Drei Jahre nach dem Hamas-Angriff: Angehörige und Überlebende tragen die Folgen bis heute
Drei Jahre nach dem beispiellosen Hamas-Angriff auf Israel leiden viele Überlebende und ihre Familien weiterhin schwer unter den seelischen Folgen. Für Efrat Machikawa ist klar: Ein normales Leben wie früher wird es nicht mehr geben. Ihre Tante und ihr Onkel wurden damals in den Gazastreifen verschleppt. Noch immer, sagt sie, fänden weder sie noch ihre Angehörigen wirklich in den Alltag zurück. Schlafprobleme und anhaltende Belastung prägten das Leben der Familie bis heute.
Nach ihren Schilderungen litten die beiden Verwandten während der Gefangenschaft unter schlechten hygienischen Zuständen und Nahrungsmangel. Ihr Onkel, der deutsch-israelische Agronom Gadi Moses, habe viel Zeit damit verbracht, in seinem Zimmer auf und ab zu gehen. Der heute 83-Jährige war am 7. Oktober 2023 aus dem Kibbuz Nir Oz entführt worden und wurde 482 Tage lang von Kämpfern des Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ) allein festgehalten. Besonders grausam seien die Täuschungen seiner Entführer über das Schicksal seiner Familie gewesen.
Lügen über das Schicksal seiner Frau
Den Angaben der Familie zufolge erzählten die Entführer Moses, seine Frau sei ebenfalls verschleppt worden. Zu ihrem Geburtstag im November 2023 ließ er ihr Glückwünsche ausrichten. Eine angebliche Antwort wurde ihm mündlich überbracht – obwohl seine Frau zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Später hörte er im Radio, was wirklich geschehen war. Für ihn sei das ein völliger Zusammenbruch gewesen, berichtet seine Nichte. Seine Frau kam demnach bei einem Entführungsversuch ums Leben, als die israelische Armee das Fahrzeug der Angreifer beschoss.

Der 7. Oktober und die Folgen des Krieges
Bei dem Angriff vom 7. Oktober wurden etwa 1.200 Menschen getötet und 251 in den Gazastreifen verschleppt. Zeugenaussagen berichteten von extremer Brutalität, Verstümmelungen und sexualisierter Gewalt. Viele Täter filmten ihre Verbrechen und verbreiteten die Aufnahmen in sozialen Netzwerken.
Auf das Massaker folgte der Gaza-Krieg mit verheerenden Folgen. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seither rund 74.000 Palästinenser getötet. Dabei wird nicht zwischen Zivilisten und bewaffneten Kämpfern unterschieden. Große Teile des dicht besiedelten Küstengebiets wurden zerstört. Das harte militärische Vorgehen Israels wird international massiv kritisiert.
Im Oktober 2025 kamen die letzten noch lebenden Geiseln frei. Seitdem gilt grundsätzlich eine Waffenruhe. Zuletzt intensivierte Israels Armee jedoch wieder ihre Luftangriffe im Gazastreifen und erklärte, gezielt hochrangige Mitglieder terroristischer Gruppen getötet zu haben. Die humanitäre Lage bleibt dennoch dramatisch; zahlreiche Menschen leben weiterhin in Zelten.
Auch über Tochter und Enkelinnen wurde er getäuscht
Nach Angaben der Familie belogen die Entführer Moses auch über das Schicksal seiner Tochter. Sie behaupteten, sie und ihre beiden Töchter seien ebenfalls verschleppt worden. Der Ehemann der Tochter und die gemeinsamen Söhne waren am Tag des Überfalls nicht in Nir Oz.
Während der Gefangenschaft hörte Moses zudem im Radio, dass Terroristen das Haus der Nachbarn seiner Tochter angezündet und die dort lebende Familie mit ihren drei kleinen Kindern ermordet hatten.
In seiner Verzweiflung habe er sich innerlich darauf eingestellt, sich auf jene Enkelkinder zu konzentrieren, die er noch am Leben glaubte. Seine Tochter Moran und die beiden Mädchen habe er gedanklich verdrängt, weil der Schmerz sonst unerträglich gewesen wäre, sagt seine Nichte. Was er damals nicht wusste: Seine Tochter und die Enkelinnen überlebten den Angriff im Schutzraum ihres Hauses.
Auch die Ex-Frau wurde verschleppt
Nicht nur Gadi Moses, auch seine Ex-Frau Margalit wurde aus Nir Oz entführt. Laut Machikawa wurde sie zusammen mit anderen Geiseln in unterirdischen Tunneln festgehalten. Demnach sprach sie dort auch mit dem damaligen Hamas-Anführer Jihia al-Sinwar, der inzwischen getötet wurde.
Die ebenfalls deutsch-israelische Frau habe sich in der Gefangenschaft um andere Geiseln gekümmert. So behandelte sie immer wieder die Wunden eines Israelis, der bei der Entführung verletzt worden war, mit Honig. Zwar heilten die Verletzungen, doch der Mann überlebte die Gefangenschaft nicht.
Margalit Moses wurde bereits im November 2023 im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas freigelassen. Seit September lebt sie wieder in Nir Oz. Ihre Nichte bezeichnet diese Rückkehr als äußerst mutig.
Trotz allem halten beide am Gedanken des Friedens fest
Trotz ihrer Erlebnisse setzen sich Gadi und Margalit Moses weiterhin für ein friedliches Zusammenleben mit Palästinensern ein. Beide seien seit langem Friedensaktivisten, sagt Machikawa. Gadi Moses habe vor dem Angriff auch Palästinenser in landwirtschaftlichen Fragen ausgebildet. Aus ihrer Sicht traf der Terror gerade jene Menschen besonders hart, die sich zuvor am stärksten für Hilfe und Verständigung eingesetzt hatten.
Große Wut empfinde die Familie jedoch vor allem gegenüber der israelischen Regierung. Bislang habe es keine offizielle Untersuchung und keine klare Übernahme politischer Verantwortung für das Versagen rund um das Massaker gegeben. Das erschwere aus Sicht von Machikawa die Verarbeitung für Opfer und Angehörige zusätzlich.
Gleichzeitig sagt sie, ihre Familie gehöre im Vergleich zu vielen anderen Betroffenen noch zu den Glücklicheren. So seien auch weitere Angehörige, darunter eine entführte Tochter sowie Enkelinnen von Moses’ getöteter Frau, aus der Geiselhaft zurückgekehrt. Andere Familien aus Nir Oz hätten hingegen mehrere Angehörige verloren.
Rückkehr nach Nir Oz
Nach Angaben seiner Familie zog Gadi Moses wenige Monate nach seiner Freilassung im Januar 2025 wieder nach Nir Oz. Dort lebt der 83-Jährige inzwischen in einem Haus mit kugelsicherem Schlafzimmer und geschützter Dusche. Seine Nichte berichtet, dass der Agronom wieder auf den Feldern der Grenzgemeinde arbeite. Außerdem gebe er sein Wissen über Landwirtschaft und Weinbau weiter und engagiere sich für die Gemeinschaft. Auf die Frage nach seinem heutigen Zustand beschreibt sie die Lage so: Es gehe ihnen irgendwie, aber eigentlich gehe es ihnen nicht wirklich gut.
Auch seine Freilassung selbst war von Angst und Chaos geprägt. Zusammen mit anderen Geiseln musste Moses durch eine dicht gedrängte, laut schreiende Menschenmenge gehen, begleitet von vermummten und bewaffneten Islamisten. Bilder dieser Szenen gingen um die Welt.
Nach dieser Tortur erfuhr er schließlich, dass seine Tochter und die beiden Enkelinnen überlebt hatten. Vor Erleichterung habe er geweint, berichtet Machikawa. Ein Video zeigt ihn kurz nach seiner Rückkehr nach Israel in der Umarmung seiner drei weinenden Kinder.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber