Ukraine

Raketen, Drohnen, neue Angst: Russland attackiert Kiew

Alarm in Kiew: Nach Selenskyjs Warnung vor Putins neuer Horror-Rakete erschüttern Explosionen die Hauptstadt.

24.05.2026, 00:54 Uhr

Massiver Beschuss auf Kiew und weitere Regionen

Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht erneut massiv mit Drohnen, ballistischen Raketen und Marschflugkörpern angegriffen. Nach Angaben der ukrainischen Behörden war die Millionenstadt das Hauptziel der Attacke. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem der schwersten russischen Luftangriffe seit Beginn des Krieges vor mehr als vier Jahren.

In Kiew wurden nach seinen Angaben 69 Menschen verletzt, zwei weitere kamen ums Leben. Zuvor hatten die Behörden bereits zahlreiche Schäden in der Stadt gemeldet. Kiews Militärverwalter Tymur Tkatschenko sprach von rund 40 beschädigten Gebäuden. Auch Bürgermeister Vitali Klitschko meldete Schäden an Hochhäusern und mindestens einer Schule und rief die Bevölkerung in den frühen Morgenstunden auf, in den Schutzräumen zu bleiben.

Selenskyj: Kiew war Hauptziel der Angriffswelle

Selenskyj erklärte, dass nicht alle ballistischen Raketen abgefangen werden konnten. Die meisten Einschläge habe es in Kiew gegeben. „Genau Kiew war das Hauptziel dieses russischen Angriffs“, sagte er.

Nach seinen Angaben wurden drei russische Raketen auf eine Wasserversorgungsanlage abgefeuert. Zudem sei ein Markt niedergebrannt, Dutzende Wohnhäuser und mehrere Schulen seien beschädigt worden. Auch das Museum zur Erinnerung an die Atomkatastrophe von Tschernobyl sei praktisch zerstört worden. Schäden gebe es außerdem am Gebäude des nationalen Kunstmuseums, in dem auch das Studio der ARD untergebracht ist.

Nach einem Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte Selenskyj zudem, Russland müsse für alle seine Verbrechen die Verantwortung tragen.

WDR: ARD-Studio in Kiew stark beschädigt

Bei den Angriffen wurde nach Angaben des Westdeutschen Rundfunks auch das Fernsehstudio der ARD-Korrespondenten in Kiew schwer beschädigt. Zum Zeitpunkt der Attacke habe sich niemand in den Räumen aufgehalten.

Flugabwehr meldet hunderte abgefangene Ziele

Die ukrainische Flugabwehr hatte zuvor von einem großangelegten kombinierten Angriff gesprochen. Demnach setzte Russland 600 Drohnen sowie 90 Raketen und Marschflugkörper ein. Nach ukrainischen Angaben wurden 604 Flugobjekte zerstört oder abgefangen.

In der ersten Übersicht zu den ballistischen Raketen war die Oreschnik zunächst nicht aufgeführt. Das russische Verteidigungsministerium äußert sich zu eingesetzten Waffensystemen und Angriffszielen häufig erst später.

Selenskyj meldet Oreschnik-Einsatz bei Bila Zerkwa

Nach Angaben Selenskyjs setzte Russland bei der neuen Angriffswelle erneut die gefürchtete Mittelstreckenrakete Oreschnik ein – diesmal erstmals nahe der Hauptstadt Kiew. Demnach schlug die Rakete in der Großstadt Bila Zerkwa im Gebiet Kiew ein.

Zu möglichen Schäden dort machte der Präsident zunächst keine näheren Angaben. Er bezeichnete den Einsatz der Waffe als „wirklich unverantwortlich“ und forderte Konsequenzen: Russland dürfe damit nicht ohne Folgen davonkommen.

Nach ukrainischen Angaben wäre es der dritte Einsatz einer Oreschnik im russischen Angriffskrieg. Demnach wurde die Rakete zuvor einmal ohne Sprengköpfe in Dnipro im Südosten der Ukraine und zuletzt im Januar in der Westukraine eingesetzt. Bereits am Vorabend hatte Selenskyj unter Berufung auf westliche Geheimdienstinformationen vor einem neuen Angriff mit dieser Waffe gewarnt.

Moskau bestätigt Oreschnik-Einsatz und spricht von Vergeltung

Inzwischen hat auch Russland den erneuten Einsatz der Oreschnik-Rakete bestätigt. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte, der Angriff sei eine Antwort auf angebliche „terroristische Angriffe“ der Ukraine auf zivile Objekte in Russland gewesen.

Die russische Militärführung behauptete zudem, bei den kombinierten Angriffen seien unter anderem Ziele der ukrainischen Rüstungsindustrie, militärische Infrastruktur und Kommandostellen getroffen worden. Diese Angaben sind nicht unabhängig überprüfbar und wurden von ukrainischer Seite zunächst nicht bestätigt.

Nach Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums kamen außerdem ballistische Raketen vom Typ Iskander, Hyperschallraketen vom Typ Kinschal und Marschflugkörper vom Typ Zirkon zum Einsatz.

Gefahr weit über die Ukraine hinaus

Die Oreschnik-Rakete, die Moskau auch in Belarus stationiert hat, kann sowohl mit konventionellen als auch mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden. Nach ukrainischer Darstellung erreicht sie Geschwindigkeiten von bis zu 12.000 Kilometern pro Stunde und eine Reichweite von bis zu 5.000 Kilometern. Damit gilt sie als potenzielle Bedrohung weit über die Ukraine hinaus – bis in große Teile Europas.

Scharfe Reaktionen aus Deutschland und der EU

Bundeskanzler Friedrich Merz verurteilte die russischen Angriffe als „rücksichtslose Eskalation“. Außenminister Johann Wadephul sprach von einem „schockierenden“ russischen Raketenterror.

Auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas verurteilte die neuen Angriffe scharf. Russland setze die Oreschnik als politische Einschüchterungstaktik ein und terrorisiere gezielt Stadtzentren, schrieb sie auf X. Diese „abscheulichen Terrorakte“ zielten darauf ab, möglichst viele Zivilisten zu töten. Die EU-Außenminister wollten in der kommenden Woche über weiteren internationalen Druck auf Moskau beraten.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem erneuten Beleg für Russlands Missachtung von Menschenleben und Friedensbemühungen. Terror gegen Zivilisten sei keine Stärke, sondern Ausdruck von Verzweiflung, erklärte sie.

Polen aktiviert Luftabwehr

Im westlichen Nachbarland Polen versetzte das Militär wegen der russischen Angriffe nach eigenen Angaben die Luftabwehr in Alarmbereitschaft. Auf der Plattform X teilten die Streitkräfte mit, dass Militärflugzeuge aufgestiegen seien. Bei größeren russischen Angriffen auf die Ukraine kommt es in Polen immer wieder zu solchen Alarmierungen.

Medwedew fordert noch härtere Schläge gegen Kiew

Der Vizechef des russischen nationalen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, sprach von einer „harten Antwort“ und forderte weitere Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt. Mit Blick auf Explosionen, Brände und Zerstörungen in Kiew schrieb er bei Telegram, alles solle „mit blauen Flammen“ brennen. Man müsse zuschlagen – wie an diesem Tag und noch stärker.

Medwedew sagte zudem, Ruinen und Asche in Kiew könnten den Gegner entmutigen. Zugleich meinte er, die Ukraine könne die Bilder der Verwüstung nutzen, um bei westlichen Verbündeten noch mehr Waffen und Geld zu verlangen.

Der Angriff gilt auch als Reaktion auf einen ukrainischen Schlag auf eine Berufsschule am Freitag im von Russland besetzten Gebiet Luhansk. Dabei starben nach russischer Darstellung 21 junge Menschen, Dutzende weitere wurden verletzt.

Selenskyj reagiert mit Häme auf Putin-Auftritt

Selenskyj reagierte nach dem Angriff auch mit scharfen persönlichen Angriffen auf Wladimir Putin. Er warf dem russischen Präsidenten vor, mit seinen Raketen Wohnhäuser zu zerstören, und spottete darüber, dass dieser „nicht einmal mehr das Wort ,Hurra‘ richtig aussprechen“ könne. Putin „lalle“, sagte Selenskyj mit Blick auf einen im Staatsfernsehen verbreiteten Auftritt des Kremlchefs.

Hintergrund ist ein Video aus dem Kreml, in dem Putin am Ende ein dreifaches „Hurra“ ausruft – nach Einschätzung Selenskyjs ungewöhnlich kraftlos. Der ukrainische Präsident sagte, alles müsse getan werden, um Frieden zu schaffen und die Menschen zu schützen. Dafür seien auch Entscheidungen der USA, Europas und anderer Verbündeter nötig. In diesem Zusammenhang bezeichnete er Putin spöttisch als „alten Oreschnik“ und erklärte, der Kremlchef müsse lernen, das Wort „Frieden“ auszusprechen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen