Brandenburg

Bestseller ohne Verlag: «Was Teenager lesen wollen»

Tabuthemen, die unter die Haut gehen: Marie Döling veröffentlicht ohne Verlag – und trifft damit einen Nerv. Wie sie mit pinken Buchkanten BookTok erobert und warum plötzlich alle über diese neue Stimme sprechen.

29.04.2026, 06:16 Uhr

Marie Dölings Romane wirken auf den ersten Blick verspielt: pinke Cover, floraler Farbschnitt, liebevoll gestaltet. Wer die Bücher der jungen Autorin sieht, könnte zunächst an harmlose Teenager-Liebesgeschichten denken. Tatsächlich behandelt die 30-Jährige jedoch schwere und teils sehr explizit geschilderte Themen wie Mobbing, sexualisierte Gewalt und Selbstverletzung. Deshalb finden sich in ihren Büchern auch Triggerwarnungen.

Erfolg ohne Verlag

Mit ihrem neuen Roman „Ein Loch im Universum“, der im April erschienen ist, landete die Autorin aus Potsdam direkt auf Platz 10 der Spiegel-Bestsellerliste im Paperback-Bereich. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Döling ihre Werke komplett im Selbstverlag veröffentlicht. Sie verzichtet bewusst auf einen Verlag und setzt stattdessen auf die Unabhängigkeit des Selfpublishings.

Reichweite über TikTok und Instagram

Döling stammt aus Aschersleben in Sachsen-Anhalt und gehört zu einer neuen Generation von Autorinnen, die vor allem junge Leserinnen und Leser ab dem Teenageralter ansprechen. Diese Zielgruppe erreicht sie vor allem über soziale Netzwerke wie TikTok und Instagram.

Dort dominieren kurze Clips, aber auch lange Livestreams, in denen Menschen sich beim Lesen filmen. Gerade bei „Ein Loch im Universum“ zeigen viele ihre emotionalen Reaktionen öffentlich im Netz.

Junge Leser suchen keine perfekte Welt

Nach Dölings Beobachtung wollen Jugendliche nicht nur Geschichten zur Flucht aus dem Alltag lesen. Sie suchten vielmehr Literatur, die ihre Ängste, ihren Schmerz und ihre Erfahrungen ernst nehme. Themen wie Mobbing seien vielen vertraut – ob als Betroffene, Mitwirkende oder Beobachtende.

Auch die Debatte über sexualisierte Gewalt im Internet habe viele junge Menschen stark beschäftigt. Für viele sei das ein Moment gewesen, in dem ihnen klar geworden sei, wie verbreitet solche Erfahrungen tatsächlich sind. Genau deshalb sei es wichtig zu zeigen, dass es sich nicht um Einzelfälle handele.

Die Autorin spricht auch aus persönlicher Erfahrung. Sie berichtet, selbst sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Im Austausch mit Freundinnen hätten sich weitere Geschichten offenbart. Aus diesem Bedürfnis heraus sei der Wunsch entstanden, das Erlebte literarisch zu verarbeiten.

Um düstere Themen geht es in Dölings jungen Romanen.

Besonders belastende Szenen habe sie von Freundinnen gegenlesen lassen. Ihr Ziel sei gewesen, die Inhalte sensibel darzustellen – nicht sensationsheischend, sondern klar und verantwortungsvoll.

Selfpublishing kämpft weiter mit Vorurteilen

Schon vor vier Jahren entschied sich Döling bewusst gegen einen Verlag, als der Vorgängerband ihres aktuellen Romans erschien. Diese Entscheidung sei trotz des anhaltenden Stigmas rund um Selfpublishing gefallen. Denn weil grundsätzlich jede Person veröffentlichen könne, entstünden dort auch Bücher, die nicht immer den üblichen Qualitätsstandards des Marktes entsprächen.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht Selfpublishing als Chance für unbekannte Autorinnen und Autoren, erste Sichtbarkeit zu erreichen. Thomas Koch vom Börsenverein erklärt jedoch, dass nur ein kleiner Teil der Selfpublisher wirklich erfolgreich sei. Im besonders gefragten Young- und New-Adult-Segment könnten Autorinnen und Autoren vor allem dann bestehen, wenn sie sich über Social Media eine starke Community aufbauen.

Zugleich würden Verlage angesichts der wachsenden Informationsflut und der Zunahme KI-generierter Bücher wieder stärker als Qualitätsfilter gebraucht, so Koch.

Social Media beeinflusst den Buchkauf stark

Für Döling hat sich das finanzielle Risiko gelohnt: Sie investierte mehrere Tausend Euro in ihre Bücher und sagt, am Ende genau das Werk geschaffen zu haben, das sie schreiben wollte. Besonders viel Resonanz bekommt sie auf BookTok und Bookstagram, also in den Online-Communities von Buchbegeisterten.

Auch umgekehrt beeinflussen diese Plattformen das Kaufverhalten stark. Laut Koch wird etwa ein Drittel junger Menschen über soziale Medien auf Bücher aufmerksam. Bei den 16- bis 19-Jährigen liege der Anteil sogar bei 38 Prozent.

Eine hochwertige Gestaltung spielt dabei ebenfalls eine große Rolle. Attraktive Ausgaben mit besonderem Farbschnitt seien für viele junge Käuferinnen und Käufer fast schon ein Muss. Häufig würden Titel, die online entdeckt wurden, anschließend ganz klassisch in der Buchhandlung gekauft. Viele Buchhandlungen reagierten darauf bereits mit eigenen Präsentationsflächen für erfolgreiche Social-Media-Titel.

Literatur mit pädagogischem Anspruch

Döling verbindet ihr Schreiben auch mit einem Bildungsanspruch. Sie hat an der Universität Potsdam Lehramt studiert und wollte bewusst Literatur schaffen, die sich auch im Schulunterricht einsetzen lässt. Beim ersten Band „Kein Ort dieser Welt“ ist das inzwischen teilweise Realität geworden: Eine Schule arbeitet an einer Theaterfassung für die Aula, außerdem entwickelt die Autorin Unterrichtsmaterialien.

Dritter Band soll Hoffnung geben

Inzwischen schreibt Döling an einem dritten Teil ihrer Reihe. Diesmal soll der Schwerpunkt anders liegen: Nach all den Krisen und Belastungen der Figuren möchte sie Trost und Zuversicht vermitteln. Ein klassisches Happy End müsse es zwar nicht geben, sagt sie. Aber am Ende solle die Geschichte Hoffnung und Mut hinterlassen – und nicht nur innere Verwüstung.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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