Julian Nagelsmann verließ nach dem Rapport in der DFB-Zentrale kommentarlos in einer Limousine den Campus. Auch Rudi Völler zeigte aus dem Auto nur ein kurzes Handzeichen, sagte aber nichts. Nach dem nächsten WM-Debakel in den USA deutet vieles auf eine zügige Klärung der Trainerfrage beim Deutschen Fußball-Bund hin.
Der DFB schweigt offiziell weiter, doch intern verdichten sich die Hinweise, dass Nagelsmanns Zeit als Bundestrainer abläuft. Parallel bleibt Jürgen Klopp, der in den USA als TV-Experte für MagentaTV auftritt, der prominenteste Kandidat für eine mögliche Nachfolge.
DFB bereitet die nächsten Schritte intern vor
Schon vor dem Spitzentreffen mit Nagelsmann und der sportlichen Leitung in Frankfurt hatte DFB-Präsident Bernd Neuendorf nach seiner Rückkehr aus den USA intern das weitere Vorgehen angestoßen. Nach dpa-Informationen informierte er einen ausgewählten Kreis aus hauptamtlichen Führungskräften und Spitzenfunktionären per E-Mail.
Darin soll Neuendorf seine Linie bekräftigt haben, nach dem WM-Aus nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen. Kurz darauf wurden Fotos von Nagelsmann und Völler am DFB-Campus öffentlich. Einem Bericht der Frankfurter Rundschau zufolge soll die Ablösung des Bundestrainers bereits beschlossene Sache sein und bis zum Wochenende vollzogen werden. Aus dem Verband gibt es dazu bislang keinen offiziellen Kommentar.
Nicht nur Nagelsmann steht auf dem Prüfstand
Die Diskussion beschränkt sich längst nicht mehr nur auf den Bundestrainer. Auch die Zukunft von Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig ist offen. Die Enttäuschung über das dritte enttäuschende WM-Abschneiden in Serie ist innerhalb des Verbands und an der Basis so groß, dass ein umfassender personeller Neuanfang möglich erscheint.
Völler und Rettig hatten Nagelsmann sowohl in der Vorbereitung auf das Turnier als auch während der WM eng begleitet. Deshalb geraten nun sämtliche Entscheidungen des Trios in den Fokus.
Aufsichtsrat müsste eine Trennung genehmigen
Sollte es zur Trennung kommen, müsste sie vom 14-köpfigen Aufsichtsrat der DFB GmbH & Co. KG abgesegnet werden. Vorsitzender des Gremiums ist Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart.
Dass es intern schon länger Vorbehalte gab, zeigt auch ein weiterer Punkt: Nach dpa-Informationen soll es bereits vor der WM erhebliche Unruhe gegeben haben, als im März Alfred Schreuder, ein früherer Vertrauter Nagelsmanns aus Hoffenheimer Zeiten, als zusätzlicher Assistent verpflichtet wurde. Die Personalie soll nur knapp genehmigt worden sein.
Viele Entscheidungen werden nun hinterfragt
In der Aufarbeitung geht es nicht nur um Resultate, sondern auch um konkrete Personal- und Strategiefragen. Diskutiert werden unter anderem die Rückholaktion von Manuel Neuer, Joshua Kimmichs Rolle als Rechtsverteidiger und organisatorische Maßnahmen während des Turniers.
Kritisch gesehen werden zudem die häufigen Familienbesuche im Teamhotel The Graylyn Estate in Winston-Salem. Vieles, was die sportliche Führung zu verantworten hat, steht inzwischen auf dem Prüfstand.
Nagelsmann soll Bedenkzeit erhalten haben
Berichten zufolge hat Nagelsmann Zeit bekommen, selbst Konsequenzen zu ziehen und einen Rücktritt einzureichen. Unmittelbar nach dem Aus im Elfmeterschießen der WM-Zwischenrunde gegen Paraguay hatte er das noch klar zurückgewiesen. Sein Kernsatz damals: Er werde nicht weglaufen.
Offiziell spricht der DFB nicht über Details. Klar ist aber, dass bei einer Vertragslaufzeit bis zur EM 2028 erhebliche finanzielle Fragen eine Rolle spielen. Im Raum steht eine Millionensumme als mögliche Entschädigung.
Völlers Wortwahl wirkt nach
Nach dem Ausscheiden hatte sich Völler zunächst noch vor den Bundestrainer gestellt. Er nannte Nagelsmann einen Toptrainer und sagte, er sei überzeugt, dass dieser wahrscheinlich der Richtige sei, um weiterzumachen.
Gerade dieses „wahrscheinlich“ wird inzwischen als Signal gewertet. Wenn selbst der wichtigste Fürsprecher nur eingeschränkt Rückendeckung gibt, wirkt auch Völlers eigene Zukunft beim DFB alles andere als gesichert.
Ex-Profis urteilen hart
Das öffentliche Urteil über Nagelsmann fällt seit Tagen vernichtend aus. Zahlreiche Ex-Nationalspieler und Kommentatoren rechnen scharf mit dem Bundestrainer und dem Zustand der Mannschaft ab. Rückendeckung gibt es nur noch vereinzelt.
Vor allem Boulevardmedien hatten schon vor den nun angesetzten Gesprächen mit einer schnellen Trennung gerechnet und treiben die Diskussion um Klopp als Nachfolger weiter an.
Diesmal wohl keine lange Hängepartie
Trotz aller offenen Fragen spricht derzeit wenig dafür, dass sich die Entscheidung lange hinzieht. Nach dem WM-Debakel 2018 bekam Joachim Löw deutlich mehr Zeit, die Lage zu verarbeiten. Diesmal ist der Druck auf die DFB-Spitze größer.
Neuendorf steht dabei besonders im Fokus. Als Mitglied des FIFA-Councils hätte er eigentlich länger in den USA bleiben können. Stattdessen musste er erneut vorzeitig nach Deutschland zurückkehren – zum zweiten Mal in seiner Amtszeit nach einem misslungenen WM-Turnier.
Nach Katar 2022 durfte Hansi Flick zunächst bleiben. Rückblickend wird das von vielen als Fehler bewertet. Entsprechend wächst nun der Erwartungsdruck, diesmal schneller und klarer zu handeln.
Lehren aus 2022 – und neue Signale
Auffällig ist auch, wie der DFB die aktuelle Aufarbeitung kommunikativ begleitet. Nach dem WM-Aus 2022 hatte Neuendorf Hansi Flick ausdrücklich als Teilnehmer der Analyse genannt. Diesmal fiel Nagelsmanns Name zunächst nicht, auch wenn er nun zum Gespräch in Frankfurt erscheinen musste.
Der Bundestrainer hatte vorsorglich erklärt, er sei bereit, seine Argumente intern darzulegen. Die Verantwortlichen wüssten, wie er arbeite, sagte er in jener Tonlage, die Kritiker häufig als dünnhäutig oder schnell gekränkt auslegen.
Klopp bleibt der große Name
Parallel gewinnt die Diskussion um Klopp weiter an Fahrt. Während Nagelsmann um seine Zukunft kämpft, sammelt Klopp in den USA als TV-Experte Sympathien – mit Fachkenntnis, Charme und ohne sportliche Verantwortung.
Aus seinem Umfeld ist weiterhin nichts Konkretes zu hören. Gerade dieses Schweigen wird aber als mögliches Zeichen interpretiert, dass im Hintergrund bereits erste Kontakte vorbereitet werden. In diesem Zusammenhang rückt auch Hans-Joachim Watzke stärker in den Blick. Der DFL-Chef und DFB-Vize kennt Klopp aus gemeinsamen Dortmunder Zeiten bestens.
Schwierige Machtverhältnisse im Verband
Neuendorf muss bei allen Überlegungen die komplizierten Strukturen des DFB berücksichtigen. Der Verband ist föderal organisiert, Hierarchien spielen eine große Rolle, und aus den Landesverbänden ist bereits zu hören, dass man in die Grundsatzdebatte eingebunden werden will.
Dazu kommt, dass ein möglicher Klopp-Deal teuer wäre. Zudem ist der 59-Jährige nicht überall unumstritten, auch weil manche Funktionäre seine dominante Art kritisch sehen. Hinzu käme die Frage, wie er überhaupt aus seiner Rolle bei Red Bull als Head of Global Soccer herausgelöst werden könnte.
Berlins Verbandspräsident Bernd Schultz fordert deshalb eine breite Debatte. Es dürfe nicht nur um die Nationalmannschaft gehen, sondern auch um Strukturen, Ausbildung und die Entwicklung kommender Spieler. Auch Völler müsse seine Rolle erklären, so Schultz.
Öffentliche Verkündung steht offenbar bevor
Während Nagelsmann massiv unter Druck steht, ist inzwischen auch Völlers eigene Zukunft nicht mehr selbstverständlich. Sollte es tatsächlich zu einem größeren personellen Schnitt kommen, könnte der DFB nicht nur den Bundestrainer austauschen, sondern seine Führungsstruktur insgesamt neu ordnen.
Noch gibt es keine offizielle Entscheidung. Doch nach dem Treffen in Frankfurt, den internen Vorbereitungen und der auffälligen Funkstille des Verbands spricht vieles dafür, dass die öffentliche Verkündung nur noch eine Frage der Zeit ist.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber