Politik

Familie statt Fraktion: Warum sein Höhenflug jäh endete

14 Monate trotz aller Krisen an der Spitze – jetzt stolpert Jens Spahn ausgerechnet über eine private Entscheidung mit Sprengkraft.

19.07.2026, 13:53 Uhr

Jens Spahn tritt nach privater Entscheidung als Unionsfraktionschef zurück

Für Jens Spahn schien es politisch zuletzt wieder aufwärtszugehen. Nun beendet ausgerechnet eine persönliche Entscheidung seinen Aufstieg abrupt. Nach nur 14 Monaten legt der CDU-Politiker den Vorsitz der Unionsfraktion nieder. Zur Begründung erklärte der 46-Jährige, in den vergangenen Tagen sei ihm immer deutlicher geworden, dass seine Familie für ihn an erster Stelle stehe.

Auslöser für den Rückzug war wachsender Druck aus den eigenen Reihen. Hintergrund ist, dass Spahn privat einen Weg gewählt hat, den er politisch mitgetragenen Regeln zufolge in Deutschland ablehnt. Er und sein Ehemann Daniel Funke entschieden sich, mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern zu werden. In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten – ein Verbot, das in der Union besonders sensibel diskutiert wird.

Rückschlag auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn

Der Rücktritt trifft Spahn in einer Phase, in der er als einer der einflussreichsten Köpfe der CDU galt. Manche trauten ihm langfristig sogar das Kanzleramt zu. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte er sich an der Spitze der CDU/CSU-Bundestagsfraktion stabilisiert und war neben Kanzler Friedrich Merz zu einer zentralen Figur der Partei geworden.

Sein Start als Fraktionschef war im Mai 2025 mit starken 91,3 Prozent der Stimmen gelungen. Doch schon kurz darauf geriet er unter Druck, als die Wahl der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf an das Bundesverfassungsgericht scheiterte. Innerhalb der Union wurde ihm vorgeworfen, den Widerstand in der eigenen Fraktion zu spät erkannt zu haben.

Sitzungen und Statements der Bundestagsfraktionen-Union
Neben dem Kanzler und dem Bundesinnenminister war Spahn der mächtigste Mann in der Union. (Archivbild) Quelle: Michael Kappeler/dpa

Spahn überstand jedoch auch diese Krise. Der Münsterländer hatte bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass er politische Tiefschläge aushalten kann – etwa in der Affäre um die Beschaffung von Corona-Masken, die ihn über Jahre belastete.

Früher Aufstieg und lange Erfahrung

Obwohl Spahn erst 46 Jahre alt ist, gehört er dem Bundestag bereits seit mehr als der Hälfte seines Lebens an. 2002 zog er mit 21 Jahren als damals jüngster Unionsabgeordneter ins Parlament ein. Von 2017 bis 2021 war er Gesundheitsminister im Kabinett von Angela Merkel.

Nach dem Wahlsieg der Union im Februar 2025 wurde er auch als möglicher Wirtschaftsminister gehandelt. Friedrich Merz entschied sich jedoch dafür, ihn zum Fraktionschef zu machen – trotz früherer Spannungen zwischen beiden.

Merz entschied sich bewusst für Spahn

Für die Führung der Fraktion war damals auch Thorsten Frei im Gespräch, heute Kanzleramtschef und enger Vertrauter von Merz. Der Kanzler bevorzugte letztlich Spahn, weil er Frei in der Regierungszentrale behalten wollte.

Nach dem Streit um die Richterwahl gelang es Spahn, seine Position wieder zu festigen. Im Herbst setzte er sich gegen Widerstand jüngerer Abgeordneter bei der Rentenreform durch. Später arbeitete er eng mit SPD-Fraktionschef Matthias Miersch an einem Reformpaket, womit er die Bedeutung der Fraktion gegenüber dem Kanzleramt stärkte.

Empörung über Leihmutterschaft unterschätzt

In der Frage der Leihmutterschaft verschätzte sich Spahn jedoch offenbar politisch. Auf dem Parteitag im Februar hatte er das deutsche Verbot noch mitgetragen. Bei seiner Wiederwahl zum Fraktionschef sprach er das Thema nicht an. Selbst Kanzler Merz informierte er erst in der vergangenen Woche.

Die heftigen Reaktionen nach Bekanntwerden der privaten Entscheidung hatte Spahn offensichtlich nicht erwartet. Noch am Freitagnachmittag schien er davon auszugehen, die Debatte bis zur nächsten regulären Fraktionssitzung aussitzen zu können. Doch der Druck war bereits zu groß. Merz drängte auf einen raschen Rückzug. Weniger als einen Tag später zog Spahn die Konsequenzen. Der Kanzler bezeichnete den Schritt als richtig und unausweichlich.

Wie es für Spahn weitergeht

Ob Spahns politische Karriere damit beendet ist, bleibt offen. Eine Rückkehr in ein Spitzenamt erscheint nach dem entstandenen Vertrauensverlust derzeit allerdings schwer vorstellbar. Auch ob er sein Bundestagsmandat behält, ist unklar. Sollte er im Parlament bleiben, dürfte ihm nur noch eine Rolle in den hinteren Reihen bleiben. Ein anderer Weg könnte ihn in die Wirtschaft führen, wo er ebenfalls über gute Kontakte verfügt.

Fest steht vorerst nur: Spahn hat seiner Familie Vorrang vor der weiteren politischen Laufbahn gegeben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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