Im Konflikt um die aus der Magdeburger Stadtbibliothek verlegte Lesung des Autors und Aktivisten Arne Semsrott weist Oberbürgermeisterin Simone Borris Vorwürfe politischer Einflussnahme erneut zurück. In öffentlicher Sitzung des Stadtrats erklärte die parteilose Politikerin, es habe von ihr weder eine Entscheidung noch eine Weisung gegeben, die Veranstaltung abzusagen, die Lesung zu untersagen oder die Zusammenarbeit der Stadtbibliothek mit den Organisatoren zu beenden.
Lesung nun im Moritzhof
Die ursprünglich für den 5. Juni in der Stadtbibliothek geplante Lesung aus Semsrotts neuem Buch „Gegenmacht – Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ soll inzwischen im Kulturzentrum Moritzhof stattfinden. Dort übernehmen nach Angaben des Hauses die Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt und der Verein Miteinander die Veranstaltung. Die Heinrich-Böll-Stiftung ist die parteinahe Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen.
Semsrott spricht weiter von einer „Ausladung“
Semsrott hatte die Verlegung scharf kritisiert und sie als eindeutige Ausladung bezeichnet. Im Deutschlandfunk Kultur sagte er, die Stadt habe nichts damit zu tun, dass die Veranstaltung nun im Moritzhof stattfinden könne. Aus seiner Sicht geht es grundsätzlich um die Frage, ob eine Lesung in einem öffentlich zugänglichen und öffentlich finanzierten Ort wie der Stadtbibliothek möglich sein müsse.
Der Autor vermutet hinter dem Vorgang politischen Druck. Er gehe „sehr stark davon aus“, dass die Entscheidung mit einer kritischen Anfrage der AfD im Magdeburger Stadtrat zu einer früheren Lesung von ihm zusammenhängt. Sinngemäß sei im Rathaus womöglich der Eindruck entstanden, man wolle sich solchen Ärger künftig ersparen und ihn deshalb lieber nicht mehr in städtischen Räumen lesen lassen.
Belegen kann Semsrott das bislang nach eigenen Angaben nicht. Allerdings habe er aus mehreren Richtungen gehört, dass der Inhalt seines Buches als „zu provokativ“ eingeschätzt worden sei. Das sieht er anders: Gerade ein provokanter Stoff sei aus seiner Sicht eine gute Grundlage für eine öffentliche Diskussion.
Borris: „Ich habe um Prüfung gebeten“
Borris schilderte den Ablauf im Stadtrat anders. Bei einer Dienstberatung am 14. April sei die geplante Veranstaltung lediglich im Zusammenhang mit Fragen parteipolitischer Neutralität vor Wahlen angesprochen worden. Eine Absage habe sie nicht angeordnet. Stattdessen habe sie nur um eine Prüfung gebeten. Nach eigenen Angaben kannte sie weder Semsrott noch dessen Bücher und beteiligte sich deshalb nach eigener Darstellung nicht weiter an der Diskussion.
Nach Angaben der Oberbürgermeisterin lag zu diesem Zeitpunkt bereits eine fachliche Einschätzung der Stadtbibliothek vor, die sich ausdrücklich dafür ausgesprochen hatte, die Lesung stattfinden zu lassen. Diese Stellungnahme habe auf Meinungs- und Kunstfreiheit verwiesen. In der betreffenden Dienstberatung sei ihr diese Einschätzung aber nicht bekannt gewesen.
Gespräch mit Semsrott und Böll-Stiftung geplant
Zugleich räumte Borris ein, dass der weitere Verlauf bei Beteiligten als irritierend, enttäuschend oder auch verletzend angekommen sein könne. Für kommenden Mittwoch habe sie Semsrott sowie Vertreter der Heinrich-Böll-Stiftung zu einem Gespräch eingeladen. Nach ihren Angaben haben sowohl der Autor als auch die Stiftung bereits zugesagt. Borris betonte, für sie müsse eine Stadtbibliothek ein Ort der offenen Debatte bleiben.
Semsrott hatte bereits angekündigt, die Hintergründe zusätzlich per Auskunftsantrag bei der Stadt aufklären zu wollen. Dabei will er unter anderem wissen, welche internen E-Mails es gab und wer die Entscheidung letztlich getroffen hat.
Fall erinnert an Debatte in Mecklenburg-Vorpommern
Der Streit in Magdeburg erinnert an einen ähnlich gelagerten Fall in Mecklenburg-Vorpommern: Vor gut einem halben Jahr hatte die Absage eines Auftritts des jüdischen Publizisten Michel Friedman im Literaturhaus Klütz bundesweit Kritik ausgelöst. Die Veranstaltung war damals auf Bitten des damaligen Bürgermeisters abgesagt worden, der später zurücktrat.
Quelle: dpa/bearbeitet
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion