UEFA bleibt auf Konfrontationskurs
Gianni Infantino hat auch mit dem Eingeständnis von Fehlern beim gescheiterten Investorendeal die Opposition aus Europa nicht besänftigen können. Nach der Krisensitzung der FIFA in Rabat zog der Präsident des Weltverbands zwar eine positive Bilanz und sprach auf Instagram von konstruktiven Gesprächen mit Mitgliedern der Führung. An der Haltung der UEFA änderte das jedoch nichts.
Der Schweizer setzte anschließend beim Afrika-Cup-Spiel der Frauen zwischen Malawi und Sambia im kleinen Al Medina Stadium in Rabat ein demonstratives Signal. Auf einem veröffentlichten Foto zeigte er sich gemeinsam mit FIFA-Generalsekretär Mattias Grafström, beide mit einem Daumen nach oben. Die Botschaft: Die FIFA-Spitze steht demonstrativ hinter Infantino, Rücktrittsgedanken weist er offenkundig weiter zurück.
Notfallsitzung bringt Infantino laut FIFA volle Rückendeckung
Nach Angaben der FIFA sicherten Grafström und die anwesenden Mitglieder des Management-Boards Infantino in Rabat ihre „uneingeschränkte Unterstützung“ zu. Der Weltverband betonte zudem, Infantino sei der einzige offizielle Repräsentant, der von allen 211 Mitgliedsverbänden gewählt worden sei.
Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Grafström in der vergangenen Woche noch deutlich distanzierter wirkte. In einer internen Nachricht an Mitarbeiter hatte der Schwede die Vorgänge um den geplanten Verkauf von WM-Rechten an Investoren als traurige und tadelnswerte Entwicklung beschrieben und von erheblicher Unruhe gesprochen.
UEFA zieht Boykottdrohung nicht zurück
Trotz des Rückzugs der Investorenpläne und des FIFA-Eingeständnisses von Fehlern hält die UEFA an ihrer harten Linie fest. Auf Anfrage stellte Europas Fußball-Union klar, dass die Voraussetzungen für eine Rücknahme der Boykottdrohung nicht erfüllt seien.
Nach UEFA-Angaben müssten dafür erstens die Vorschläge zum Verkauf der großen Wettbewerbe vollständig zurückgezogen werden. Zweitens brauche es verbindliche Zusicherungen, dass ein solcher Versuch, den Fußball auf diese Weise zu verändern, nie wieder unternommen werde.
Darüber hinaus bekräftigte die UEFA, dass das Vertrauen in Infantino verloren gegangen sei. An dieser Haltung halte man fest. Auch die demonstrative Rückendeckung aus dem inneren FIFA-Führungskreis ändere daran aus Sicht der Europäer nichts. Besonders scharf formulierte der Kontinentalverband, die Zustimmung einiger Angestellter des FIFA-Präsidenten, deren Karriere von seiner Gunst abhänge, ändere an der Bewertung nichts.
Brief an die FIFA-Spitze: Keine weiteren Angriffe mehr dulden
Wie aus einem von Sky News vollständig veröffentlichten Schreiben hervorgeht, wandten sich Infantino und Grafström an FIFA-Vizepräsidenten und Mitglieder des FIFA-Councils. Darin gestehen beide zwar Fehler im Umgang mit dem Projekt ein, kündigen zugleich aber ein härteres Vorgehen an.
Demnach werde die FIFA nach dem Rückzug des Projekts keine Angriffe mehr auf ihre Integrität, ihre gute Führung und die Einhaltung ordnungsgemäßer Verfahren dulden. Der Weltverband werde alle erforderlichen Schritte ergreifen, um seinen Namen und seinen Ruf zu schützen.
FIFA räumt Kommunikationsfehler ein
Gleichzeitig räumte die FIFA ein, im Verfahren und in der Kommunikation Fehler gemacht zu haben. Einigkeit habe darüber bestanden, dass man weder dem FIFA-Council noch den Mitgliedsverbänden das Gefühl habe geben wollen, aus dem Prozess ausgeschlossen zu sein. Zugleich wurde eingeräumt, dass der Ablauf anders hätte gehandhabt werden müssen.
Infantino hatte mit seinen Plänen, Anteile an den Premium-Produkten der FIFA an private Investoren zu verkaufen, international massive Empörung ausgelöst. Der Widerstand kam nicht nur aus Europa. Auch aus Nord- und Mittelamerika sowie aus Asien gab es deutliche Kritik. Spätestens damit war klar, dass der Deal keine Mehrheit finden würde. In der Nacht zu Samstag zog Infantino das Vorhaben schließlich zurück.
Druck aus Europa hält an
Die bekannt gewordenen Pläne hatten in der Fußball-Welt eine beispiellose Welle der Kritik ausgelöst. Besonders scharf reagierte die UEFA, die mit allen 55 Mitgliedsverbänden gedroht hatte, WM-Turniere und weitere FIFA-Wettbewerbe zu boykottieren, falls der Deal nicht gestoppt werde.
Auch nach dem Rückzug des Projekts und dem FIFA-Eingeständnis von Fehlern sieht Europas Dachverband keine Grundlage für Entwarnung. Die aktuelle Krise gilt damit weiter als möglicher Wendepunkt in Infantinos inzwischen rund zehnjähriger Amtszeit an der Spitze des Weltverbands.
Infantino sammelt Unterstützung für weitere Amtszeit
Trotz der Krise denkt Infantino nicht an einen Rückzug. Im Gegenteil: Er will sich im März 2027 in Marokko für eine weitere Amtszeit bis 2031 wählen lassen. Nach dem Krisengipfel veröffentlichte er Unterstützungsschreiben aus der Mongolei und von den Philippinen.
Nach seinen Angaben unterstützen ihn bislang insgesamt acht asiatische Verbände, darunter auch Ex-WM-Gastgeber Katar. Noch nicht öffentlich positioniert hat sich dagegen Saudi-Arabien, das die Weltmeisterschaft 2034 ausrichten soll und als immer wichtigerer sportpolitischer Akteur gilt.
Wie wahrscheinlich ist ein Sturz?
In Europa haben erste Verbände wie Wales und Serbien bereits angekündigt, Infantino nicht mehr offiziell unterstützen zu wollen. Anders als bei der gemeinsamen Boykottdrohung gegen den Investorendeal wirkt die UEFA in der Personalfrage bislang jedoch weniger geschlossen. Einen offiziellen Gegenkandidaten gibt es derzeit nicht.
Für einen Sturz Infantinos gäbe es mehrere Wege: Eine Mehrheit im 37-köpfigen FIFA-Council könnte eine weitere Krisensitzung erzwingen. Alternativ wäre auch ein außerordentlicher FIFA-Kongress möglich, für den 43 der 211 Mitgliedsverbände erforderlich wären.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber