Politik

Grenzbesuch: Setzt Merz auf das Korea-Wunder?

Deutschland schaffte die Einheit nach 41 Jahren – kann Korea das auch? Der Kanzler setzt an der Grenze auf Hoffnung.

30.10.2026, 08:17 Uhr

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei einem Besuch an der innerkoreanischen Grenze an die deutsche Wiedervereinigung vor 36 Jahren erinnert und Hoffnung auf eine ähnliche Entwicklung für Korea geäußert. Nach einem Abstecher zur Demarkationslinie sagte er an der entmilitarisierten Zone, man könne nur hoffen, dass auch Korea eines Tages die Chance erhalte, die staatliche Einheit zurückzugewinnen.

Merz betonte, an diesem Ort werde besonders deutlich, wie stark ein Land unter seiner Teilung leide. Zugleich sei spürbar, wie groß zumindest im Süden der Wunsch nach einer Wiedervereinigung sei. In Gesprächen in Seoul sei er mehrfach auf die deutschen Erfahrungen mit der Einheit angesprochen worden.

Entmilitarisierte Zone zwischen beiden Staaten

Die koreanische Halbinsel ist seit dem Koreakrieg von 1950 bis 1953 geteilt. Im Norden herrscht das autoritäre Regime von Kim Jong Un, im Süden besteht eine demokratische Ordnung. Zwischen beiden Staaten verläuft eine 248 Kilometer lange Grenze entlang des 38. Breitengrads. Auf beiden Seiten liegt eine jeweils etwa zwei Kilometer breite entmilitarisierte Zone.

An der Grenzlinie besichtigte Merz eine der bekannten blauen Baracken, durch die die Grenze mitten hindurchführt. Dort finden direkte Gespräche zwischen Nord- und Südkorea statt. An genau dieser Stelle hatten sich 2018 der damalige südkoreanische Präsident Moon Jae In und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un die Hand gereicht.

Damals betrat erstmals ein nordkoreanischer Staatschef südkoreanischen Boden, wenn auch nur für wenige Schritte. Auch Merz hielt sich innerhalb der Baracke kurz auf nordkoreanischer Seite auf. Nur an diesem Punkt ist ein Überschreiten der innerkoreanischen Grenze möglich.

Drei Kanzlerbesuche an der Grenze seit 1990

Dass ein deutscher Kanzler bei einer Reise nach Südkorea auch die Grenze besucht, ist eher die Ausnahme. Vor Merz hatte Olaf Scholz die Demarkationslinie 2023 bei seinem Antrittsbesuch aufgesucht. Davor war Helmut Kohl 1993 dort. Kohl hatte wenige Jahre nach dem Mauerfall die Hoffnung geäußert, Korea könne innerhalb eines Jahrzehnts wiedervereinigt werden. Dazu kam es jedoch nicht.

Seit dem symbolträchtigen Handschlag von 2018 ist eine Wiedervereinigung sogar in weitere Ferne gerückt. Kim Jong Un hat das lange verfolgte Ziel einer friedlichen staatlichen Einheit offiziell aufgegeben. Seit 2024 wurden auf nordkoreanischer Seite sämtliche früheren Straßen- und Bahnverbindungen gesprengt. Zudem wird die ohnehin stark befestigte Grenze weiter mit Minen und Barrikaden ausgebaut. Zuletzt wurden dort auch Panzerhaubitzen beobachtet.

Raketentest kurz vor Merz‘ Ankunft

Die Spannungen zwischen Nord- und Südkorea bleiben hoch. Kurz vor der Ankunft des Kanzlers feuerte Nordkorea laut südkoreanischem Militär rund zehn ballistische Kurzstreckenraketen in Richtung des Japanischen Meeres ab.

Während Merz in Seoul an einer Wirtschaftskonferenz teilnahm, erklärte Kim Jong Un in Pjöngjang nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA, sein Land strebe eine „absolute Überlegenheit“ bei Drohnentechnologie an.

Kim signalisiert keine Gesprächsbereitschaft

Diplomatische Initiativen zur Entspannung kommen derzeit nicht voran. Noch vor einer Woche hatte die südkoreanische Regierung erneut Gespräche mit dem Norden vorgeschlagen. Eine Bereitschaft aus Pjöngjang ist bislang jedoch nicht erkennbar.

Trotzdem versuchte Merz, Zuversicht zu vermitteln. Schon kurz nach seiner Ankunft in Südkorea schrieb er ins Gästebuch des Präsidenten, Deutschland und Korea verbinde die schmerzliche Erfahrung der Teilung. Den Menschen in Korea wünsche er, was Deutschland erleben dürfe: Einheit in Freiheit.

„Die Welt ist eben klein – auch im Krieg“

Der Kanzler machte zugleich deutlich, warum der Konflikt aus seiner Sicht auch Europa betrifft. Nordkorea hat seine militärische Kooperation mit Russland seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erheblich verstärkt. Pjöngjang lieferte große Mengen Artilleriemunition und Raketen und entsandte nach Schätzungen des südkoreanischen Geheimdienstes rund 15.000 Soldaten zur Unterstützung Moskaus. Im Gegenzug soll Nordkorea finanzielle Hilfe, Militärtechnik und Sicherheitszusagen aus Russland erhalten.

Merz sagte dazu, die Sicherheit Koreas berühre die Sicherheit Europas ebenso wie umgekehrt. Die Welt sei klein geworden, auch im Krieg.

Zwei deutsche Offiziere im Einsatz

Als Ausdruck dieser sicherheitspolitischen Verflechtung beteiligen sich inzwischen auch zwei deutsche Offiziere am von den USA geführten United Nations Command (UNC), das den Waffenstillstand auf der koreanischen Halbinsel überwacht. Nach den Worten von Merz zeigt das, dass Sicherheit heute nicht mehr teilbar sei, sondern überall gewährleistet werden müsse.

Am Abend wollte der Kanzler nach vier Tagen in Asien mit Stationen in drei Ländern nach Berlin zurückfliegen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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