Eine Boeing 787-9 von Vietnam Airlines hat am Samstag am Münchner Flughafen offenbar erst hinter dem regulären Ende der Startbahn abgehoben. In sozialen Netzwerken verbreitete Videos zeigen eine gewaltige Staubwolke, zudem berichteten Passagiere von heftigen Erschütterungen in der Kabine. Rund zwei Stunden später kehrte die Maschine auf dem Weg nach Hanoi nach München zurück und landete dort mit Rauchentwicklung am beschädigten Fahrwerk. Unmittelbar nach dem Stillstand rückten Feuerwehr und Rettungsdienst an.
Nach Angaben des Flughafens blieben alle Insassen unverletzt. Medienberichten zufolge waren mehr als 250 Menschen an Bord. Die Passagiere wurden mit Bussen ins Terminal gebracht, auch Besatzung und Fluggäste seien wohlauf, teilte die Airline mit.
Experte sieht nur knapp verhinderte Katastrophe
Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt spricht von einem Vorfall, der nur äußerst knapp glimpflich ausgegangen sei. Wäre die Maschine nicht noch im letzten Moment hochgezogen worden, hätte es nach seiner Einschätzung zu einer Katastrophe mit Hunderten möglichen Todesopfern kommen können. Gefährdet gewesen seien dabei nicht nur Menschen auf dem Flughafengelände, sondern auch außerhalb.
Aus Sicht des Experten stellt sich vor allem die Frage, warum die Crew den Start nicht rechtzeitig abgebrochen hat. Die Südbahn in München ist mit rund 4.000 Metern für Starts dieses Flugzeugtyps grundsätzlich mehr als ausreichend.
Hinweise auf blockierte Bremsen und Schäden am Heck
Nach Informationen der Fachplattform „Aviation Herald“ gibt es Hinweise darauf, dass vor dem Abheben mindestens die Bremsen auf der rechten Seite des Jets blockiert haben könnten. Weil die Maschine offenbar nicht ausreichend Geschwindigkeit aufnahm, soll das Heck aufgesetzt und dabei beschädigt worden sein.
Bei der späteren Rückkehrlandung auf der Nordbahn wurden an einem Fahrwerk Reifen zerfetzt, wie Bilder zeigen. Möglich ist, dass Räder bereits beim Start beschädigt wurden, als Leuchten der Landebefeuerung hinter dem Bahnende abgerissen wurden.
Eine Passagierin schilderte den Vorfall der Mediengruppe „Münchner Merkur/tz“ als dramatisch. Man habe geglaubt, „das letzte Stündlein“ habe geschlagen. Vor der Landung hätten alle die Schuhe ausziehen und die Notfallposition einnehmen müssen.
Airline spricht von technischem Problem
Vietnam Airlines bestätigte ein „technisches Problem“ und entschuldigte sich „aufrichtig für die entstandenen Unannehmlichkeiten“. Nach Darstellung der Fluggesellschaft hat die Cockpitbesatzung alle vorgeschriebenen Verfahren eingehalten. Den Passagieren und der Crew gehe es gut.
Flugschreiber sichergestellt
Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung soll nun klären, wie es zu dem Vorfall kommen konnte. Experten der Behörde waren bereits am Wochenende vor Ort. Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder wurden sichergestellt und sind nun auf dem Weg nach Braunschweig.
Dort soll rekonstruiert werden, was sich während des Zwischenfalls im Cockpit abgespielt hat. Die Untersuchung dürfte mehrere Wochen dauern, zunächst ist ein Zwischenbericht vorgesehen. Ein Abschlussbericht wird voraussichtlich erst nach Monaten vorliegen.
Die Pilotenvereinigung Cockpit mahnte unterdessen zur Zurückhaltung. Derzeit lasse sich nicht seriös beurteilen, warum die Maschine über das reguläre Bahnende hinausschoss. Für belastbare Aussagen fehlten bislang gesicherte Informationen; Spekulationen über mögliche technische Faktoren seien verfrüht.
Beschädigte Befeuerung gilt als starkes Indiz
Die Deutsche Flugsicherung bestätigte, dass beim Start Befeuerungselemente hinter der Startbahn beschädigt wurden. Das gilt als deutlicher Hinweis darauf, dass das Flugzeug sehr spät abhob.
Der Luftsicherheitsexperte Harald Hanke betonte, dass bei Starts nur in den seltensten Fällen die gesamte Bahnlänge benötigt werde. Zudem werde nicht immer mit vollem Schub beschleunigt. Ist die vorgeschriebene Startgeschwindigkeit jedoch einmal erreicht, kann ein Start in der Regel nicht mehr abgebrochen werden.
Warum die Maschine erst später zurückkehrte
Die Entscheidung zur Rückkehr nach München wurde nach Angaben der Deutschen Flugsicherung im Cockpit getroffen. Eine Rückkehr zum Startflughafen ist in solchen Fällen ein übliches Verfahren.
Vor der Landung flog die Maschine mehrere Schleifen über dem Flughafen und ließ dabei rund 60 Tonnen Kerosin ab. Der Grund: Flugzeuge sind direkt nach dem Start oft noch zu schwer für eine sichere Landung. Hanke sagte zudem, die Crew habe Zeit gebraucht, um die technische Lage zu analysieren und die Landung vorzubereiten.
Zweimal überflog das Flugzeug den Flughafen im Tiefanflug, damit mögliche Schäden am Fahrwerk vom Boden aus geprüft werden konnten. Ein Überflug erfolgte auf Bitte der Feuerwehr, ein weiterer auf Wunsch des Piloten. Sichtbare Schäden am Fahrwerk wurden dabei nach Angaben der Flugsicherung nicht erkannt.
Nordbahn zeitweise blockiert
Nach der Sicherheitslandung wurde das manövrierunfähige Flugzeug stabilisiert und anschließend in einen Hangar geschleppt. Reifenteile wurden eingesammelt, Beschädigungen an der Fahrbahn ausgebessert. Die Arbeiten dauerten bis in die Nacht.
Die Nordbahn war wegen der defekten Maschine vorübergehend blockiert, Starts und Landungen mussten zeitweise auf die andere Bahn verlegt werden. Seit Sonntagmorgen läuft der Flugbetrieb am Münchner Flughafen wieder regulär.
Keine grundsätzlichen Zweifel an der Boeing 787
Großbongardt sieht durch den Vorfall keine generellen Sicherheitsprobleme bei der Boeing-787-Reihe bestätigt. Die Dreamliner sei ein sehr sicheres Verkehrsflugzeug. Zuletzt war in Frankfurt ein Lufthansa-Jet dieses Typs im Stand nach vorn abgesackt, nachdem das Bugfahrwerk eingeknickt war. Als Ursache galt damals ein Wartungsfehler.
Die Vereinigung Cockpit hatte den Münchner Flughafen erst vor wenigen Tagen als sichersten Airport Deutschlands bezeichnet. Der aktuelle Vorfall zeige zugleich, wie wichtig die vorhandenen Sicherheitsreserven rund um Start- und Landebahnen seien. Positiv bewertet wurde zudem der dauerhafte Einsatz bodenbündiger Lichtanlagen an den Zufahrten zu Start- und Landebahnen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber