Vinícius rettet Brasilien einen Punkt – doch der Auftakt lässt Fragen offen
Mit einem sehenswerten Treffer hat Vinícius Júnior Brasilien vor einer Niederlage zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft bewahrt. Beim 1:1 gegen Marokko in East Rutherford erzielte der Angreifer von Real Madrid in der 32. Minute den Ausgleich. Zuvor hatte Ismael Saibari, der beim FC Bayern als Transferkandidat gilt, den afrikanischen Meister in Führung gebracht (21.).
Ganz zufrieden konnte die Seleção mit dem Auftakt dennoch nicht sein. Vinícius grinste zwar für ein paar Fotos, als ihm Brasiliens früherer Nationalheld Ronaldo die Trophäe als bester Spieler der Partie überreichte. Viel Grund zum Lachen hatten die Südamerikaner nach dem zähen Start ins Turnier aber nicht. Das Remis gegen den hoch eingeschätzten Afrikameister war kein Fehlstart, aber ein klarer Dämpfer.
Für Brasilien, das seinen bislang letzten von insgesamt fünf WM-Titeln vor 24 Jahren holte, ist das XXL-Turnier in den USA, Kanada und Mexiko keine Selbstverständlichkeit auf dem Weg in die Favoritenrolle. Vor 80.663 Zuschauern vermied die Mannschaft immerhin eine Niederlage. Mit Marokko stand allerdings wohl direkt der stärkste Gegner der Gruppe C auf dem Platz.
Im nächsten Gruppenspiel trifft Brasilien auf Außenseiter Haiti. Die Partie findet am Freitagabend Ortszeit in Philadelphia statt. Marokko bekommt es anschließend mit Schottland zu tun.
Marokko beginnt mutig, Brasilien zunächst ohne Sicherheit
In der Anfangsphase bestimmten die Nordafrikaner das Geschehen. Marokko trat selbstbewusst auf, spielte nach vorne und nutzte die Unsicherheiten der Brasilianer konsequent aus. Die Seleção wirkte dagegen fahrig, leistete sich einige Fehler und ließ dem Gegner zu viel Platz. Weder Trainer Carlo Ancelotti noch der angeschlagene Neymar, der derzeit nur zuschauen kann, dürften mit dem Auftritt in dieser Phase zufrieden gewesen sein.
Das 1:0 für Marokko war folgerichtig und stark herausgespielt. Brahim Díaz setzte Saibari mit einem präzisen Steilpass ein, der den Ball elegant über Torhüter Alisson hob. Der 25-jährige Offensivspieler von PSV Eindhoven untermauerte mit dieser Aktion seinen Ruf eindrucksvoll.
Vinícius gleicht mit Klasse aus und übernimmt Verantwortung
Nach dem Rückstand war Brasilien gefordert – und Vinícius Júnior übernahm Verantwortung. Sein Ausgleich fiel zwar etwas überraschend, war aber technisch herausragend. Nach einer starken Aktion über die linke Seite setzte er den Ball kraftvoll ins rechte Eck.
Nach dem Spiel zeigte sich der Offensivstar selbstkritisch. „Wir müssen besser werden“, räumte Vinícius offen ein. Für Brasilien ist dennoch wichtig, dass ausgerechnet vom größten Hoffnungsträger schon früh Druck abgefallen ist – gerade weil Neymar aktuell keine Hilfe auf dem Platz sein kann.
Auch Ancelotti lobte den 25-Jährigen ausdrücklich. Vinícius habe gut gespielt und sei sehr gefährlich gewesen, sagte der Trainer. Er habe alles, um eine starke Weltmeisterschaft zu spielen. Kurz vor der Pause sorgte Lucas Paquetá beinahe für die Führung, doch sein artistischer Seitfallzieher wurde von Marokkos Keeper Bono stark entschärft.
Brasilien nach der Pause verbessert – Ancelotti mahnt trotzdem
Nach dem Seitenwechsel kontrollierte Brasilien das Spiel deutlich besser als noch vor der Pause. Igor Thiago scheiterte in der 52. Minute an Bono, später verpasste Raphinha eine scharfe Hereingabe am Fünfmeterraum nur knapp. Marokko blieb offensiv nach dem Wiederanpfiff überraschend blass.
Auch in der Schlussphase wirkte Brasilien, nun mit dem früheren Bundesliga-Stürmer Matheus Cunha im Angriff, dem Siegtreffer näher. Raphinha kam noch zu weiteren gefährlichen Szenen, doch am Ende blieb es beim Unentschieden.
Ancelotti sprach anschließend von keinem schlechten Ergebnis, machte aber ebenfalls deutlich, dass seine Mannschaft zulegen müsse. Vor allem in der ersten Halbzeit habe es zu viele Ballverluste gegeben, zudem habe die Balance im Spiel gefehlt. Dass sich Brasilien nach der Pause steigerte, dürfte ihm zumindest etwas Mut machen. Eine Weltmeisterschaft werde schließlich nicht im ersten Spiel entschieden.
Kritik aus Brasilien, Spott aus Argentinien
In der Heimat fiel die Reaktion trotzdem kritisch aus. Das Unentschieden habe die Zweifel verstärkt, die das Nationalteam schon vor dem Turnier begleitet hätten, schrieb die Zeitung O Globo. Anderswo war von einem schmucklosen Remis die Rede, bei dem die Seleção leiden musste.
Auch aus Argentinien kam bereits Häme. Die Zeitung Pagina12 spottete, Brasilien habe den Samba im Hotel gelassen. Der Rekordweltmeister ist damit nach dem Auftakt erst einmal weit davon entfernt, als großer Titelfavorit zu gelten – auch wenn das kaum zum brasilianischen Selbstverständnis passt.
Alte Helden auf der Tribüne, neue Aufgaben vor der Brust
Auf den Rängen fieberten neben Ronaldo auch Kaká und Roberto Carlos mit – allesamt Teil jener Generation, die 2002 den bislang letzten WM-Titel für Brasilien gewann. Beim Turnierstart vor den Toren New Yorks mussten die früheren Stars jedoch erkennen, dass vom Glanz vergangener Tage aktuell wenig zu sehen ist.
Immerhin dürfte mit Marokko bereits die größte Hürde der Vorrundengruppe gemeistert sein. Gegen den krassen Außenseiter Haiti sollte Brasiliens Offensive mehr Räume bekommen – und die Seleção die Chance, den ersten Dämpfer schnell zu korrigieren.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion