Zum Auftakt der zehntägigen UN-Klimakonferenz in Bonn hat UN-Klimasekretär Simon Stiell einen raschen Kurswechsel weg von fossilen Energieträgern verlangt. Der Krieg im Nahen Osten verursache nicht nur enormes menschliches Leid, sondern verschärfe zugleich die Kostenkrise bei Öl und Gas, sagte der Chef des in Bonn ansässigen UN-Klimasekretariats. Eine anhaltende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen bedeute, weiter Inflation und wirtschaftliche Instabilität zu importieren.
Mehr als 6.500 Delegierte aus 186 Ländern beraten in Bonn noch bis kommende Woche Donnerstag über die nächsten Schritte in der internationalen Klimapolitik. Nach Angaben der Bundesregierung ist das Treffen die größte regelmäßig in Deutschland ausgerichtete UN-Konferenz.
Fossile Krisen erhöhen den Druck
Die Konferenz findet in einer Phase statt, in der geopolitische Spannungen die Risiken fossiler Abhängigkeit besonders deutlich machen. Greenpeace-Chef Martin Kaiser sieht durch den Krieg gegen den Iran eine globale fossile Preiskrise ausgelöst. Zugleich erhielten erneuerbare Energien dadurch zusätzlichen Rückenwind: Solar- und Windkraft legten weltweit zu, auch die Nachfrage nach Wärmepumpen und Elektroautos steige stark.
Auch das Bundesumweltministerium spricht von einer veränderten Lage. Erneuerbare Energien wüchsen weltweit so schnell wie nie zuvor, während Krisen und heftige Preisschwankungen bei fossilen Energieträgern die wirtschaftlichen Risiken dieser Abhängigkeit immer sichtbarer machten.
Stiell pocht auf Umsetzung des Pariser Abkommens
Stiell forderte die Staatengemeinschaft auf, in der Klimapolitik deutlich schneller voranzukommen. Entscheidend sei nun, die Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen und die dazu beschlossenen Pläne vollständig umzusetzen. Die Bewältigung der globalen Klimakrise sei die schwierigste, aber zugleich wichtigste gemeinsame Aufgabe der Menschheit.
Besondere Brisanz erhält die Debatte auch durch die USA: Präsident Donald Trump hat sein Land bereits zum zweiten Mal aus dem Pariser Klimaabkommen geführt. Beobachter sehen dennoch die Möglichkeit, dass seine Politik den Umstieg auf erneuerbare Energien indirekt beschleunigt, weil neue Konflikte und Unsicherheiten fossile Energie weiter verteuern.
Forderungen nach Ausstieg aus fossilen Energien
Aus Sicht von Greenpeace bietet die Bonner Konferenz die Chance, Länder mit ehrgeiziger Klimapolitik zusammenzubringen und eine offizielle Roadmap für den Ausstieg aus fossilen Energien voranzutreiben. Auch Oxfam rechnet damit, dass dieses Thema in den kommenden Tagen eine zentrale Rolle spielen wird.
Kaiser warnte die Bundesregierung davor, Klimaschutz gegen Wirtschaftspolitik auszuspielen. Wer den Umbau zur klimafreundlichen Wirtschaft verschleppe, erhöhe die ökonomischen Risiken. Industrien, die weiter auf fossile Geschäftsmodelle setzten, gerieten zunehmend unter Druck. Kanzler Friedrich Merz müsse seine Wirtschaftsagenda deshalb zukunftsfest machen, wenn der versprochene Aufschwung gelingen solle.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) kündigte an, sich in Bonn für mehr Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien einzusetzen. Investitionen in Klimaschutz seien zugleich Investitionen in wirtschaftliche Stärke, Sicherheit und Wohlstand.
1,5-Grad-Ziel rückt in weitere Ferne
Im Bonner World Conference Center erinnert der Satz „1,5 Grad ist keine Zahl – es ist eine Rettungsleine“ an das zentrale Ziel des Pariser Abkommens. Die Erderwärmung soll möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden. Nach Einschätzung von Oxfam ist man diesem Ziel zuletzt jedoch kaum nähergekommen. Stattdessen steuere die Welt derzeit eher auf rund drei Grad Erwärmung zu.
Dass die Folgen des Klimawandels längst im Alltag angekommen sind, macht das Klimasekretariat auch an konkreten Beispielen fest. So könnte selbst die Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko stark unter extremer Hitze leiden. Erwartet wird, dass etwa jedes vierte Spiel unter Bedingungen stattfinden könnte, die als gesundheitlich gefährlich gelten. Auch Fans in Warteschlangen, Fan-Zonen oder auf Parkplätzen wären der Hitze teils stundenlang ausgesetzt.
Stiells Warnung fiel entsprechend knapp aus: Es sei heiß – und es werde immer heißer. Das sei kein Zufall, sondern Folge des Klimawandels.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion