Politik

AfD überrascht: Chrupalla bleibt Chef

70 Prozent trotz fehlender Konkurrenz: Warum Chrupalla als AfD-Co-Chef weitermacht, sorgt in Erfurt für Aufsehen.

04.07.2026, 13:23 Uhr

Alice Weidel und Tino Chrupalla bleiben für zwei weitere Jahre an der Spitze der AfD. Auf dem Bundesparteitag in Erfurt wurden beide ohne Gegenkandidaten im Amt bestätigt. Weidel erhielt 81,3 Prozent der Stimmen, Chrupalla kam auf rund 70 Prozent.

Zuvor hatten die Delegierten mit klarer Mehrheit entschieden, dass die Partei weiter von einer Doppelspitze geführt werden soll. Laut Satzung wäre auch ein alleiniger Vorsitz möglich gewesen. Weidel und Chrupalla schlugen sich bei den Wahlen gegenseitig vor.

Für Chrupalla ist das Ergebnis ein spürbarer Dämpfer: Beim Parteitag in Essen 2024 hatte er noch 83 Prozent erreicht. Hinterher verwies er darauf, dass ihn immerhin mehr als zwei Drittel der Delegierten unterstützt hätten. Weidel legte im Vergleich zu ihrer Wahl vor zwei Jahren leicht zu.

Kaum offener Streit auf dem Parteitag

Größere inhaltliche Auseinandersetzungen blieben in Erfurt aus. Eine Debatte über die sogenannte Unvereinbarkeitsliste der Partei wurde am Ende nicht geführt. Diese Liste verhindert bislang, dass frühere Mitglieder extremistischer Gruppierungen in die AfD aufgenommen werden.

Weidel schlug vor, der neu gewählte Bundesvorstand solle die Liste überarbeiten. Zugleich kritisierte sie, der Bundesvorstand hätte das längst anstoßen müssen. Daraufhin zogen Delegierte um den Thüringer Landeschef Björn Höcke einen entsprechenden Antrag zurück.

In ihrer Rede griff Weidel Bundeskanzler Friedrich Merz scharf an. Er sei der „Vivaldi unter den Regierungschefs“, sagte sie mit Blick auf aus ihrer Sicht folgenlose Reformankündigungen. Besonders viel Applaus bekam sie für die Ankündigung: „Wir werden rigoros abschieben!“

Chrupalla bekräftigte in seiner Bewerbungsrede den Machtanspruch der Partei. Die AfD wolle regieren und sei zu einer Volkspartei herangewachsen. Man habe gezeigt, dass man Opposition könne. Ziel sei es, zunächst in einem Bundesland und später auch im Bund Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Blick auf kommende Wahlen

Der Parteitag fällt in eine Phase, in der die AfD in bundesweiten Umfragen so stark ist wie nie zuvor. Mit den kommenden Landtagswahlen verbindet die Partei große Hoffnungen. In Sachsen-Anhalt wird am 6. September gewählt, in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am 20. September. Weidel sprach mit Blick auf 2026 erneut von einem „Superwahljahr“ für die AfD.

Immer wieder wurden in den Reden die Spitzenkandidaten für anstehende Wahlkämpfe mit großem Beifall bedacht. Höcke erklärte, die AfD sei auf einer „Siegesstraße der Geschichte“ unterwegs. Dem Sachsen-Anhalter Ulrich Siegmund rief er zu, er halte ihn für den nächsten Ministerpräsidenten des Landes. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in Umfragen seit Monaten auf Platz eins und kommt teils auf Werte von mehr als 40 Prozent, womit selbst eine absolute Mehrheit nicht mehr völlig fern erscheint. Der Verfassungsschutz stuft die Partei unter anderem in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch ein.

Höcke mit Therapie-Vergleich – Chrupalla widerspricht indirekt

Auch Höcke trat in Erfurt als Gastgeber auf. In seiner Rede sagte er, die AfD müsse heilen. Ein Teil der Nation müsse „auf die Couch“ gelegt und therapiert werden, damit Deutschland wieder zu sich selbst finde und seine Identität zurückgewinne.

Chrupalla bemühte sich zugleich darum, innere Gräben zuzuschütten. Indirekt widersprach er damit jüngsten Äußerungen Höckes über Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. „Der Westdeutsche ist genauso Deutscher wie der Ostdeutsche“, betonte Chrupalla.

Hintergrund sind Aussagen Höckes in einem Interview mit der Schweizer „Weltwoche“ im Juni. Darin hatte er gesagt, im Osten seien die Menschen „noch Deutsche“, während sich der Westen über Jahrzehnte eine Ersatzidentität zugelegt habe und von amerikanischer Kultur geprägt worden sei. Zudem zitierte er einen Satz über „deutsch sprechende Amerikaner“ im Westen und „deutsch sprechende Deutsche“ im Osten.

Drei neue Gesichter bei den Parteivizes

In der zweiten Reihe der Parteiführung gibt es mehrere Veränderungen: Die drei Vizeposten wurden komplett neu besetzt.

Zum stellvertretenden Bundessprecher wurde der Thüringer Stefan Möller gewählt, ein enger Vertrauter Höckes. Er erhielt 76,54 Prozent der Stimmen. In seiner Rede nannte er Höcke einen Weggefährten und Freund, wies aber den Eindruck zurück, von ihm ferngesteuert zu sein.

Ebenfalls neu auf einem Vizeposten ist Katrin Ebner-Steiner, Co-Vorsitzende der bayerischen AfD-Landtagsfraktion. Sie trat ohne Gegenkandidaten an und erhielt knapp 56 Prozent. In ihrer Rede kündigte sie an, man wolle Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder „aus der Staatskanzlei jagen“.

Den dritten Vizeposten sicherte sich Sven Tritschler aus Nordrhein-Westfalen mit 50,7 Prozent und damit knapp der erforderlichen Mehrheit. Er setzte sich gegen den Bundestagsabgeordneten Kay Gottschalk durch. Gottschalk hatte in seiner Bewerbungsrede unter anderem mit der Parole „Remigration löst viele Probleme“ um Zustimmung geworben. Tritschler sagte dagegen, die AfD stehe „an der Schwelle zur Macht“.

Neu gewählt wurde auch der Bundesschatzmeister: Hannes Gnauck setzte sich in einer Kampfkandidatur gegen den langjährigen Amtsinhaber Carsten Hütter durch. Gnauck war früher Chef der inzwischen aufgelösten Jungen Alternative.

Weniger Veränderung in der dritten Reihe

Bei den weiteren Vorstandsposten setzte die Partei teils auf bekannte, teils auf neue und jüngere Gesichter. Zu den Bestätigten zählt etwa Dennis Hohloch aus Brandenburg. Er sagte in seiner Rede: „Wir wollen nicht, dass Deutschland wird wie Offenbach.“ Unter den Neuen ist Jean-Pascal Hohm, Chef der im Herbst gegründeten Nachwuchsorganisation „Generation Deutschland“. Er erklärte, ihm sei wichtig, dass Kinder und Kindeskinder wieder „in Sicherheit, Freiheit und Wohlstand leben können, als Deutsche in Deutschland unter Deutschen“.

Mehr als 30.000 Demonstrierende gegen Parteitag

Begleitet wurde der Parteitag wie erwartet von massiven Protesten. Nach Angaben der Polizei waren mehr als 30.000 Demonstrierende in Erfurt unterwegs, die Veranstalter sprachen von 50.000 Teilnehmern. Dazu kamen Blockadeaktionen auf Zufahrtsstraßen. Dennoch begann das Treffen ohne Verzögerung, weil die meisten der rund 600 Delegierten bereits in den frühen Morgenstunden mit Reisebussen und unter Polizeibegleitung angereist waren. Nach Angaben eines Sprechers befanden sich schon vor 5 Uhr 540 Delegierte auf dem Gelände.

Chrupalla eröffnete den Parteitag mit den Worten, der frühe Vogel fange den Wurm. Zugleich erklärte er, die „Randalierer von der Antifa“ hätten ihr Störmanöver verschlafen. Weidel rief ihre Partei unter großem Jubel dazu auf, „das gesamte Land“ in Schwarz-Rot-Gold zu tauchen.

Weidel, 47-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin, und Chrupalla, 51-jähriger Malermeister aus Sachsen, führen die AfD seit Sommer 2022 gemeinsam. Weidel hat sich in dieser Zeit zur prägenden Führungsfigur der Partei entwickelt und war im Bundestagswahlkampf 2025 zur Kanzlerkandidatin ausgerufen worden. Chrupalla steht bereits seit November 2019 an der Spitze der Partei und ist damit der bislang dienstälteste Parteichef seit der Gründung der AfD im Jahr 2013.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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