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Seit 30 Jahren rettet er „seinen“ Bahnhof

Seit Jahrzehnten hält Karl Bürger seinen Dorfbahnhof gratis in Schuss – und bewahrte ihn sogar vor dem Aus. Warum tut er das?

25.09.2026, 04:30 Uhr

Aus einem kleinen Holzschuppen schiebt Karl Bürger seinen blauen Aufsitzrasenmäher. Bevor er loslegt, zieht er eine orangefarbene Warnweste über. Auf Bahngelände sei das Pflicht, sagt der 70-Jährige – und sinnvoll obendrein. Kurz darauf mäht er am Bahnhof in Walpertskirchen Bahn um Bahn die Grünfläche.

Für die Deutsche Bahn oder die Gemeinde arbeitet Bürger dabei nicht. „Ich bin bei mir angestellt“, sagt er sinngemäß und lächelt. Er mache das ehrenamtlich und aus Überzeugung. Seit 30 Jahren kümmert er sich als Bahnhofspate um den Haltepunkt seines Heimatortes – mit großer Ausdauer und viel Herzblut. Für ihn ist klar: Ein Bahnhof sollte ein Ort sein, an dem Menschen sich wohlfühlen.

Wer in Walpertskirchen ankommt, sieht deshalb etwas, das an vielen Bahnhöfen längst nicht selbstverständlich ist: saubere Wege, geleerte Mülleimer, keine Schmierereien und Bänke, die tatsächlich zum Verweilen einladen.

Jeden Tag mit Leidenschaft im Einsatz

Dass der kleine Bahnhof so gepflegt wirkt, ist vor allem Karl Bürger zu verdanken. Fast jeden Morgen schaut der Rentner nach dem Rechten. Wenn täglich Züge fahren, müsse man sich schließlich auch täglich um die Anlage kümmern, findet er. Er sammelt Müll auf, erledigt kleinere Reparaturen und mäht etwa alle drei bis vier Wochen die rund 100 Quadratmeter große Wiese.

Hinzu kommen sechs Blumenbeete, die er aus alten hölzernen Eisenbahnschwellen gebaut hat. Um die Bepflanzung kümmert sich nach seinen Worten vor allem seine Frau, die Blumen sehr liebt. Ein Teil der Pflanzen wird von der örtlichen Gärtnerei gespendet.

Ganz so idyllisch, wie es oft aussieht, ist der Alltag am Bahnhof aber nicht immer. Ärger bereiten Bürger jene, die Pappbecher, Zigarettenschachteln oder Fast-Food-Verpackungen liegenlassen oder das Wartehäuschen mit Graffiti besprühen. Für solches Verhalten hat er kein Verständnis. Ohne seinen Einsatz, ist er überzeugt, würde die Anlage schnell ganz anders aussehen.

Mehr als zehn Jahre Kampf für den Erhalt des Haltepunkts

Walpertskirchen, eine Gemeinde mit rund 2.000 Einwohnern, ist vom Münchner Ostbahnhof mit der Regionalbahn 40 in etwa einer halben Stunde erreichbar. Die Züge fahren mehrmals am Tag, besonders morgens und am Feierabend ist die Verbindung wichtig.

Dass es den eingleisigen Haltepunkt heute noch gibt, führt Bürger auch auf seinen langen Einsatz zurück. Als die Bahn die Station vor Jahrzehnten stilllegen wollte, wurde er aktiv. 1989 gründete er den örtlichen Pro-Bahn-Arbeitskreis. Das sei die Initialzündung gewesen, sagt er. Danach begann ein Widerstand, der mehr als zehn Jahre dauerte – geprägt von Beharrlichkeit und vor allem von unzähligen Schreiben.

Anfangs sei er für sein Engagement sogar ausgelacht worden, erinnert sich Bürger. Heute überwiegt der Stolz. Sein wichtigster Erfolg sei, dass der Haltepunkt erhalten geblieben ist und die Stilllegung vom Tisch ist. Regelmäßige Zugverbindungen sind für ihn unverzichtbar. Oder, wie er es selbst formuliert: „Ein Dorf ohne Bahnhof is a oida Hut.“

Für seinen langjährigen Einsatz wurde Karl Bürger bereits mit der Bürgermedaille der Gemeinde ausgezeichnet. Bürgermeister Josef Renner (CSU) spricht von einem außerordentlichen Engagement und betont, wie viel Walpertskirchen ihm zu verdanken habe. Auch von der Deutschen Bahn kommt Anerkennung: Eine Sprecherin erklärte, man schätze seinen Einsatz sehr und sei ihm dafür außerordentlich dankbar.

Museumsführer und Erklärer am Fahrkartenautomaten

Wenn ein Zug einfährt, grüßt Bürger oft freundlich und winkt den Reisenden zu. Besonders am Herzen liegt ihm außerdem ein kleines Eisenbahnmuseum direkt an der frisch gemähten Wiese. Es gehört der Gemeinde und kann auf Anfrage besichtigt werden. Zu sehen sind dort unter anderem eine historische Schrankenwärterbude und drei alte Signale. Für das Museum ist Bürger in Personalunion zuständig – als Leiter, Aufpasser, Führer und Hausmeister.

Selbst nach getaner Arbeit ist für ihn oft noch nicht ganz Schluss. So ruft er einem Fahrgast im rot gestrichenen Wartehäuschen zu, ob Hilfe gebraucht werde. Das Problem: Schwierigkeiten am Ticketautomaten. Bürger springt ein, erklärt die Bedienung – und wenig später funktioniert auch die Kartenzahlung wieder.

„So, jetzt machen wir Feierabend“, sagt er schließlich. Um den Bahnhof in Walpertskirchen will er sich kümmern, solange er kann. Der Gedanke an die Zeit danach bereitet ihm jedoch Sorgen. Auf die Frage, wer das alles später einmal übernehmen soll, hat er eine knappe Antwort: „Keiner.“

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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