Erstes bekanntes Treffen Suu Kyis mit ausländischem Vertreter seit dem Putsch
Zum ersten Mal seit dem Militärputsch in Myanmar vor rund fünfeinhalb Jahren ist öffentlich bekanntgeworden, dass die frühere Regierungschefin Aung San Suu Kyi einen ausländischen Besucher empfangen hat. Die Militärregierung veröffentlichte Aufnahmen, die die 81-jährige Friedensnobelpreisträgerin gemeinsam mit Arnaud de Baecque, dem Myanmar-Repräsentanten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), zeigen. Über ihren Aufenthaltsort und ihren Gesundheitszustand hatte es zuvor über Jahre hinweg kaum verlässliche Informationen gegeben.
Nach Angaben des Staatsfernsehens fand das Treffen am Morgen Ortszeit statt. Wo genau sich Suu Kyi und de Baecque begegneten, wurde nicht mitgeteilt. Die veröffentlichten Bilder zeigen beide in einem holzvertäfelten Raum. Bereits im Juni hatte die Militärführung Fotos verbreitet, die Suu Kyi an ihrem 81. Geburtstag zeigen sollen. Darauf ist sie offenbar im Hausarrest beim Anschneiden eines Geburtstagskuchens zu sehen.
Sohn spricht von Zeichen der Hoffnung
Das IKRK bestätigte das Treffen inzwischen in einer Mitteilung. Demnach erfolgte der Besuch nach den üblichen Standards und Verfahren des Komitees für Besuche bei Inhaftierten. Dazu habe auch die Möglichkeit gehört, mit Aung San Suu Kyi unter vier Augen zu sprechen. Weitere Einzelheiten nannte die Organisation nicht.
Suu Kyis Sohn Kim Aris wertete den Besuch in sozialen Medien als Zeichen der Hoffnung. Er sprach von einem wichtigen ersten Schritt, der jedoch nicht der letzte bleiben dürfe. Zugleich äußerte er die Hoffnung, dass der IKRK-Besuch zu besserem humanitärem Zugang, direktem Kontakt mit seiner Mutter, glaubwürdigen Informationen über ihren Zustand und letztlich zu ihrer Freilassung führen könne.
Auch die Vereinten Nationen begrüßten die Entwicklung. Ein Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres erklärte in New York, man bekräftige die Forderung nach einer raschen und bedingungslosen Freilassung aller willkürlich Inhaftierten. Dies sei ein grundlegender Schritt, um Bedingungen für einen glaubwürdigen und transparenten politischen Prozess zu schaffen.
Vom Gefängnis in den Hausarrest verlegt
Seit dem Umsturz im Februar 2021 steht Suu Kyi unter Arrest. Damals hatte das Militär die demokratisch gewählte Regierung entmachtet und die Politikerin festnehmen lassen. Seither blieb sie weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Später verurteilten die Behörden sie wegen zahlreicher angeblicher Vergehen zu einer langen Haftstrafe. Immer wieder wurden Sorgen um ihre Gesundheit laut, unter anderem wegen möglicher Herzprobleme. Nach offiziellen Angaben wurde sie Ende April aus dem Gefängnis in den Hausarrest überführt.
Suu Kyi galt über Jahrzehnte als prominenteste Oppositionsfigur des Landes. Für ihren gewaltlosen Einsatz für Demokratie wurde sie 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Schon zwischen 1989 und 2010 hatte sie insgesamt 15 Jahre isoliert unter Hausarrest verbracht.
Myanmar weiter in schwerer Krise
Seit dem Putsch von 2021 steckt das frühere Birma in einer tiefen Krise. Die Absetzung der gewählten Regierung löste damals landesweite Proteste und einen anhaltenden bewaffneten Konflikt aus. Gewalt, wirtschaftlicher Niedergang und der Widerstand gegen die Militärjunta bestimmen seitdem die Lage im Land.
Kritik an umstrittener Wahl
Im April war Armeechef Min Aung Hlaing nach einer international stark umstrittenen Wahl vom Parlament zum Präsidenten erklärt worden. Kritiker und Beobachter im Ausland sehen darin jedoch keinen glaubwürdigen demokratischen Prozess, sondern vielmehr eine Inszenierung zur Festigung der Militärherrschaft. Die Veröffentlichung der neuen Bilder erfolgte nur wenige Tage vor einem geplanten offiziellen Besuch Min Aung Hlaings im Nachbarland Thailand.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber