Spätfolgen von 9/11: Giftstaub macht Helfer und Anwohner bis heute krank
Curt Andrews musste sich bereits achtmal Hautkrebs entfernen lassen – im Gesicht, auf dem Kopf und an der Brust. Genau dort war seine Haut vor 25 Jahren dem Staub ausgesetzt, der nach den Anschlägen auf das World Trade Center über Manhattan lag. Der freiwillige Feuerwehrmann aus Connecticut half damals eine Woche lang am Ground Zero. Erst später wurde das volle Ausmaß klar: Rettungskräfte und Anwohner nahmen über Atemwege und Haut einen gefährlichen Mix aus zerriebenem Beton, Glas, Gips, verbranntem Kunststoff und vielen weiteren Schadstoffen auf.
„Uns war klar, dass dort unzählige Menschen im Einsatz waren. Für mich stand fest: Ich muss hin und helfen“, erinnert sich Andrews. Kurz nach den Anschlägen stieg er mit gepackter Tasche und weiteren Feuerwehrleuten ins Auto und fuhr nach New York.
Als er eintraf, waren die Zwillingstürme bereits eingestürzt. Er kämpfte sich durch kniehohe Asche und Staubmassen. „Es fühlte sich an, als würde man durch Schnee gehen“, sagt er. Rund um das World Trade Center lagen Trümmerberge.
Zwischen Trümmern und Notsignalen
Andrews hatte gehofft, Verschüttete zu retten und Rufe aus den Trümmern zu hören. Stattdessen vernahm er vor allem das Piepen von Bewegungsmeldern an den Ausrüstungen der Feuerwehrleute. Mehr als 300 Einsatzkräfte der New Yorker Feuerwehr kamen beim Einsturz ums Leben. Die Geräte senden Alarm, wenn sie längere Zeit unbewegt bleiben – bis irgendwann die Batterien versagen.

Doch es gab auch einen Moment der Rettung: Kurz vor Mitternacht entdeckte Andrews mit seinem Team einen Überlebenden. Ein Stahlträger hatte sich in dessen Arm gebohrt. Ärzte versorgten den Mann zunächst mit Morphin, danach musste der Arm amputiert werden, um ihn aus den Trümmern zu befreien. Er überlebte. In der gesamten Woche blieb das nach Andrews’ Erinnerung der einzige Mensch, den er lebend fand.
Schutzmasken trugen er und viele Kollegen damals offenbar nicht. „Wir waren dort, um anderen zu helfen. An uns selbst haben wir nicht gedacht“, sagt er. Seine Augen brannten, er hustete stark. Die erste Nacht schlief der damals 41-Jährige auf einem Bordstein. Duschen konnten die Helfer während ihres Einsatzes nicht – der Staub bedeckte sie ununterbrochen.
Die Gesundheitskrise dauert bis heute an
Zehntausende Menschen waren nach dem 11. September an Rettung, Bergung und Aufräumarbeiten beteiligt. Ein Vierteljahrhundert später sind die gesundheitlichen Folgen noch immer gravierend.
Zusätzlich zum giftigen Staub belasteten Brände, die in den Trümmern bis in den Dezember hinein schwelten, die Luft über Monate. Die US-Umweltschutzbehörde hatte am 18. September 2001 zunächst erklärt, die Luft sei unbedenklich – eine Einschätzung, die später zurückgenommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele Menschen an ihre Arbeitsplätze, in Schulen und Wohnungen zurückgekehrt. Die New Yorker Börse nahm ihren Betrieb sogar schon am 17. September wieder auf.
Auch Schüler waren betroffen. Lila Nordstrom besuchte damals eine Schule in unmittelbarer Nähe des World Trade Centers, die Anfang Oktober wieder öffnete, obwohl die Aufräumarbeiten noch liefen. Bald klagten viele Kinder und Jugendliche über Atemprobleme. Bei Nordstrom verschlimmerte sich das Asthma, zudem entwickelte sie eine Reflux-Erkrankung und eine posttraumatische Belastungsstörung. Sie hatte den Anschlag als Schülerin direkt miterlebt.
Zehntausende Krebsfälle registriert
Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC wurden bislang mehr als 57.000 Krebsfälle erfasst, die mit den Anschlägen in Zusammenhang stehen. Besonders häufig ist Hautkrebs, danach folgen Prostata- und Brustkrebs. Allein in den zwölf Monaten vor Juni 2026 kamen mehr als 10.000 weitere Krebsdiagnosen hinzu.
Neben Krebs zählen chronischer Reflux, Asthma und posttraumatische Belastungsstörungen zu den häufigsten anerkannten Erkrankungen. Bis 2026 hatten sich mehr als 150.000 Menschen in einem staatlichen Hilfs- und Gesundheitsprogramm für 9/11-Betroffene registrieren lassen. Dabei wird jeweils geprüft, ob Krankheit, Belastung und zeitlicher Verlauf wissenschaftlich zu den Folgen der Anschläge passen. Ist das der Fall, gilt die Erkrankung offiziell als 9/11-bedingt.
Experten fanden Hunderte Schadstoffe im Staub
Schon im Oktober 2001 wiesen Fachleute mehr als 350 chemische Substanzen in den Staubmassen nach. Darunter waren fein gemahlener Beton, Dämmstoffe, Kerosinrückstände, Bestandteile elektrischer Geräte und eine hohe Konzentration scharfer Glaspartikel. Der Staub griff nach Einschätzung von Experten unter anderem die Nebenhöhlen sowie den Magen-Darm-Trakt an.
Weltweit bekannt wurde damals das Bild von Marcy Borders, die als „Staubfrau“ bekannt wurde. Sie starb 2015 im Alter von 42 Jahren an Magenkrebs. Für ihre Erkrankung machte sie selbst die Belastung durch den Staub verantwortlich.
Eine genaue Zahl der Menschen, die seit 2001 an den langfristigen Folgen der Katastrophe gestorben sind, veröffentlichen die US-Behörden nicht. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass inzwischen mehr Menschen an 9/11-bedingten Spätfolgen gestorben sind als bei den Anschlägen selbst, bei denen rund 3.000 Menschen ums Leben kamen.
„Ich würde wieder hinfahren“
Andrews kennt viele ähnliche Schicksale. Ein Feuerwehrkollege aus Connecticut starb 2018 an Leberkrebs, ein anderer musste sich jahrelang wegen einer Quecksilbervergiftung behandeln lassen. Trotz seiner eigenen Krebserkrankungen bereut Andrews seinen Einsatz nicht. „Ich würde es jederzeit wieder tun. Ich bin dankbar, dass ich helfen konnte“, sagt er.
Mehr als zwei Jahrzehnte lang konnte er nicht an den Ground Zero zurückkehren. Erst 2023 ließ er sich von einem Freund dazu bewegen, den Ort noch einmal aufzusuchen. Auch für ein Tattoo brauchte er Jahre: Auf seinem Unterarm sind die Zwillingstürme zu sehen, eingehüllt in eine amerikanische Flagge. Darunter steht: Never Forget – Vergiss niemals.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber