Nach dem Ende der Zeugenaussage des mutmaßlichen Chefs der Entführer im Fall Christina Block haben mehrere Verteidiger dessen Darstellung scharf angezweifelt. Der Zeuge David Barkay habe andere belastet, um sich selbst zu entlasten, sagte Verteidiger Marko Voß, der den mitangeklagten Familienanwalt Andreas Costard vertritt. Sein Mandant habe die Tat nicht beauftragt und trage rechtlich keine Verantwortung für die "Exzesse" der Israelis.
Auch Blocks Anwalt Ingo Bott kritisierte die Aussage als wenig belastbar. Vieles sei vage geblieben. Zudem bekräftigte er erneut, ein von Barkay und anderen israelischen Zeugen geschildertes Treffen maskierter Männer mit Christina Block kurz vor der Tat habe es nicht gegeben. Die Unternehmerin habe von Barkays Plänen für die Silvesternacht 2023/24 nichts gewusst und die Aktion nicht in Auftrag gegeben. Sie sei lediglich eine "Randfigur" gewesen.
Sieben Angeklagte im Prozess
In dem Verfahren gibt es insgesamt sieben Angeklagte. Neben Christina Block und Andreas Costard ist auch ein 36-jähriger Israeli Hauptangeklagter. Block und Costard wird vorgeworfen, eine israelische Sicherheitsfirma damit beauftragt zu haben, die beiden jüngsten Kinder vom Wohnort des Vaters in Dänemark nach Deutschland zu bringen. Vier weitere Personen, darunter Blocks Lebensgefährte Gerhard Delling, stehen wegen Beihilfe vor Gericht. Bis auf den angeklagten Israeli bestreiten alle Angeklagten, etwas Unrechtes getan zu haben.
Die Anklage geht davon aus, dass die damals 13 Jahre alte Tochter und ihr zehnjähriger Bruder in der Silvesternacht 2023/24 von maskierten Männern in ein Auto gezerrt und nach Deutschland gebracht wurden. Block bestreitet die Vorwürfe.
Der Chef der Sicherheitsfirma, Barkay, hatte sich während des laufenden Prozesses aus Israel gemeldet und für seine Aussage sicheres Geleit erhalten. Nach Darstellung von Dellings Verteidiger David Rieks habe der Zeuge mit der Staatsanwaltschaft kooperieren wollen, weil er sich davon Vorteile versprochen habe. Gegen Barkay könnte später ebenfalls Anklage erhoben werden. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Barkay sagte an neun Verhandlungstagen aus
Der 57. Verhandlungstag war bereits der neunte Tag, an dem Barkay vor Gericht Fragen beantwortete. Der 69-Jährige hatte in einer früheren Aussage geschildert, er sei zunächst engagiert worden, um die Familie des Ex-Mannes in Dänemark auszuspionieren und Informationen für den Sorgerechtsstreit zu sammeln. Weil dies aus seiner Sicht nicht zum gewünschten Ergebnis geführt habe, sei der Druck auf ihn gewachsen. Er habe den Eindruck gehabt, bei der späteren Rückholaktion im Namen der Familie zu handeln. Konkrete Einzelheiten habe er zuvor jedoch nicht offengelegt.
Zeuge bestätigt Tätigkeit für Geheimdienst
Bei der weiteren Befragung wollte die Verteidigung mehr über Barkays beruflichen Hintergrund erfahren. Der 69-Jährige erklärte laut Übersetzung vor dem Hamburger Landgericht, dass er in der Vergangenheit für den israelischen Geheimdienst tätig gewesen sei. Nähere Angaben dürfe er dazu nicht machen.
Blocks Verteidiger Bott fragte außerdem, ob Barkay dort Techniken der Manipulation gelernt habe. Das wies der Zeuge zurück. Er habe niemals Menschen manipuliert, sondern andere Aufgaben übernommen.
Ungewöhnlicher Lebenslauf des Zeugen
Barkay schilderte zudem Teile seines Lebenslaufs. Er sei in Paris geboren, sagte er. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft besitzt er die israelische und die französische Staatsbürgerschaft.
Außerdem erklärte der Zeuge, er habe Islamwissenschaft studiert und zeitweise auch ein Medizinstudium begonnen. Nach eigenen Angaben war er zudem an der Universität Oxford im Bereich Mathematik und in Harvard im Bereich Cybersicherheit.
Warum Barkay auf Englisch aussagte
Barkay sagte in Hamburg insgesamt an neun Verhandlungstagen aus. Immer wieder verlief die Befragung zäh, weil der Zeuge nach eigenen Angaben Fragen nicht verstanden habe. Zudem berief er sich mehrfach auf Erinnerungslücken.
Zum Abschluss wurde auch geklärt, warum Barkay nicht auf Hebräisch, sondern auf Englisch aussagte. Seine Muttersprache sei Spanisch, sagte der 69-Jährige. Französisch sei seine zweite Sprache, Englisch seine dritte — diese spreche er aber besser als Hebräisch.
Sein Anwalt Björn Kruse ergänzte, er habe Barkay zur Aussage auf Englisch geraten. So könne er als Zeugenbeistand die Originalaussagen direkt verstehen und bei möglichen Übersetzungsnuancen eingreifen.
Der Prozess wird am kommenden Mittwoch mit weiteren Erklärungen der Verteidiger fortgesetzt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber