Gut einen Monat vor dem WM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao wird eine mögliche Rückkehr von Manuel Neuer ins DFB-Tor wieder intensiv diskutiert. Nach Informationen des „Kicker“ ist das Thema intern deutlich umstrittener und präsenter, als es Bundestrainer Julian Nagelsmann bislang öffentlich erkennen lässt.
Für den 40 Jahre alten Torhüter des FC Bayern wäre es ein spektakuläres Comeback. Neuer hatte seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft eigentlich bereits erklärt. Nun wird erneut darüber gesprochen, ob er doch noch einmal zurückkehren könnte – und dann sogar als deutsche Nummer eins.
Vieles spricht sportlich für Neuer
Befürworter eines Comebacks verweisen vor allem auf Neuers weiterhin hohes Leistungsniveau. Trotz seines Alters gilt der Bayern-Kapitän für viele Experten noch immer als Torwart von internationaler Spitzenklasse. Lothar Matthäus adelte ihn zuletzt sogar als Ausnahmeerscheinung und zählte ihn weiterhin zu den besten Keepern der Welt.
Auch auf dem Platz lieferte Neuer zuletzt Argumente. Vor allem in der Champions League zeigte er mehrfach starke Auftritte, unter anderem in Madrid und auch im Rückspiel gegen Paris. Ex-Torwarttrainer Sepp Maier schwärmte nach einer dieser Vorstellungen von "Zauberei mit Handschuhen", und auch Dietmar Hamann betonte, Neuer könne Partien weiterhin nahezu im Alleingang entscheiden.
Erfahrung, Präsenz und Titel sprechen ebenfalls für ihn
Neben der reinen Formkurve wird auch Neuers enorme Erfahrung als Pluspunkt angeführt. Er hat auf höchstem internationalen Niveau unzählige K.-o.-Spiele bestritten, WM-Titel gewonnen und über Jahre das Tor der Nationalmannschaft geprägt. Dazu kommt seine Ausstrahlung auf Mitspieler und Gegner.
Im Vergleich zu Oliver Baumann, der von Nagelsmann bislang als Stammtorhüter für die WM eingeplant sein soll, bringt Neuer nicht nur deutlich mehr internationale Top-Erfahrung mit. Er gilt auch im Spielaufbau als stärker und hat seine Klasse in den größten Spielen seiner Karriere immer wieder nachgewiesen.
Es gibt aber auch klare Gegenargumente
So stark Neuers Leistungen in vielen Momenten noch sind, ganz ohne Wackler bleibt er nicht mehr. Einzelne Patzer gehören inzwischen ebenfalls zu seinem Profil – etwa ein folgenschwerer Fehlpass im Champions-League-Rückspiel gegen Real Madrid.
Hinzu kommt ein auffälliger Unterschied bei Elfmetern. Seit 2020 hat Neuer in Pflichtspielen nur zwei von mehr als 20 Strafstößen gehalten. Baumann kommt im selben Zeitraum auf 13 gehaltene Elfmeter und damit auf etwa die Hälfte aller Versuche gegen ihn. Gerade bei einem WM-Turnier könnte genau dieser Punkt in einer K.-o.-Phase entscheidend werden.
Auch die aktuellen Leistungsdaten sprechen nicht in jedem Bereich für Neuer. Bei den Zu-Null-Spielen liegt Baumann in dieser Bundesliga-Saison mit sieben leicht vor Neuer mit sechs. Laut „Kicker“ ist auch die Paradenquote des Hoffenheimers besser: 66,4 Prozent gegenüber 62,0 Prozent bei Neuer. Zudem überzeugte Baumann auch in der WM-Qualifikation, was eine mögliche Degradierung zusätzlich brisant machen würde.
Größter Unsicherheitsfaktor bleibt Neuers Fitness
Der womöglich wichtigste Einwand betrifft Neuers körperliche Verfassung. Zwar hat er nach schweren Rückschlägen immer wieder beeindruckende Comebacks hingelegt. Dennoch musste er gerade in den vergangenen Jahren regelmäßig pausieren.
Allein in dieser Saison fiel der Weltmeister von 2014 wegen Muskelverletzungen dreimal aus. Anfang März setzte ihn ein Muskelfaserriss in der Wade fast einen Monat außer Gefecht. Das Risiko liegt auf der Hand: Sollte bei einem Turnier erneut eine Verletzung auftreten, müsste Nagelsmann womöglich kurzfristig doch wieder auf einen zuvor zurückgestuften Baumann bauen.
Nagelsmann und Neuer hatten eine Rückkehr zuletzt ausgeschlossen
Zusätzliche Brisanz erhält die Diskussion dadurch, dass sowohl Neuer als auch Nagelsmann eine Rückkehr in den vergangenen Monaten mehrfach klar verneint hatten. Neuer hatte zuletzt betont, das Turnier gelassen von außen zu verfolgen. Nagelsmann wiederum verwies darauf, dass der Rücktritt aus freien Stücken erfolgt sei und man das Thema deshalb nicht ständig neu aufrollen müsse.
Ob der Bundestrainer seine Haltung nun tatsächlich noch einmal überdenkt, bleibt offen. Klar ist aber: Ein Comeback von Neuer würde nicht nur öffentlich enorme Aufmerksamkeit erzeugen, sondern auch innerhalb des DFB für Diskussionen sorgen.
Auch beim FC Bayern deutet vieles auf eine Verlängerung hin
Unabhängig von der Nationalmannschaft steht Neuer in München offenbar vor der nächsten Vertragsverlängerung. Laut einem früheren Bericht von Sky ist eine Einigung mit dem FC Bayern weit fortgeschritten, der neue Vertrag soll demnach bis Ende Juni 2027 laufen. Eine Unterschrift noch vor dem letzten Saisonspiel gegen den 1. FC Köln gilt als möglich.
Dem Bericht zufolge soll auch die Gehaltsfrage geklärt sein. Neuer würde demnach künftig zu reduzierten Bezügen spielen. Zudem ist vorgesehen, dass Ersatzkeeper Jonas Urbig in der kommenden Saison mehr Einsatzzeit erhält. Der 22-Jährige kam bislang auf 18 Pflichtspiele für die Münchner.
Neuer bestreitet derzeit seine 15. Saison beim FC Bayern. Seit seinem Wechsel im Sommer 2011 von Schalke 04 nach München hat er mit dem Rekordmeister eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte geschrieben – und möglicherweise ist diese noch nicht beendet, weder im Verein noch vielleicht sogar im DFB-Team.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion