Brandenburg

Prozess gegen Klette – Was droht jetzt?

Schüsse, eine Millionenbeute und Tränen im Gerichtssaal: Im spektakulären Prozess gegen Ex-RAF-Mitglied Daniela Klette könnte nach über einem Jahr endlich die Entscheidung fallen. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft das letzte Wort.

28.04.2026, 04:30 Uhr

Klette-Prozess: Staatsanwaltschaft beharrt auf versuchtem Mord

Im Verfahren gegen die frühere RAF-Terroristin Daniela Klette hält die Staatsanwaltschaft an dem Vorwurf des versuchten Mordes fest. In ihrem Plädoyer vor dem Landgericht Verden bekräftigte Staatsanwältin Annette Marquardt, der Überfall auf einen Geldtransporter in Stuhr bei Bremen im Juni 2015 sei „einfach hochgradig gefährlich“ gewesen.

Nach Darstellung der Anklage richteten drei Maskierte Maschinenpistolen und eine Panzerfaust auf das Fahrzeug, mehrere Schüsse fielen. Ein Geschoss blieb in der Rückenlehne des Fahrers stecken. Für die Staatsanwaltschaft ist das ein versuchter Mord. Das Gericht hatte im Verlauf des Prozesses dagegen erkennen lassen, dass es die Tat wohl eher nicht so bewerten wird. Die Kammer geht bislang von bedingtem Tötungsvorsatz aus und nimmt an, dass der Schütze den Tod des Opfers zwar in Kauf nahm, die Tat aber nicht vollendete.

Schwere Vorwürfe gegen die Angeklagte

Klette ist unter anderem wegen versuchten und vollendeten schweren Raubes als Mitglied einer Bande angeklagt. Hinzu kommen nach Angaben der Staatsanwaltschaft Verstöße gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz. Am Mittwoch will die Anklage ein konkretes Strafmaß beantragen.

Die Anklage wirft der 67-Jährigen vor, gemeinsam mit den weiter flüchtigen Ex-RAF-Mitgliedern Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub zwischen 1999 und 2016 insgesamt 13 Überfälle auf Geldtransporter und Kassenbüros in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein verübt zu haben. Im Laufe des Verfahrens stellte das Gericht die Verfahren zu fünf Taten ein, weil diese bei einer möglichen Verurteilung für das Strafmaß kaum zusätzlich ins Gewicht fallen würden. Die mutmaßliche Gesamtbeute liegt bei mehr als 2,7 Millionen Euro. Mit dem Geld soll das Trio sein Leben im Untergrund finanziert haben.

„Das sind Delikte mit ganz erheblicher krimineller Energie“, sagte Marquardt in Richtung der Angeklagten. Zugleich warf sie Klette vor, die Überfälle „in unerträglicher Weise bagatellisiert“ zu haben. Die Staatsanwältin schilderte auch die Folgen für Betroffene: Manche Opfer hätten wegen schwerer psychischer Belastungen nie wieder in ihr früheres Leben zurückgefunden.

Brisante Funde in der Berliner Wohnung

Für die Staatsanwaltschaft spielen die Beweise aus Klettes Berliner Wohnung eine zentrale Rolle. Dort war sie im Februar 2024 nach jahrzehntelangem Leben im Untergrund festgenommen worden. Nach Angaben der Anklage lebte sie dort unter dem Namen „Claudia“ und wurde mit ihrem Hund angetroffen. Die 1,5-Zimmer-Wohnung bezeichnete Marquardt als „Asservatenkammer“ und sagte: „Dankenswerterweise hat Frau Klette nichts weggeworfen.“

Ermittler fanden demnach unter anderem eine Panzerfaust-Attrappe, mehrere Waffen und Munition. „Das, was gefunden wurde, war weder harmlos noch rentnerlike“, sagte die Staatsanwältin. Außerdem wurden mehr als ein Kilogramm Gold und rund 240.000 Euro Bargeld sichergestellt, die aus Sicht der Anklage zumindest teilweise aus der Beute stammen dürften.

Hinzu kamen Fotos, Skizzen und Notizen zu Routen von Geldtransportern, ausgespähten Supermärkten und Polizeiwachen in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Beamten entdeckten zudem mehrere Handys, Computer, Sturmhauben und Flecktarnhosen. An ungewaschener Kleidung konnten Experten DNA-Spuren von Klette und Garweg nachweisen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fanden Ermittler später auch in Fluchtfahrzeugen DNA-Spuren, darunter laut einer Sachverständigen Mischspuren von Klette.

Anklage sieht Klette in führender Rolle

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft war Klette bei den Taten nicht nur beteiligt, sondern spielte eine „federführende Rolle“. Marquardt schilderte vor Gericht eine klare Aufgabenverteilung innerhalb des Trios: Klette habe Zugriff auf die Waffen gehabt und meist das Fluchtfahrzeug gesteuert. Staub soll Fahrzeuge organisiert und Tatorte ausgespäht haben. Garweg gilt aus Sicht der Anklage als „der Mann fürs Grobe“, der im Zweifel auch Schüsse abgab.

Die Überfälle seien nach einem wiederkehrenden Muster abgelaufen: mehrere Fahrzeuge zum Blockieren und für die Flucht, schwere Bewaffnung, Vermummung und ein professionelles Vorgehen. „Da waren Profis am Werk und keine Dilettanten“, sagte Marquardt. Die Opfer hätten dabei Todesangst ausgestanden.

Aufwendige Beweisaufnahme und hohe Sicherheitsvorkehrungen

Seit März 2025 wird in Verden verhandelt. Nach mehr als einem Jahr hat das Gericht die Beweisaufnahme inzwischen abgeschlossen. Um die einzelnen Taten zu rekonstruieren, sichtete die Kammer Videos, hörte Sachverständige an und befasste sich auch praktisch mit der sichergestellten Panzerfaust. Zahlreiche Betroffene sagten aus; manche reagierten sehr emotional oder brachen in Tränen aus, andere konnten sich nach den vielen Jahren an wichtige Details nicht mehr erinnern.

Das Verfahren läuft unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Klette sitzt seit mehr als zwei Jahren in Untersuchungshaft und wird zu den Verhandlungsterminen von einer Eskorte mit mehreren Polizeifahrzeugen, Blaulicht und Martinshorn begleitet. Das Gelände um die eigens zum Hochsicherheitstrakt umgebaute Reithalle am Stadtrand von Verden wird von schwer bewaffneten Einsatzkräften gesichert.

Zu den konkreten Überfällen hat sich Klette vor Gericht weder geständig eingelassen noch die Taten ausdrücklich bestritten. Stattdessen nutzte sie Auftritte immer wieder für politische Erklärungen, etwa mit Kritik am Kapitalismus oder an Militäreinsätzen. Zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft kam es deshalb wiederholt zu heftigen Wortgefechten.

Wie es weitergeht

Nach dem begonnenen Plädoyer der Staatsanwaltschaft sollen anschließend Nebenklage und Verteidigung ihre Schlussvorträge halten. Danach hat Klette das letzte Wort. Ein Urteil wird frühestens Ende Mai erwartet.

Die Staatsanwaltschaft sieht Klettes Schuld als erwiesen an. „Für die wirklich stichhaltigen Beweise haben allein Sie gesorgt“, sagte Marquardt mit Blick auf die Funde in der Wohnung. Vieles lasse sich den Taten direkt zuordnen, etwa Waffen, Munition, Verkleidung und mutmaßliche Beute. Warum Klette so viele Unterlagen und Gegenstände aufgehoben habe, blieb für die Anklage offen. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens droht ihr noch ein weiteres Verfahren, in dem ihre mögliche Beteiligung an Anschlägen aus der Zeit der RAF aufgearbeitet werden soll.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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