelt worden. Nun deutet vieles darauf hin, dass Klopp es sogar als Vorteil ansieht, jemanden an seiner Seite zu haben, der den Verband und seine Eigenheiten bestens kennt.
Trotz aller Überlegungen zu einem möglichen Umbau des DFB und der Nationalmannschaft bleibt Klopp im Kern Trainer. Und dieser Instinkt sagt ihm offenbar vor allem eines: Das nächste Spiel muss gewonnen werden. Strukturdebatten hin oder her – am 24. September steht in der Nations League ein Pflichtspiel in den Niederlanden an. Gegen Oranje möchte niemand zum Einstand verlieren.
Vielsagend formulierte Klopp dazu: „Es muss sich keiner da draußen Gedanken machen, sollte ich das machen, dass ich mich hinsetze und das Einzige, was mich interessiert, ist das erste Spiel gegen Holland. Aber bis zum Spiel gegen Holland wäre es wahrscheinlich genauso.“
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber