Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez hat die tödliche Schussattacke in Trappes und La Verrière westlich von Paris als terroristische Tat eingestuft. Ein Mann eröffnete am Vormittag aus einem Auto heraus mit einer automatischen Waffe das Feuer. Ein Mensch starb, fünf weitere wurden teils schwer verletzt, darunter ein zwölfjähriges Kind. Zunächst war von vier Verletzten die Rede. Der Verdächtige wurde wenig später festgenommen.
Terrorermittlungen laufen
Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein – unter anderem wegen des Verdachts auf gezielte Tötung im Zusammenhang mit einem terroristischen Vorhaben, Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung zur Vorbereitung von Gewalttaten gegen Personen sowie wegen Waffenbesitzes.
Nach Angaben der Ermittler wird auch geprüft, ob die Tat wegen der tatsächlichen oder vermeintlichen Zugehörigkeit der Opfer zu einer bestimmten angeblichen „Rasse“, ethnischen Gruppe, Nation oder Religion verübt wurde. Damit rückt ein rassistischer Hintergrund besonders in den Fokus.
Verdächtiger noch nicht vernommen
Bei dem festgenommenen Verdächtigen handelt es sich laut Staatsanwaltschaft um einen 1987 geborenen Mann. Sein Strafregister weist demnach vier Verurteilungen auf, die inzwischen rechtlich getilgt sind. Seine Wohnung wurde am Abend durchsucht. Weil er dabei nach den Vorschriften anwesend sein musste, konnte er bislang noch nicht von den Ermittlern vernommen werden.
Sprengfalle in Wohnung entdeckt
Bei der Durchsuchung fanden die Einsatzkräfte in der Wohnung des Verdächtigen nach offiziellen Angaben eine installierte Sprengfalle. Diese bestand demnach aus drei Gasflaschen und elektrischen Drähten, die mit einer Zeitschaltuhr verbunden waren.
In seinem Fahrzeug wurden außerdem eine Maschinenpistole sowie eine Tränengasgranate entdeckt. Darüber hinaus nahmen die Behörden am Nachmittag eine weitere Person aus dem engsten Familienkreis des Verdächtigen fest.
Schüsse an drei Orten
Die Attacke ereignete sich laut Polizei gegen 10.30 Uhr im Département Yvelines im Westen der Pariser Region. Zunächst fielen in Trappes Schüsse, anschließend fuhr der Mann in die Nachbargemeinde La Verrière weiter. Nach Angaben von Nuñez schoss der Verdächtige an drei verschiedenen Orten aus dem Wagen heraus.
Besonders dramatisch ist der Zustand eines verletzten Kindes: Der Bürgermeister von La Verrière, Nicolas Dainville, sagte dem Sender BFMTV, die zwölfjährige Verletzte sei von acht Schüssen getroffen worden. Trappes’ Bürgermeister Ali Rabeh erklärte, das Mädchen schwebe zwischen Leben und Tod.
Hinweise auf islamfeindliches Motiv
Das Motiv ist noch nicht abschließend geklärt. Mehrere politische Vertreter und lokale Verantwortliche halten jedoch einen rassistischen oder islamfeindlichen Hintergrund für möglich.
Bürgermeister Ali Rabeh sprach von einem möglichen islamophoben Anschlag. Nach seiner Einschätzung habe der Täter offenbar ein „Blutbad“ anrichten wollen und wahllos geschossen. Objektiv betrachtet handle es sich um einen Anschlag mit rassistischem, wahrscheinlich islamfeindlichem Hintergrund, sagte Rabeh. Die Betroffenen hätten auch Menschen aus seiner eigenen Familie sein können.
Macron spricht von rassistischem Terroranschlag
Präsident Emmanuel Macron besuchte die betroffene Gemeinde Trappes, um mit Einsatzkräften zu sprechen. Vor Ort verurteilte er die Tat als „rassistischen Terroranschlag“. Das Geschehen stelle einen Wendepunkt im Leben der Republik und der Nation dar, sagte er.
Auch Ex-Präsident François Hollande sprach von einer rassistisch motivierten Tat und rief zu nationaler Solidarität auf. Die rechtsnationale Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen bezeichnete das Geschehen als barbarischen Akt, dessen Motive aufgeklärt und dessen Verantwortliche hart bestraft werden müssten.
Muslimischer Dachverband warnt
Der muslimische Dachverband CFCM reagierte bestürzt auf die Schüsse. Der Verband warnte erneut vor den Folgen von Hassrede, Stigmatisierung und der Suche nach Sündenböcken, die nach seiner Darstellung von bestimmten Medien und politischen Verantwortlichen mitgetragen und dadurch in der öffentlichen Debatte verharmlost würden.
Sollte sich der rassistische und islamfeindliche Charakter der Tat bestätigen, wäre dies nach Ansicht des CFCM ein tragisches Beispiel für die Gefahren von Hassideologien. Der Verband rief Musliminnen und Muslime in Frankreich zu äußerster Wachsamkeit auf.
Angespannte Lage im Land
Die Tat fällt in eine ohnehin gespannte innenpolitische Lage in Frankreich. Erst am vergangenen Wochenende war es am Rand von Protesten wegen hoher Lebenshaltungskosten und Problemen im Bildungssystem zu schweren Ausschreitungen und Plünderungen gekommen.
Für Samstag sind erneut landesweit Demonstrationen angekündigt. Die Behörden planen dafür ein massives Polizeiaufgebot mit 70.000 Einsatzkräften und befürchten weitere Krawalle.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber