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Wiesn-Kracher: Rückzug des Wirte-Rebells macht Platz frei

Zoff, Klagen, Rückzug: Warum ein Münchner Wiesn-Wirt plötzlich aufgibt – und wer jetzt die große Chance wittert.

06.07.2026, 14:59 Uhr

Ein eigenes Zelt auf dem Oktoberfest gilt unter Wirten als besonderer Glücksfall. Umso überraschender ist, dass der Münchner Gastronom Alexander Egger eine bereits greifbare Chance nun nicht genutzt hat. Rund um die Entscheidung gab es zuletzt viel Aufsehen – auch wegen laufender Gerichtsverfahren zur Vergabe von Wiesn-Zelten.

Was geschehen ist

Für Eggers Zelt „Münchner Stubn“, in dem bislang vor allem Geflügelspezialitäten angeboten wurden, lag nach bisherigen Informationen bereits ein Vertrag bereit. Dieser hätte bis Freitag, 23.59 Uhr, unterschrieben bei der Stadt eingereicht werden müssen. Nach Angaben der Wiesn-Stadträtin Anja Berger (Grüne) geschah das jedoch nicht. Auch das Münchner Wirtschaftsreferat bestätigte den Vorgang.

Egger äußert sich nicht zu den Gründen

Warum Egger den Vertrag nicht unterschrieben hat, bleibt offen. Ob wirtschaftliche Überlegungen, persönlicher Frust oder der hohe Aufwand eine Rolle spielten, ist unklar. Auf Nachfrage ließ sein Umfeld lediglich mitteilen, dass es dazu keinen weiteren Kommentar gebe.

Freier Platz eröffnet neue Chancen

Damit ist auf der Wiesn nun eine begehrte Fläche frei geworden. Als möglicher Nachrücker wird in Münchner Medien unter anderem Klaus Bartl genannt. Er sagte der „tz“, dass er sich seit Jahren um einen Zeltplatz auf dem Oktoberfest bemühe und erst im Mai eine Absage für dieses Jahr erhalten habe.

Bartl betreibt die Almwirtschaft in Haar sowie den Campingplatz in Thalkirchen, der unter internationalen Oktoberfestgästen seit langem bekannt ist.

Start 190. Münchner Oktoberfest
Ein Streitpunkt dieses Jahr: Wer darf ein Zelt betreiben? (Archivbild) Quelle: Felix Hörhager/dpa

Ob tatsächlich er den Zuschlag bekommt, ließ die Stadt zunächst offen. Laut einem Bericht der „tz“ kündigte Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) an, die frei gewordene Fläche wohl schon in Kürze, voraussichtlich in der kommenden Woche, neu zu vergeben. Im Wirtschaftsreferat laufen demnach bereits die Vorbereitungen.

Streit mit anderen Wiesn-Wirten

Fest steht: Egger hat in den vergangenen Monaten für erheblichen Ärger innerhalb der Wiesn-Gastronomie gesorgt. Hintergrund sind mehrere Klagen gegen die Vergabe von Festzelten durch die Stadt – insbesondere in Bezug auf die großen Traditionszelte Paulaner und Schottenhamel. Egger selbst hatte sich um ein großes Zelt bemüht, war dabei aber leer ausgegangen.

Inzwischen ist er auch in wichtigen Gremien nicht mehr vertreten. Von Funktionen im Hotel- und Gaststättenverband zog er sich zurück. Zudem beschloss die Arbeitsgemeinschaft der kleinen Wiesnzelte, dass seine Anwesenheit dort nicht mehr erwünscht sei.

Otto Lindinger von Bodo’s Cafézelt kritisierte Eggers Vorgehen deutlich. Natürlich könne jeder seine Rechte einfordern, sagte er sinngemäß – jedoch nicht auf eine Weise, die den Zusammenhalt der Wiesn-Familie gefährde.

Gerichtstermin kurz vor dem Oktoberfest

In erster Instanz blieb Egger mit seinem Versuch erfolglos, die Vergabe der Zelte Paulaner und Schottenhamel überprüfen zu lassen. Ende Mai lehnte die Vergabekammer Südbayern seinen Antrag ab. Dagegen legte er Beschwerde ein.

Nun soll das Bayerische Oberste Landesgericht am 11. September mündlich verhandeln – also nur acht Tage vor dem Start des Oktoberfests am 19. September.

Im Kern geht es um die Frage, ob die Stadt weiterhin Wirte von außerhalb vom Betrieb großer Bierzelte ausschließen darf – eine Praxis, die seit mehr als 200 Jahren besteht. Oder ob diese lukrativen Zelte europaweit ausgeschrieben werden müssten. Das Thema könnte im weiteren Verlauf sogar den Europäischen Gerichtshof beschäftigen. Egger hatte angekündigt, alle juristischen Möglichkeiten nutzen zu wollen, um aus seiner Sicht gleiche Chancen bei der Vergabe durchzusetzen.

Eilantrag sorgte für Unruhe

Bereits im Mai hatte Egger mit einem Eilantrag zusätzlich Druck gemacht. Er verlangte, dass die Betreiber der Schottenhamel-Festhalle und des Paulaner-Zelts zunächst nicht zur Wiesn zugelassen werden.

Damit stand kurzzeitig sogar die Frage im Raum, ob der traditionelle Anstich im Schottenhamel gefährdet sein könnte. Das Gericht wies den Eilantrag jedoch zurück. Der Aufbau der großen Zelte konnte daher wie geplant Ende Juni beginnen.

Sorge vor Verlust von Tradition

Viele andere Wiesn-Wirte reagierten verärgert auf die juristischen Schritte. Christian Schottenhamel, einer der Sprecher der Festwirte, betonte den familiären Charakter der Wiesn. Unter den Gastronomen gibt es die Sorge, dass eine europaweite Ausschreibung die Tradition aushöhlen könnte.

Die Befürchtung: Statt regionaler Prägung und Münchner Bierkultur könnte eine stärkere internationale Vermarktung im Vordergrund stehen.

Auch Wirtesprecher Peter Inselkammer warnte vor einer Entwicklung hin zu grenzenloser Kommerzialisierung. Das Oktoberfest könne dadurch sein typisches Gesicht verlieren. Schottenhamel sprach zudem von einem Stück Heimat und kultureller Identität, das nicht allein wirtschaftlichen Interessen überlassen werden dürfe.

Schottenhamel zeigt wenig Überraschung

Für Christian Schottenhamel kommt Eggers Schritt letztlich nicht unerwartet. Nach all den Auseinandersetzungen halte er es für nachvollziehbar, dass Egger den Vertrag für sein kleineres Wiesn-Zelt nicht unterschrieben habe. Er verwies außerdem darauf, dass Egger sich in den vergangenen Jahren wiederholt unzufrieden über die wirtschaftliche Situation geäußert habe.

Umsätze bleiben unter Verschluss

Wie hoch die täglichen Einnahmen von Wirten und Schaustellern auf dem Oktoberfest tatsächlich sind, wird offiziell nicht veröffentlicht. Es wird vermutet, dass sich die Gesamtsumme pro Tag im zweistelligen Millionenbereich bewegt. Genaue Zahlen bleiben jedoch ein gut gehütetes Geheimnis.

Schottenhamel formulierte es dazu sinngemäß so: Jedes Zelt erwirtschafte den Umsatz, der zu seinem Konzept passe – und selbstverständlich würde niemand den Aufwand betreiben, wenn sich damit kein Geld verdienen ließe.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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