Gegenseitige Angriffe zwischen den USA und dem Iran schüren trotz Waffenruhe und laufender Gespräche über ein mögliches Kriegsende neue Sorgen vor einer Eskalation. Drei Monate nach Kriegsbeginn wächst in Teheran die Unsicherheit über den Fortgang der Verhandlungen. Beobachter in der iranischen Hauptstadt halten ein Wiederaufflammen der Kämpfe inzwischen für immer wahrscheinlicher.
Nach iranischen Medienberichten griff das US-Militär in der Nacht zu Donnerstag einen Bereich des Flughafens in der südiranischen Hafenstadt Bandar Abbas an. Nach US-Angaben wurden dabei sechs Drohnen abgeschossen. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben zunächst nicht.
Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim berichtete unter Berufung auf eine Militärquelle, mehrere Schiffe hätten versucht, die Straße von Hormus mit abgeschaltetem Radarsystem zu passieren. Die Revolutionsgarden hätten daraufhin Warnschüsse abgegeben und zwei Schiffe zum Umkehren gezwungen. Dem Bericht zufolge hätten erst danach die US-Angriffe begonnen.
Welche Seite in den jüngsten Vorfällen zuerst das Feuer eröffnet hat, blieb zunächst unklar. Schon am Dienstag war es in der Straße von Hormus zu gegenseitigem Beschuss gekommen. Zwar gilt seit dem 8. April eine Waffenruhe, doch die Lage bleibt angespannt. Nach Angaben aus der Region vermitteln mehrere Staaten, vor allem Pakistan, zwischen Washington und Teheran, um den Krieg dauerhaft zu beenden.
Experten sehen steigendes Eskalationsrisiko
Trotz wiederholt optimistischer Töne von US-Präsident Donald Trump mit Blick auf ein mögliches Abkommen bleiben Insider skeptisch. Nach Einschätzung eines mit den Gesprächen vertrauten Beobachters verfolgt Teheran in den Verhandlungen zwei Linien: Zum einen gehe es um praktische Ziele wie die Aufhebung von Sanktionen, zum anderen um ideologisch aufgeladene Fragen wie die Kontrolle über die Straße von Hormus und das Atomprogramm.
Weil Trump aus Sicht des Experten bei zentralen Punkten keine Kompromisse eingehen wolle, erscheine eine Einigung kaum erreichbar. Ein neuer Krieg sei deshalb aus seiner Sicht nahezu unausweichlich. Auch Kommentatoren im iranischen Staatsfernsehen bereiten die Bevölkerung demnach bereits auf eine mögliche Wiederaufnahme der Kämpfe vor.
Kuwait erneut unter Beschuss
Die Revolutionsgarden erklärten in den frühen Morgenstunden, sie hätten jene US-Luftwaffenbasis angegriffen, von der aus das US-Militär zuvor auf ein Gebiet nahe dem Flughafen von Bandar Abbas gefeuert habe.
Der Golfstaat Kuwait meldete erneut Beschuss durch Raketen und Drohnen. Angaben zu möglichen Schäden oder Opfern lagen zunächst nicht vor. Unklar blieb vorerst auch, von wo aus der Beschuss genau erfolgte.
Seit Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe gegen den Iran am 28. Februar hat Teheran wiederholt Raketen und Drohnen auf Kuwait sowie andere mit den USA verbündete Golfstaaten abgefeuert. In der Region unterhält das US-Militär zahlreiche Stützpunkte, die nur wenige Hundert Kilometer vom Iran entfernt liegen. Trotz der Waffenruhe meldeten zuletzt auch die Vereinigten Arabischen Emirate und weitere Golfstaaten vereinzelt neuen Beschuss.
Am Vormittag verurteilte das iranische Außenministerium die nächtlichen US-Angriffe scharf. Außenamtssprecher Ismail Baghai sprach von wiederholten Verstößen gegen die Waffenruhe und bekräftigte, der Iran werde im Rahmen seines Selbstverteidigungsrechts auf solche Angriffe reagieren.
Kritik an Trumps Drohung gegen Oman
Baghai kritisierte zudem Äußerungen von US-Präsident Donald Trump über den Oman. Trump hatte mit Blick auf Berichte über Gespräche zwischen dem Iran und Oman zu einer gemeinsamen Regulierung der Straße von Hormus gesagt, niemand werde die Meerenge kontrollieren; andernfalls müsse man sie „in die Luft jagen“. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums bezeichnete diese Wortwahl als gefährliches Zeichen für die Normalisierung von Rechtsbruch und Machtpolitik.
Der Oman gilt in der Region als wichtiger Vermittler zwischen Washington und Teheran und hat sich auch im Streit um das iranische Atomprogramm immer wieder als diskreter Gesprächskanal profiliert. Wegen seiner pragmatischen Haltung und des Prinzips der Nichteinmischung wird das Sultanat oft als „Schweiz des Nahen Ostens“ bezeichnet. Dass Oman bei der Kontrolle der Meerenge ähnliche Ziele wie Teheran verfolgen könnte, gilt Beobachtern jedoch als eher unwahrscheinlich.
Auch international stießen Trumps Aussagen auf Kritik. Der britische Sicherheitsexperte Samir Puri vom King’s College London sprach von einer überraschenden und alarmierenden Drohung. Eine solche Wortwahl sende eine schreckliche Botschaft an die Verbündeten der USA am Golf und werde in der Region Schockwellen auslösen, sagte er dem Sender Al Jazeera.
Bandar Abbas bleibt strategisch wichtig
Welche Ziele rund um Bandar Abbas im Detail getroffen wurden, blieb weiter offen. Die Hauptstadt der Provinz Hormusgan liegt an der strategisch zentralen Straße von Hormus und zählt zu den wichtigsten Militärstandorten des Irans im Golfraum.
Straße von Hormus bleibt zentraler Streitpunkt
Irans Streitkräfte hatten kurz nach Kriegsbeginn die Kontrolle über die für den weltweiten Öl- und Flüssiggashandel entscheidende Straße von Hormus übernommen. Reedereien müssen ihre Passage nach US-Darstellung inzwischen mit iranischen Kontaktstellen abstimmen und dürfen anschließend nur noch einen Korridor nahe der iranischen Küste nutzen. Dafür verlangt Teheran demnach hohe Gebühren. Völkerrechtler sehen solche Gebühren als Verstoß gegen das Recht auf Transitpassage.
Die USA reagierten nach eigenen Angaben mit einer Seeblockade, um den Iran am Export von Öl zu hindern. Washington wertet die faktische Kontrolle der Meerenge durch Teheran als inakzeptabel und drängt in den Verhandlungen auf eine vollständig offene Passage ohne Gebühren.
USA sanktionieren Behörde zur Kontrolle der Meerenge
Das US-Finanzministerium setzte inzwischen die iranische Behörde auf die Sanktionsliste, die für die Kontrolle der Passage und die Gebührenerhebung zuständig sein soll. Reedereien wurden gewarnt, eine Zusammenarbeit mit dieser Stelle könne als Unterstützung der Revolutionsgarden gewertet und ebenfalls sanktioniert werden.
US-Außenminister Marco Rubio betonte zuletzt, die Straße von Hormus gehöre nicht dem Iran. Sollte sich der derzeitige Zustand verfestigen, würde aus Sicht Washingtons ein nicht hinnehmbarer Status quo normalisiert.
Trump unzufrieden mit dem Stand der Gespräche
Trump zeigte sich zuletzt zugleich unzufrieden mit dem Verlauf der Verhandlungen mit Teheran. Die faktische Blockade der Straße von Hormus gilt als erheblicher Belastungsfaktor für die Weltwirtschaft und als wichtiges Druckmittel des Iran.
Bei einer Kabinettssitzung sagte Trump, niemand werde die Meerenge kontrollieren, die USA würden darauf achten, und das sei Teil der Verhandlungen. Der Iran wolle unbedingt ein Abkommen schließen, sagte Trump weiter. Zugleich stellte er klar, die US-Regierung sei mit dem bisherigen Stand noch nicht zufrieden. Er erneuerte seine Drohung, entweder werde ein Deal erreicht oder man werde weiterkämpfen und die Sache „zu Ende“ bringen.
Iran beharrt auf roten Linien
Aus Teheran kamen zugleich Signale, dass die Führung bei zentralen Forderungen hart bleiben will. Ebrahim Azizi, Vorsitzender des Ausschusses für Nationale Sicherheit und Außenpolitik im Parlament, erklärte auf X, man werde sich durch Trumps Rhetorik nicht von den iranischen „roten Linien“ abbringen lassen.
Dazu zählte er das Recht auf Urananreicherung, die Kontrolle über die Straße von Hormus und die Aufhebung der Sanktionen. Azizi schrieb zudem, Trump suche offenbar einen Ausweg aus einer „strategischen Sackgasse“ und wechsle dabei zwischen Drohungen und Appellen zu einer Einigung. Nach bisherigem Kenntnisstand ist er nicht direkt an den Verhandlungen beteiligt.
Trump hatte zuletzt Hoffnungen auf eine schnelle Einigung geweckt, diese später aber wieder gedämpft und erklärt, beide Seiten müssten sich die nötige Zeit nehmen. Die USA und ihr Verbündeter Israel bestehen weiterhin darauf, dass der Iran niemals in den Besitz einer Atomwaffe gelangen darf.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion