Die Scheren im traditionsreichen „Salon Harry“ auf St. Pauli bleiben still: In dem Friseurladen an der Davidstraße 23, direkt gegenüber der Davidwache, wird seit einigen Tagen nicht mehr gearbeitet. Damit endet eine Geschichte, die nach Angaben von Franz Stenzel (81) und Ute Bickeleit (63) bis ins Jahr 1906 zurückreicht. Seitdem habe es an dieser Adresse immer einen Friseursalon gegeben.
Abschied nach vielen Jahrzehnten
Stenzel und Bickeleit waren seit den 1980er Jahren im „Spezial Herren-Friseur“ tätig – zunächst als Angestellte des früheren Inhabers Harry, später als Besitzer des Geschäfts. Nun ist endgültig Schluss. „Vor drei Wochen haben wir die Entscheidung getroffen, den Laden endgültig zuzumachen“, sagen sie.
Bis zum Monatsende muss das Geschäft geräumt sein. Für die beiden ist das ein schmerzhafter Abschied. „Wir haben viel geweint“, erzählt Bickeleit. Auch viele Stammkunden hätten sehr emotional reagiert.
Am Wochenende sollen nun die schweren Friseurstühle mit dunklen Lederpolstern, die Mahagoni-Einrichtung mit Spiegeln, grünen Marmortischplatten und alten Glaskugelleuchten mit Messinghaltern ausgebaut werden. Fast alles werde entsorgt. Das falle schwer, sagt Bickeleit mit Wehmut.
Wunsch nach einem Nachfolger blieb unerfüllt
Am liebsten hätten die beiden das traditionsreiche Geschäft in neue Hände gegeben. Doch eine Nachfolgelösung kam nicht zustande. Einen festen Mietvertrag habe es schon länger nicht mehr gegeben, erklärt Bickeleit. Zwar habe man sich mit dem Vermieter immer wieder auf Verlängerungen verständigt, doch diesmal sei das Aus plötzlich gekommen. Für einen würdigen Abschied von den Kunden sei kaum Zeit geblieben.
Stenzel war Anfang der 1980er Jahre aus Danzig über Bonn nach Hamburg gekommen. In Bonn hatte er bereits Politikern im Bundeshaus die Haare geschnitten. Eigentlich wollte er nach Kiel, erzählt er, weil ihn die Stadt an Danzig erinnert habe. Doch er verpasste die Abfahrt, fuhr durch Hamburg, fand die Stadt wunderschön – und blieb. Kurz darauf begann er bei Harry zu arbeiten.
Dort lernte er später auch Ute Bickeleit kennen, die Anfang 20 zu dem Salon kam. Aus der Zusammenarbeit wurde eine Beziehung, ihre gemeinsame Tochter ist inzwischen erwachsen.
Hier wurden die Beatles zu Pilzköpfen
Nicht alles aus dem Laden soll im Müll landen. Besonders stolz ist Stenzel auf zwei blau gepolsterte Friseurstühle im Keller. Auf ihnen, sagt er, hätten einst die Beatles gesessen. Die Sessel mussten 1974 einer neuen Mahagoni-Einrichtung weichen und stehen seither im Untergeschoss.
Unter einer Plastikabdeckung steht handschriftlich ein Hinweis von Horst Fascher, Musikpromoter und Mitgründer des legendären Star-Clubs: Die Beatles hätten dort Ende 1961 für ihren berühmten Haarschnitt gesessen, nachdem Astrid Kirchherr den ersten Versuch missglückt habe.
Stenzel erzählt die überlieferte Geschichte so: Die junge Fotografin Astrid Kirchherr, die mit den Musikern aus Liverpool bekannt war, habe sie für ein Fotoshooting zu sich eingeladen. Damals trugen die Beatles noch ihre Elvis-Tollen. Das habe ihr nicht gefallen, also habe sie selbst zur Schere gegriffen. Das Ergebnis sei allerdings etwas schief geraten. Daraufhin habe Horst Fascher die Band zu Harry gebracht, der den Schnitt korrigiert habe.
Prominente, Milieugrößen und Stammgäste
Im halbleeren Laden erinnern noch heute Schallplatten, Fotos und andere Beatles-Andenken an diese Zeit. Auch ein Bild von Freddy Quinn hängt noch dort. Laut Bickeleit schauten immer wieder bekannte Gesichter vorbei, auch weil viele Künstler nebenan im St. Pauli Theater auftraten.
Der Salon war früher von 8 bis 22 Uhr geöffnet. Am Morgen kamen Arbeiter aus dem Fischereihafen nach ihrer Schicht, später dann zahlreiche bekannte Figuren aus dem Rotlichtmilieu. Manche erschienen sogar zweimal täglich, erzählt Bickeleit. Gerade die aufwendigen Frisuren der Zuhälter hätten intensive Pflege gebraucht – gut auszusehen sei in diesem Milieu besonders wichtig gewesen.
Zu den regelmäßigen Kunden hätten Kiezgrößen wie „Dakota Uwe“ oder „Wiener Peter“ gehört. Auch der berüchtigte Auftragsmörder Werner „Mucki“ Pinzner sei im Laden gewesen, erinnert sich Stenzel – sogar mit seinem Pitbull. Einen Tag später habe man erfahren, dass er und andere festgenommen worden seien.
Pinzner schrieb später Hamburger Kriminalgeschichte: 1986 erschoss er während einer Vernehmung im Polizeipräsidium den zuständigen Oberstaatsanwalt, seine Frau, die ihm die Waffe zugesteckt hatte, und sich selbst. Ihm werden zahlreiche Morde zugeschrieben.
Auch der Serienmörder Fritz Honka soll sich einst im „Salon Harry“ die Haare schneiden lassen haben – allerdings noch vor Stenzels Zeit.
Ritual am Schaufenster bleibt in Erinnerung
Stenzel mit seinem weißen, gezwirbelten Schnauzbart und der goldenen Drahtbrille steht noch immer gern am Fenster. Wenn auf der anderen Straßenseite ein roter Sightseeing-Doppeldecker hält und die Touristen herüberwinken, hebt er den Arm und grüßt zurück. „Das macht er immer – achtmal am Tag“, sagt Bickeleit.
Was jetzt kommt
Für die Zukunft haben die beiden einen einfachen Plan: Sie wollen das Leben genießen. Stenzel sagt es mit einem Lächeln: In Zukunft werde er nur noch den Hund und den Rasen schneiden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber