Mitten in der kahlen, fast mondähnlichen Landschaft des Mont Ventoux schrieb der Radsport einige seiner dramatischsten Geschichten: Tom Simpson brach hier einst zusammen und starb später im Krankenhaus. Lance Armstrong und Marco Pantani lieferten sich an diesem Berg ein legendäres Kletterduell. Und Chris Froome wurde nach einer Kollision mit einem TV-Motorrad sogar zu einem unfreiwilligen Lauf den Anstieg hinauf gezwungen.
Mont Ventoux: Der gefürchtete Riese der Provence
Der Mont Ventoux gilt als einer der respekteinflößendsten Berge im Profi-Radsport. Der 1910 Meter hohe Kalksteinriese mit Passagen von bis zu 15 Prozent Steigung endet an einer markanten Wetterstation auf dem Gipfel. Kaum ein Anstieg genießt unter Fahrerinnen und Fahrern einen derart furchteinflößenden Ruf. Am Freitag wird der Berg nun erstmals auch bei der Tour de France der Frauen Teil des Programms.
Vorbereitung zwischen Mountainbike und Datentool
Die deutsche Meisterin Franziska Koch sieht darin ein weiteres Zeichen für den Aufschwung des Frauenradsports. Sie verweist darauf, dass die Fahrerinnen in diesem Jahr mit dem Angliru bereits bewiesen hätten, dass auch die härtesten Berge keine reine Männerdomäne seien.
Koch erinnert sich zudem daran, den Ventoux in jungen Jahren mit dem Mountainbike gefahren zu sein. Sie sei damals 16 oder 17 gewesen. Besonders im Gedächtnis geblieben sei ihr vor allem, wie lang der Anstieg war. Für ihre deutsche Kollegin Antonia Niedermaier, die in der Gesamtwertung weit vorne liegt, ist der berühmte Berg dagegen Neuland. Aus eigener Erfahrung kennt sie ihn noch nicht, dafür aber sehr genau aus dem Analyseprogramm ihres Teams.

Die Tragödie um Tom Simpson
Mit dem Ventoux verbinden sich nicht nur sportliche Heldengeschichten, sondern auch tiefe Tragik. Eine der dunkelsten Episoden der Tour de France ereignete sich am 13. Juli 1967. Der Brite Tom Simpson kämpfte sich, geschwächt durch eine Mischung aus Amphetaminen und Alkohol, mit der Spitzengruppe den Berg hinauf. Rund drei Kilometer vor dem Ziel, oberhalb der Baumgrenze, stürzte er völlig entkräftet vom Rad.
Ein Zuschauer half ihm noch einmal in den Sattel, doch Simpson fuhr nur noch taumelnd weiter, ehe er erneut zusammenbrach. Später starb er im Krankenhaus von Avignon.
Ein Gedenkstein erinnert bis heute an den Tod von Tom Simpson am Mont Ventoux.
Etwa 1,5 Kilometer vor dem Gipfel steht heute ein Gedenkstein. Als Eddy Merckx 1970 auf dem Weg zu seinem Etappensieg dort vorbeikam, soll er sich bekreuzigt haben. Oben angekommen war selbst die belgische Legende vollkommen erschöpft und brauchte Sauerstoff.
Armstrong gegen Pantani
Ein anderes berühmtes Kapitel wurde im Jahr 2000 geschrieben. Damals lieferten sich Lance Armstrong und Marco Pantani am Ventoux ein spektakuläres Duell. Pantani gewann die Etappe, Armstrong später die gesamte Tour. Jahre danach wurde jedoch bekannt, dass beide bei ihren außergewöhnlichen Leistungen verbotene Mittel genutzt hatten.
Froome musste zu Fuß weiter
Auch Chris Froome erlebte am Ventoux einen seiner denkwürdigsten Tour-Momente. 2016 stürzte der Brite 1,2 Kilometer vor dem Ziel, nachdem ein TV-Motorrad vor ihm ins Stocken geraten war. Kurz darauf wurde auch noch sein Rad beschädigt, als ein weiteres Motorrad ihn traf und den Rahmen zerstörte.
In seinen Radschuhen lief Froome daraufhin verzweifelt den Berg hinauf, bis er schließlich ein Ersatzrad vom neutralen Service erhielt – allerdings eines, das viel zu klein für ihn war. Die Rennleitung entschied später, die Zeitabstände zum Moment des Zwischenfalls zu werten.
Chris Froome musste nach einem Sturz am Mont Ventoux sogar ein Stück zu Fuß zurücklegen.
Folgen für den Gesamtsieg hatte der Vorfall nicht: Froome gewann die Tour am Ende dennoch. Der Mont Ventoux aber hatte seinem Mythos damit ein weiteres außergewöhnliches Kapitel hinzugefügt. Nun stellt sich die Frage, welche Geschichte bei der Premiere im Frauenrennen dazukommt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber