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Knapper werdendes Kerosin könnte Sommerflüge in Europa belasten

Geht dem Luftverkehr zur Reise-Saison im Sommer der Treibstoff aus? Laut Luftverkehrsverband spitzt sich die Lage zu. Für Passagiere wird es auf jeden Fall teurer.

17.04.2026, 14:07 Uhr

Der Luftverkehr blickt mit Sorge auf die bevorstehende Hauptreisezeit: Nach Einschätzung der Branche könnte es schon bald zu Engpässen bei Kerosin in Deutschland und Europa kommen. Grund ist vor allem die angespannte Lage rund um die Straße von Hormus. Ein großer Teil der europäischen Importe stammt aus dem Nahen Osten, wo im Zuge des Krieges zahlreiche Öl- und Energieanlagen beschädigt oder zerstört wurden.

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) warnt, dass die Sommerferien und die geschäftige Reisezeit unmittelbar bevorstehen. Gerade in dieser Phase sei der Tourismus stark auf funktionierenden Flugverkehr angewiesen. Airlines prüfen demnach bereits ihre Strecken und arbeiten an Notfallplänen. Konkrete Streichungen von Urlaubsflügen gibt es bislang jedoch nicht.

Höhere Preise für Flugreisen erwartet

Spürbar sind die Folgen schon jetzt bei den Ticketpreisen. Vor allem Fernflüge nach Südostasien oder Australien haben sich bereits verteuert, unter anderem weil wichtige Drehkreuze in den Vereinigten Arabischen Emiraten kriegsbedingt eingeschränkt sind. Der Ökonom Gabriel Felbermayr rechnet insgesamt mit deutlich steigenden Flugkosten. Nach seiner Einschätzung dürfte das die Nachfrage dämpfen – und damit am Ende auch das Angebot. Einzelne Verbindungen könnten gestrichen werden, wenn sie wirtschaftlich nicht mehr tragfähig sind.

Lufthansa zieht erste Konsequenzen

Bei der Lufthansa gibt es bereits einen tiefen Einschnitt. Das Unternehmen hat das sofortige Aus für die Regionaltochter Lufthansa Cityline eingeleitet. Dadurch verschwinden 27 Maschinen aus dem Betrieb, viele davon mit vergleichsweise hohem Verbrauch. Für die Zubringerverkehre zu den Drehkreuzen Frankfurt und München entstehen dadurch Lücken. Verschärft wird die Lage zusätzlich durch Streiks des fliegenden Personals, die zuletzt erneut hunderte Flugausfälle verursacht haben. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit erwartet daraus erhebliche wirtschaftliche und operative Schäden für den Konzern.

Kerosinpreise haben sich mehr als verdoppelt

Die Zuspitzung der Versorgungslage zeigte sich zuerst an Flughäfen in Asien, die schon vor Wochen keine zusätzlichen Flüge mehr angenommen haben. Ob Europa ähnlich stark betroffen sein wird, hängt laut BDL vor allem davon ab, wie lange der Krieg mit Iran andauert. Selbst bei einem raschen Ende erwarten Experten nur eine langsame Entspannung an den Energiemärkten. Seit Kriegsbeginn haben sich die Preise für Kerosin bereits mehr als verdoppelt.

Der Verband verweist dabei auf Einschätzungen von Energieexperten, wonach am Persischen Golf mehr als 80 Anlagen teils schwer beschädigt wurden. Nach Annahmen der Mineralölwirtschaft könnten auf längere Sicht rund 20 Prozent der weltweiten Ölkapazitäten ausfallen. Dadurch verschärft sich der Wettbewerb um verfügbare Mengen weiter.

Europa sucht Ersatz für Lieferungen aus dem Nahen Osten

Auch die Internationale Energieagentur (IEA) sieht Risiken für die Versorgung in Europa. Nach ihrer Einschätzung könnten mehrere europäische Länder in den kommenden sechs Wochen in eine beginnende Kerosinknappheit geraten. Entscheidend sei, in welchem Umfang die weggefallenen Lieferungen aus dem Mittleren Osten durch andere Bezugsquellen ersetzt werden können. Bisher kamen rund 75 Prozent der europäischen Nettoimporte von Flugtreibstoff aus dieser Region.

Nach Angaben des BDL stammt das bisherige Ersatzangebot vor allem aus den USA. Diese zusätzlichen Lieferungen können die Ausfälle bislang aber nur etwa zur Hälfte kompensieren. Damit drohen niedrige Lagerbestände, ein enger Markt und weiter steigende Preise – auch über den Sommer hinaus.

EU sieht noch keine systemische Krise

Die EU-Kommission erkennt derzeit noch keine Hinweise auf flächendeckende Treibstoffengpässe, die massenhafte Flugstreichungen auslösen würden. Aus Brüssel heißt es, der Markt komme bislang mit der angespannten Situation zurecht. Die Entwicklung werde jedoch eng beobachtet. Falls die Störungen rund um die Straße von Hormus anhalten, bereite sich die EU auf gemeinsame Gegenmaßnahmen vor.

Europas Raffinerien produzieren weniger

Ein strukturelles Problem ist die gesunkene Produktion in Europa. Laut einer Studie von Energex Partners ist die Herstellung von Flugzeugtreibstoff in Europa einschließlich Großbritanniens zwischen 2019 und 2024 um ein Viertel zurückgegangen. Auch in Deutschland wurden Verarbeitungskapazitäten reduziert. Dadurch ist die Abhängigkeit von Produzenten auf der Arabischen Halbinsel deutlich gewachsen.

Der BDL beruft sich auf Zahlen des Energieverbands en2x: Von den rund 9 Millionen Tonnen Kerosin, die 2024 in Deutschland verkauft wurden, stammten 5,9 Millionen Tonnen aus Importen. In deutschen Raffinerien wurden 4,8 Millionen Tonnen hergestellt, allerdings gingen davon wiederum 1,6 Millionen Tonnen ins Ausland.

Branche fordert Zugriff auf Reserven

Als Reaktion verlangen der BDL und der europäische Airlineverband A4E eine enge staatliche Kontrolle über die vorhandenen Kerosinmengen. Außerdem sprechen sie sich dafür aus, nationale und europäische Reserven freizugeben. Helfen könnte nach Ansicht der Verbände auch ein besserer Zugang zur sogenannten Nato-Pipeline, um wichtige Flughäfen wie Frankfurt, Köln, München und Zürich verlässlicher zu versorgen.

Streit um Passagierrechte

Zusätzlich drängt die Luftfahrtbranche auf Entlastungen bei Steuern und Abgaben. Ein weiterer Vorstoß könnte allerdings zulasten der Reisenden gehen: Der BDL möchte erreichen, dass Flugausfälle oder Verspätungen wegen Treibstoffmangels als „außergewöhnliche Umstände“ gelten. In solchen Fällen müssten Airlines nach der EU-Fluggastrechteverordnung keine Entschädigungen zahlen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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