Antonelli vor historischem Titelgewinn – Verstappen meldet sich eindrucksvoll zurück
Vor der spektakulären Kulisse von Singapur musste sich der designierte Formel-1-Champion Kimi Antonelli immerhin nicht auch noch mit einem voll erstarkten Max Verstappen im Titelrennen auseinandersetzen. Nach dem dominanten Auftritt des Niederländers stellte sich zwangsläufig die Frage, was im WM-Kampf möglich gewesen wäre, wenn Red Bull schon deutlich früher in dieser Saison wieder konkurrenzfähig geworden wäre. Antonellis Fazit fiel knapp aus: Das wäre „wirklich beängstigend“ gewesen.
Sechs Rennen vor dem Saisonende zählt Verstappen zwar noch zu den Fahrern mit theoretischen Chancen auf den Titel, doch die besten Karten hat klar Antonelli. Bereits beim nächsten Grand Prix in den USA könnte der Mercedes-Pilot Geschichte schreiben und sich zum jüngsten Formel-1-Weltmeister aller Zeiten krönen. Mit 20 Jahren würde er damit Sebastian Vettel übertreffen, der bei seinem ersten Titelgewinn 2010 23 Jahre alt war.
Krönt sich Antonelli schon in Austin?
Mercedes-Teamchef Toto Wolff sieht die Ausgangslage für seinen Schützling äußerst günstig. Rein rechnerisch liege die Wahrscheinlichkeit für den Titelgewinn beinahe bei 100 Prozent, sagte Wolff. Gleichzeitig warnte er davor, den Motorsport zu unterschätzen: Defekte oder Unfälle könnten die Situation schnell noch einmal spannend machen.
Antonelli reist mit einem Polster von 102 Punkten auf seinen ersten Verfolger George Russell nach Austin. Russell, der im zweiten Mercedes zuletzt an Boden verlor, braucht dringend ein Wunder. Weltmeister wäre Antonelli bereits in den USA, wenn er das Rennen gewinnt, Russell nicht besser als Neunter wird und Ferrari-Pilot Lewis Hamilton maximal Fünfter bleibt.

Von solchen Szenarien will sich Antonelli aber nicht zu sehr ablenken lassen. Natürlich wisse er, wie nah der Titel sei, betonte der Fahrer aus Bologna. Dennoch gehe es für ihn weiterhin darum, Wochenende für Wochenende die bestmögliche Leistung abzurufen. In Singapur gelang ihm das mit Platz drei eindrucksvoll – inklusive eines starken Überholmanövers gegen Hamilton kurz vor Rennende.
Der Red Bull funktioniert plötzlich wieder wie eine Rakete
Diese kompromisslose Siegermentalität verbindet Antonelli mit Verstappen. Der Niederländer ist bereits viermal Weltmeister und hat erneut gezeigt, wie stark er gemeinsam mit Red Bull ein Auto in die richtige Richtung entwickeln kann. Nach einer schwachen ersten Saisonhälfte sammelte Verstappen seit der Sommerpause 112 Punkte. Nur Antonelli war in diesem Zeitraum mit 121 Zählern noch erfolgreicher.
Entscheidend für den Aufschwung bei Red Bull war offenbar das neue Aerodynamik-Paket, das Ende September in Baku eingeführt wurde. In Kombination mit Verstappen machte es den RB22 wieder zu einem absoluten Topauto. Währenddessen hadert Mercedes weiterhin damit, die Eigenheiten der eigenen Weiterentwicklung vollständig zu verstehen.
Verstappen selbst sprach von einem deutlichen Fortschritt. Das Auto fahre sich nun angenehmer und vor allem berechenbarer – genau das habe ihm gefehlt, um wieder ganz vorne mitkämpfen zu können. In Spanien schrieb die Zeitung As bereits von Verstappen „wie in alten Zeiten“.
Mehr Ruhe bei Red Bull nach dem Umbruch
Ein wichtiger Faktor für den Aufschwung scheint auch die neue Stabilität im Team zu sein. Seit dem überraschenden Abschied des langjährigen Teamchefs Christian Horner im Sommer 2025 wirkt Red Bull deutlich ruhiger. Verstappen sprach selbst von einer weniger stressigen Atmosphäre. Statt Nebenschauplätzen gibt es nun mit Laurent Mekies einen Teamchef, der vor allem durch seinen technischen und ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund überzeugt.
Diese neue Stärke von Verstappen dürfte für die Konkurrenz ein klares Warnsignal sein. Weitere Updates am aktuellen Auto sind bei Red Bull in dieser Saison zwar nicht mehr geplant, weil der Fokus bereits auf die Entwicklung für 2027 gelegt wurde. Trotzdem zeigt die Formkurve des Teams steil nach oben.
Verstappen siegt trotz Funkproblemen
Ganz reibungslos lief das Wochenende für Verstappen dennoch nicht. Die bereits seit Monaten auftretenden Probleme mit dem Boxenfunk traten in Singapur besonders deutlich zutage. Teilweise war seine Stimme im Rennen nur noch abgehackt und kaum verständlich zu hören.
Sein Renningenieur Gianpiero Lambiase musste deshalb improvisieren. Statt auf normale Antworten zu setzen, vereinbarten beide eine Art Notfall-Code: Verstappen sollte teilweise gar nicht mehr sprechen, sondern Rückmeldungen nur noch über Einstellungen am Lenkrad geben. Am Ende stand dennoch ein souveräner Sieg – eine Meisterleistung, praktisch ohne Worte.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber