FIFA stoppt Investorenpläne – UEFA verschärft Druck auf Infantino, DFB fordert Aufklärung
Der Fußball-Weltverband FIFA verfolgt seine umstrittenen Investorenpläne nicht weiter. Präsident Gianni Infantino erklärte in einer nächtlichen Stellungnahme, das Projekt habe innerhalb des Weltfußballs zu Spaltungen geführt und liege deshalb nicht länger im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels.
Infantino betonte, die FIFA wolle den Fußball „vereinen und verbessern“. Deshalb werde der Vorschlag nicht weiterverfolgt. In den kommenden Tagen und Wochen wolle er alle beteiligten Akteure wieder an einen Tisch bringen, um den Sport weltweit weiterzuentwickeln – insbesondere in Ländern, die besonders auf Unterstützung angewiesen seien.
Zugleich erklärte der FIFA-Chef, mit dem Projekt hätten vor allem die Mitgliedsverbände gestärkt werden sollen. Zu einer Umsetzung wäre es nach seinen Angaben ohnehin nur gekommen, wenn eine Mehrheit zugestimmt hätte.
Milliardenprojekt endgültig gestoppt
Geplant war, Teile der wertvollsten kommerziellen FIFA-Rechte an private Investoren zu veräußern. Dafür sollte die Tochtergesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE) gegründet werden. Nach den Plänen hätten Investoren rund 20 Prozent an diesem neuen Unternehmen übernehmen können. Der Gesamtwert der FFE war zunächst auf 20 Milliarden US-Dollar taxiert.
In der FFE sollten die kommerziellen Rechte an den wichtigsten FIFA-Wettbewerben gebündelt werden, darunter die Männer- und Frauen-Weltmeisterschaft sowie die Club-WM. Berichten zufolge hatte die FIFA den 211 Mitgliedsverbänden für ihre Zustimmung eine Frist bis zum 19. September gesetzt und im Gegenzug Sonderzahlungen in Aussicht gestellt. Diese Pläne sind nun hinfällig.
Nach Medienberichten hätte Infantino in dem neuen Tochterunternehmen selbst eine Führungsrolle übernehmen können. Kritiker werteten das Vorhaben deshalb auch als Versuch, Macht und Kontrolle über die lukrativsten FIFA-Wettbewerbe weiter auszubauen.
UEFA greift Infantino scharf an
Die Kehrtwende erfolgte nach massiv wachsendem Widerstand der Kontinentalverbände. Besonders die UEFA unter Präsident Aleksander Ceferin ging frontal auf Distanz und stellte nach dem Rückzug klar, dass die Kritik damit nicht beendet sei.
Der europäische Dachverband erklärte, die derzeitige FIFA-Führung habe nicht nur das Vertrauen der UEFA verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie. Den geplanten Investorendeal bezeichnete die UEFA als einen hinter verschlossenen Türen eingefädelten, „schäbigen“ und undurchsichtigen Vorgang – als das genaue Gegenteil von Transparenz.
Zugleich kündigte die UEFA an, gemeinsam mit ihren Mitgliedsverbänden und in enger Abstimmung mit den anderen Konföderationen aufzuarbeiten, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Diese Überprüfung müsse gründlich und umfassend sein; keine Option dürfe dabei von vornherein ausgeschlossen werden.
Mit ihrer verschärften Wortwahl stellte die UEFA die Führungsfrage damit indirekt offen. Vor der nächsten Präsidentenwahl könnten sich Rivalen Infantinos nun in Stellung bringen.
DFB und Norwegen verlangen Reformen
Dem wachsenden Lager der Kritiker schloss sich auch der Deutsche Fußball-Bund an. DFB-Präsident Bernd Neuendorf forderte eine lückenlose Aufklärung der Vorgänge rund um das von Infantino initiierte Projekt. Er warf dem FIFA-Präsidenten vor, eigenmächtig, intransparent und letztlich unverantwortlich im Sinne des Fußballs gehandelt zu haben.
Neuendorf sprach sich dafür aus, gemeinsam mit der UEFA und anderen Konföderationen auf eine grundsätzlich andere Kultur innerhalb der FIFA hinzuwirken. Auch aus Norwegen kamen Forderungen nach einem Reformprozess. Machtkämpfe hinter verschlossenen Türen dürften nicht den Ton angeben, stattdessen müssten Regeln guter Verbandsführung tatsächlich gelebt werden.
Boykottdrohung und „Sieg für den Fußball“
Schon vor dem Rückzug hatte die UEFA das Modell scharf attackiert und sogar mit einem Boykott der WM und anderer FIFA-Wettbewerbe gedroht. Nach einem Dringlichkeitstreffen hieß es, keine UEFA-Nationalmannschaft werde an FIFA-Wettbewerben teilnehmen, solange die Vorschläge weiter auf dem Tisch lägen.
Nach dem Aus für die Investorenpläne legte Europas Fußball-Union noch einmal nach und sprach von einem „Sieg für den gesamten Fußball“. Zugleich betonte sie, damit sei die Angelegenheit nicht erledigt: Die eigentliche Aufgabe, Vertrauen in die FIFA wiederherzustellen, beginne erst jetzt.
Auch Concacaf für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik und der asiatische Dachverband AFC gingen klar auf Distanz zu Infantino und dem Vorhaben. Conmebol legte sich inhaltlich zunächst nicht fest, kündigte aber eine weitere Prüfung an und forderte zusätzliche Informationen von der FIFA.
Verbindungen in die US-Investorenwelt
Medienberichten zufolge hätte beim Projekt auch die Investmentfirma Thrive eine wichtige Rolle spielen können. Dahinter steht Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit Ivanka Trump, der Tochter von US-Präsident Donald Trump, verheiratet ist.
Trump erklärte nach Angaben aus den Berichten, er habe mit Infantino nicht über die Investorenpläne gesprochen.
Nicht der erste gescheiterte Milliardenanlauf
Für Infantino ist es nicht das erste Mal, dass ein groß angelegtes Vermarktungs- und Investorenprojekt scheitert. Bereits 2018 hatte er für einen Deal über die Vermarktungsrechte an einer neuen Club-WM mit 24 Teams sowie einer globalen Nations League geworben. Damals stand eine Summe von 25 Milliarden US-Dollar im Raum – umgesetzt wurde das Vorhaben nicht.
Kritik auch aus der FIFA selbst
Nicht nur von außen, auch intern geriet das Projekt zunehmend ins Wanken. FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour warf Infantino laut Berichten vor, die Mitarbeiter hintergangen zu haben.
Außerdem trat Carlos Cordeiro, ein hochrangiger Berater des FIFA-Präsidenten, aus Protest zurück. Der frühere Präsident des US-Verbands, der seit 2021 für die FIFA tätig war, kritisierte, dass der Weltverband überhaupt erwogen habe, Beteiligungen an WM-Rechten zu verkaufen.
Internationale Medien sehen Infantino in der Krise
Internationale Medien werteten den Rückzug als schwere Niederlage für den FIFA-Präsidenten. Die englische Daily Mail sprach von einer demütigenden Niederlage für Infantino. Der Schweizer Blick schrieb sinngemäß, der FIFA-Chef sei nach dem Aufstand zurückgerudert.
Die französische L’Equipe sieht den Weltverband sogar in einer Krise. Dem Blatt zufolge ist Infantinos Position seit seiner Wahl im Jahr 2016 noch nie so stark erschüttert gewesen wie jetzt.
Machtfrage vor der nächsten Präsidentenwahl
Der Rückzug könnte für Infantino auch persönlich weitreichende Folgen haben. Beim 77. FIFA-Kongress im März kommenden Jahres in Rabat will er sich nach aktuellem Stand noch einmal für eine weitere und zugleich letzte vierjährige Amtszeit zur Wahl stellen.
Wie stark seine Stellung nach dem Scheitern des Projekts tatsächlich beschädigt ist, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen. Bis zum 18. November können Kandidaten ihre Bewerbung für die Wahl zum FIFA-Präsidenten einreichen.
Mit dem Ende der Investorenpläne ist das Milliardenprojekt zwar gestoppt. Der Machtkampf um Einfluss, Vertrauen und Kontrolle im Weltfußball dürfte damit jedoch erst richtig begonnen haben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber