Dass das WM-Halbfinale zwischen Argentinien und England weit über den Sport hinausging, wurde direkt nach dem Abpfiff unmissverständlich deutlich. Während Lionel Messi vor den jubelnden Anhängern feierte, hielten seine Teamkollegen ein Banner in die Höhe. Darauf stand in großen Buchstaben: „Die Malwinen sind argentinisch“.
Damit rückte auch die politische Aufladung dieses Duells in den Fokus. Der Falkland-Krieg von 1982 verlieh der Begegnung zusätzliche Schärfe. Schon während des 2:1-Erfolgs war der Slogan auf den Rängen zu sehen. Mit der Parole unterstreicht Argentinien seinen Anspruch auf die Inselgruppe, die im Land als Malwinen bezeichnet wird.
Mit Konsequenzen durch die FIFA ist wohl zu rechnen, doch an diesem Abend in Atlanta stand zunächst etwas anderes im Mittelpunkt: die bemerkenswerte Moral der Argentinier. Bis zur 85. Minute lag das Team nach einem Treffer von Anthony Gordon zurück, ehe Enzo Fernandez und Lautaro Martinez die Partie drehten und Argentinien ins Endspiel gegen Spanien schossen.
Scaloni ringt nach Worten
Trainer Lionel Scaloni suchte anschließend nach der passenden Beschreibung für den Abend. Ob episch oder historisch – ein passendes Wort fiel ihm kaum ein. Er betonte, so etwas habe er noch nie erlebt. Seine Spieler hätten keine Angst gezeigt und sich von der Verantwortung nicht lähmen lassen.
Entscheidenden Anteil am Comeback hatte erneut Lionel Messi. Der 39-Jährige bereitete beide Tore vor. Besonders in der Schlussphase sei Messi kaum zu stoppen gewesen, erklärte Scaloni. Das Erfolgsrezept seiner Mannschaft sei ihre Unbekümmertheit: Sie spielten mit der Freude von Kindern und dächten nicht darüber nach, was passieren könnte – sondern einfach nur ans Fußballspielen.

Allerdings stellt sich inzwischen die Frage, wie oft Argentinien noch an der Grenze bestehen kann. Schon in der Runde der letzten 32 tat sich der Titelverteidiger beim 3:2 gegen Kap Verde schwer. Danach lag das Team gegen Ägypten bis zur 79. Minute mit 0:2 hinten und gewann erst in der Nachspielzeit durch ein umstrittenes Tor, nachdem zuvor ein ägyptischer Spieler gefoult worden sein soll. Auch im Viertelfinale gegen die Schweiz war Verlängerung nötig.
Tuchel zollt Respekt
Scaloni meinte, seine Mannschaft sei gerade dann am stärksten, wenn es kompliziert werde. Englands Trainer Thomas Tuchel sah das ähnlich. Seiner Ansicht nach spielt Argentinien am besten, wenn es zurückliegt. Dann gehe das Team mehr Risiko, weil es nichts mehr zu verlieren habe, und investiere noch einmal zusätzlich.
Ein weiterer Schlüsselfaktor waren die Fans. In Atlanta gingen die englischen Hymnen im argentinischen Pfeifkonzert nahezu unter. Für England habe sich die Atmosphäre wie ein Auswärtsspiel angefühlt, sagte Tuchel.
Selbst Messi zeigte sich beeindruckt von der Entwicklung des Turniers. Er sprach von einer verrückten Situation und verwies darauf, dass viele Zweifel gehabt hätten, weil Argentinien mit angeschlagenen Spielern und Problemen angereist sei. Doch wenn diese Mannschaft zusammenhalte, mache sie immer noch den entscheidenden zusätzlichen Schritt – und das übertrage sich auf alle.
Zusätzliche Motivation durch die Geschichte
Im sechsten WM-Duell mit England spielte bei der Albiceleste auch die Erinnerung an den Falkland-Krieg eine besondere Rolle. Ähnlich war es schon im Viertelfinale 1986 gewesen, als Diego Maradona von Rache gesprochen hatte. Mittelfeldspieler Leandro Paredes erklärte, die Mannschaft habe versucht, das eigene Land und all jene zu vertreten, die diesen schmerzhaften Abschnitt der Geschichte erlebt hätten. Man habe ihnen ein Gefühl der Identifikation geben und zugleich ein positives Bild vermitteln wollen.
Argentinien und Großbritannien hatten 1982 mehr als 70 Tage um die Inselgruppe vor der argentinischen Küste gekämpft. Rund 1000 Soldaten kamen dabei ums Leben. Seit 1833 gehören die Falklandinseln zu den britischen Überseegebieten. Bis heute lehnt Großbritannien Verhandlungen über den argentinischen Anspruch auf die Malwinen ab.
Finale gegen Spanien als nächstes Ziel
Im Endspiel gegen Spanien wird diese historische Komponente nun keine Rolle mehr spielen. Für Scaloni ist das Ziel dennoch eindeutig: Er wolle als Weltmeister abreisen. Zugleich unterstrich er, dass im Fußball nicht immer nur Taktik entscheide – manchmal wirkten auch äußere Einflüsse stärker als jedes System.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber