Wagner äußert Vorbehalte zu geplanter Yad-Vashem-Außenstelle in München
Jens-Christian Wagner, Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, blickt mit Skepsis auf die geplante Niederlassung der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in München. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk sagte er zwar, grundsätzlich sei es positiv, wenn das Bildungsangebot zur Aufarbeitung des Holocaust erweitert werde. Zugleich betonte der Historiker jedoch, dass die Bedingungen für Bildungsarbeit über NS-Verbrechen in Deutschland und Israel "grundverschieden" seien. Entsprechend habe er bei dem Vorhaben "gemischte Gefühle".
Im Gespräch mit Bayern 2 kritisierte Wagner außerdem das Verfahren rund um die Ansiedlung der Außenstelle. Der gesamte Prozess sei aus seiner Sicht kaum nachvollziehbar gewesen. Auch mit den deutschen Gedenkstätten habe es seiner Darstellung nach nur oberflächliche Gespräche gegeben. Vor allem bleibe unklar, welche inhaltlichen Schwerpunkte das geplante Bildungszentrum überhaupt setzen solle.
Verschiedene Perspektiven in der Erinnerungsarbeit
Wagner verwies darauf, dass in Israel vor allem die Sicht der Opfer im Zentrum der Holocaust-Vermittlung stehe. In Deutschland richte sich die Bildungsarbeit dagegen an die Nachfahren der Tätergesellschaft. Schon daraus ergäben sich unterschiedliche Ausgangslagen. Hinzu kämen verschiedene methodische und konzeptionelle Ansätze.
Darüber hinaus warnte Wagner davor, mögliche geschichtspolitische Interessen der israelischen Regierung außer Acht zu lassen. Gerade deshalb müsse genau gefragt werden, welches Ziel mit der neuen Einrichtung verfolgt werde. Derzeit sei darüber jedoch nur wenig bekannt.
Erstes Zentrum dieser Art außerhalb Israels
Am Vortag war bekannt geworden, dass Yad Vashem in München ein neues Bildungszentrum aufbauen will. Zusätzlich ist eine Außenstelle in Leipzig vorgesehen. Nach Angaben der Gedenkstätte wäre es der erste Ableger von Yad Vashem in einem anderen Land.
Das Zentrum soll die jüdische Perspektive in der deutschen Erinnerungskultur stärker zur Geltung bringen und insbesondere die Stimmen der Opfer stärker einbeziehen. Bislang sei die deutsche Erinnerungskultur stark von lokalen Erzählungen geprägt. Künftig solle auch die Dimension des nationalsozialistischen Massenmords deutlicher vermittelt werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion