Julian Nagelsmann ist derzeit fast vollständig von der Bildfläche verschwunden. Während Jürgen Klopp in den USA als TV-Experte mit Fachwissen, Charme und WM-Begeisterung punktet, wird über den Bundestrainer nur noch im Krisenmodus gesprochen. In der Debatte scheint es inzwischen kaum noch um das Ob eines Abschieds zu gehen, sondern fast nur noch um das Wann.
Ehemalige Nationalspieler und Kommentatoren rechnen hart mit Nagelsmann und dem Zustand der von ihm verantworteten Nationalmannschaft ab. Rückendeckung kommt nur noch vereinzelt – vor allem von Rudi Völler. Doch gerade dessen Formulierungen werden inzwischen besonders genau seziert.
Völlers Aussagen als Hinweisgeber
Nach dem 3:4 im Elfmeterschießen gegen Paraguay, das das deutsche Turnier-Aus besiegelte, stellte sich DFB-Sportdirektor Rudi Völler in Foxborough noch vor den Bundestrainer. Nagelsmann brauche keinen Beschützer, sagte Völler, und bezeichnete ihn als einen „absoluten Toptrainer“.
Brisant bleibt jedoch ein Nachsatz, der mit etwas Abstand noch mehr Gewicht bekommen hat: Völler sei überzeugt, dass Nagelsmann wahrscheinlich der Richtige sei, um weiterzumachen. Gerade dieses „wahrscheinlich“ wird nun als mögliches Warnsignal gewertet. Wenn selbst sein wichtigster Fürsprecher nicht ohne Einschränkung argumentiert, wirkt Nagelsmanns Zukunft beim DFB alles andere als sicher.
Teile des Boulevards rechnen schon vor den von DFB-Präsident Bernd Neuendorf angekündigten Gesprächen mit einer schnellen Trennung. Parallel wird Klopp mit Nachdruck als möglicher Nachfolger ins Spiel gebracht.
Löw bekam einst deutlich mehr Zeit
Trotz der aufgeheizten Stimmung ist keineswegs sicher, dass rasch Klarheit herrscht. Auch nach früheren Turnierpleiten zog sich die Aufarbeitung hin. Nach dem WM-Debakel 2018 bekam Joachim Löw zunächst viel Zeit, um die Lage zu sortieren.
Völler machte zudem vorsorglich deutlich, dass er die Trainerfrage nicht allein entscheidet. Ob es ein „Weiter so“ oder einen grundlegenden Neuanfang geben soll, müsse innerhalb der DFB-Führung gemeinsam bewertet werden.
Neuendorf im Zentrum der Entscheidung
Eine Schlüsselrolle nimmt Präsident Bernd Neuendorf ein. Als Mitglied des FIFA-Councils hätte er eigentlich länger in den USA bleiben und dort das weitere Turnier verfolgen können. Stattdessen musste er nach Deutschland zurückkehren – erneut als sportlich schwer beschädigter DFB-Präsident.
Öffentlich bleibt unklar, wo genau er sich derzeit aufhält: im Rheinland, in Frankfurt oder anderswo. In München, heißt es aus Verbandskreisen, sei er nicht. Gerade dort könnte allerdings ein wichtiges Gespräch mit Nagelsmann stattfinden, das Neuendorf noch vor seinem 65. Geburtstag am Montag angekündigt hatte.
Gespräch mit oder ohne Nagelsmann?
Genau an diesem Punkt bleiben Fragen offen. Aus Neuendorfs Video- und Pressestatement vom Dienstag aus dem Teamquartier in Winston-Salem ging nicht eindeutig hervor, ob Nagelsmann überhaupt Teil der Turnieranalyse sein wird.
Neuendorf kündigte an, man werde „gemeinsam und in Ruhe“ die Ursachen für das dritte enttäuschende WM-Aus in Serie aufarbeiten. Unklar blieb jedoch, wer mit diesem „gemeinsam“ konkret gemeint ist.
Sitzen nur Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig mit am Tisch? Oder gehört auch Nagelsmann zur Runde? Nach dem WM-Aus 2022 in Katar hatte Neuendorf Hansi Flick ausdrücklich als Teilnehmer der Analyse genannt. Diesmal fiel Nagelsmanns Name in diesem Zusammenhang nicht.
Der Bundestrainer erklärte seinerseits vorsorglich, er sei bereit, seine Argumente vorzulegen. Die Verantwortlichen wüssten, wie er arbeite, sagte er in jener Tonlage, die Kritiker oft als dünnhäutig oder schnell gekränkt auslegen.
Geld als zentraler Faktor
Ob es überhaupt noch zu einem tieferen inhaltlichen Austausch kommt, ist offen. Berichten zufolge geht es im Trennungspoker inzwischen vor allem um die finanziellen Folgen. Bei noch zwei Jahren Vertragslaufzeit dürfte eine mögliche Gehaltsentschädigung im siebenstelligen Bereich liegen.
Parallel gewinnt die Diskussion um Klopp weiter an Dynamik. Der frühere Liverpool-Coach sammelt als TV-Experte Sympathien, ohne selbst sportliche Verantwortung zu tragen. Aus seinem Umfeld ist weiterhin nichts Konkretes zu hören – was wiederum als Zeichen gewertet wird, dass im Hintergrund längst erste Drähte gelegt werden könnten.
In diesem Zusammenhang rückt auch Hans-Joachim Watzke stärker in den Fokus. Der DFL-Chef und DFB-Vize kennt Klopp aus gemeinsamen Dortmunder Zeiten bestens und könnte bei einer möglichen Lösung eine wichtige Rolle spielen.
Schwierige Strukturen im DFB
Neuendorf muss bei allen Überlegungen die komplizierten Machtverhältnisse im Verband berücksichtigen. Der DFB ist föderal organisiert, Hierarchien spielen eine große Rolle, und auch Vertreter aus den Landesverbänden beanspruchen Mitspracherecht.
Aus den Regionen ist bereits zu hören, dass man zumindest in die Grundsatzdebatte eingebunden werden möchte, wie der deutsche Fußball wieder auf Kurs gebracht werden kann. Denn es geht nicht nur um die Nationalmannschaft. Viele Beobachter sehen auch in der Ausbildung kommender Spieler erhebliche Probleme.
Hinzu kommt: Ein möglicher Klopp-Deal dürfte teuer werden. Außerdem ist der 59-Jährige nicht überall unumstritten. Manche Funktionäre sehen seine dominante Art kritisch. Dazu käme die Frage, wie er überhaupt aus seiner Rolle bei Red Bull als Head of Global Soccer herausgelöst werden könnte.
Berlins Verbandspräsident Bernd Schultz fordert daher eine breite Diskussion. Es dürfe nicht allein um die Nationalelf gehen, vielmehr müsse auch über die Strukturen und die Entwicklung zukünftiger Spieler gesprochen werden. Schultz sieht dabei auch Völler in der Pflicht, seine Rolle zu erklären.
Völlers Weg bleibt offen
Während Nagelsmann massiv unter Druck steht, verfügt Völler weiter über hohe Sympathiewerte. Sollte allerdings Klopp übernehmen, könnte sich auch die Frage nach der künftigen Bedeutung des Sportdirektors neu stellen – im Extremfall könnte seine Rolle deutlich kleiner werden.
Andererseits läuft Völlers Vertrag noch bis zur EM 2028. Zudem war er vor einigen Jahren ausdrücklich auch als Absicherung installiert worden – für den Fall, dass kurzfristig kein Bundestrainer zur Verfügung steht.
Damit steht beim DFB nicht nur die Zukunft von Julian Nagelsmann auf dem Prüfstand. Erneut geraten die gesamte Führungsstruktur, die Verantwortlichkeiten und die strategische Ausrichtung des deutschen Fußballs in den Mittelpunkt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber