Bayern

So krass veränderte sich Bayerns Tracht

Zur Wiesn tragen alle Dirndl und Lederhose – doch ihre wahren Wurzeln überraschen. Die Spur führt bis ins Gebirge und nach Franken.

14.09.2026, 05:00 Uhr

Warum Dirndl und Lederhose zur Wiesn gehören

Zum Auftakt des Oktoberfests zeigt sich in München Jahr für Jahr dasselbe Bild: Schon mit der Öffnung des Geländes eilen Tausende Besucherinnen und Besucher auf die Theresienwiese und in die Festzelte. Dabei fällt vor allem eines auf: Fast alle sind in Dirndl oder Lederhose gekleidet. Trachten sind vom größten Volksfest der Welt kaum wegzudenken. Doch wie kam es dazu – und was verbinden Menschen heute mit dieser Kleidung?

Der Aufstieg der Tracht im 19. Jahrhundert

Nach Einschätzung von Katrin Weber, Leiterin der Trachtenforschungs- und -beratungsstelle des Bezirks Mittelfranken, begann die heute verbreitete Vorstellung von bayerischer Tracht ihren großen Durchbruch Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals sei in Bayern gezielt für diese Kleidung geworben worden. Auch das Königshaus trug dazu bei, indem es sich in Tracht porträtieren ließ. Gleichzeitig nahm der Tourismus im Alpenraum Fahrt auf – samt Postkarten, auf denen Trachtenmotive zu sehen waren.

Ursprünge in den Alpen

Alexander Wandinger, Trachtenfachberater bei der Heimatpflege des Bezirks Oberbayern, weist darauf hin, dass die Lederhose ursprünglich keineswegs in ganz Bayern verbreitet war. Früher sei sie vor allem von der ländlichen Bevölkerung in den alpinen Gegenden getragen worden. Erste Darstellungen gebe es um 1800. Bei dem Kleidungsstück handle es sich im Kern um eine verkürzte Kniebundhose. Ihren Weg durch Bayern habe sie dann vor allem über die Trachtenvereine gefunden.

Ab etwa 1900 organisierten sich dort vor allem junge Männer. Offiziell ging es um die Bewahrung der Lederhose, tatsächlich spielte aber auch das Gemeinschaftsgefühl eine wichtige Rolle. Als später Frauen in die Vereine aufgenommen wurden, hielt auch das damals modische Miedergewand mit Rock Einzug in die Trachtenwelt. Dieses Gewand sei jedoch klar vom Dirndl zu unterscheiden. Das Dirndl selbst wurde um 1900 besonders in Städten wie München modern und stammt ursprünglich aus Österreich.

Ausstellung zeigt die Geschichte des Dirndl
Das Staatliche Textil- und Industriemuseum in Augsburg hat 2025 Dirndl aus verschiedenen Epochen gegenübergestellt. (Archivbild) Quelle: Ulf Vogler/dpa

Vom Alltagsgewand zur Festkleidung

Nach einer Phase geringerer Bedeutung erlebte die Tracht nach dem Zweiten Weltkrieg ein Comeback, auch weil sich die Trachtenvereine neu formierten. Seit den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelte sich Trachtenmode zunehmend zur Kleidung für festliche Anlässe. Wandinger sieht die jüngste Renaissance positiv, warnt jedoch davor, Tracht politisch zu vereinnahmen.

Auch Weber bewertet den Boom grundsätzlich als erfreulich. Sie vermutet dahinter auch einen gesellschaftlichen Wandel: Die heutige Generation sei die erste, die Globalisierung umfassend erlebt habe. Wer nach längerer Zeit im Ausland oder fern der Heimat zurückkehre, entdecke oft seine Herkunft neu. Diese Rückbesinnung zeige sich dann auch in einer neuen Offenheit gegenüber Trachten. Wer Tracht trage, nenne häufig Begriffe wie Heimat, Identität, Tradition und Zugehörigkeit.

Franken mit eigener Tradition

Gerade in Franken, wo Lederhosen ursprünglich nicht zur eigentlichen regionalen Tracht gehörten, wächst laut Weber wieder das Interesse an den lokalen Formen. Die fränkische Männertracht besteht häufig aus einem langen schwarzen Gehrock, einer roten Weste, einem schwarzen Dreispitz sowie einer Kniebund- oder Latzhose aus Stoff. Bei den Frauen zählen meist eine Bänderhaube, ein Kittelgewand und ein weit gefalteter, knöchellanger Rock zur typischen Ausstattung.

Zwischen Tradition und Veränderung

Sowohl in Franken als auch in Altbayern verändert sich Trachtenmode außerhalb der Vereine stetig. Klassische Schnitte bestehen neben modernen Varianten. Weber sieht das gelassen und betont, sie sei nicht die "Trachtenpolizei". Auch Wandinger unterstreicht, dass es nicht die eine verbindliche Tracht gebe. Für ihn ist Tracht immer Ausdruck von Zugehörigkeit – und zugleich eine Modeform, die stark mit Gefühlen verbunden ist.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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