20 Jahre nach Benedikts Bayern-Reise: Zwischen Heimkehr, Inszenierung und späteren Schatten
Weiß-blauer Himmel, jubelnde Menschen und ein zurückhaltend, aber warm lächelnder Papst: Vom 9. bis 14. September 2006 kehrte Benedikt XVI. für mehrere Tage in seine bayerische Heimat zurück. Die Reise geriet zu einem großen Fest des Glaubens mit viel Sonne, Massenandrang und feierlichen Gottesdiensten. Damals wirkte die katholische Welt in Bayern noch weitgehend intakt.
Mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten fällt der Blick jedoch differenzierter aus. Inzwischen hat eine viel beachtete Untersuchung zu Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising schwere Vorwürfe gegen den späteren Papst erhoben. Ihm wurde angelastet, während seiner Zeit als Münchner Erzbischof einen verurteilten Missbrauchstäter wieder als Priester eingesetzt zu haben, ohne die betroffenen Gemeinden zu informieren. Joseph Ratzinger, der Ende 2022 starb, und sein Umfeld wiesen diese Anschuldigungen stets zurück. Dennoch bleibt die Frage: Wäre der Empfang damals ebenso begeistert ausgefallen, wenn diese Vorwürfe schon bekannt gewesen wären?
Eine Reise durch prägende Orte seines Lebens
2006 war die Euphorie um den deutschen Papst noch ungebrochen. Die Schlagzeile „Wir sind Papst“ war frisch, während die große Erschütterung durch den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland erst einige Jahre später, ab etwa 2010, mit voller Wucht einsetzen sollte.
Die Stationen München, Altötting, Marktl, Regensburg und Freising waren für Benedikt XVI. eine Art persönliche Erinnerungsreise. München war seine frühere Wirkungsstätte als Erzbischof, in Marktl wurde er geboren, Altötting gilt als bedeutender Marienwallfahrtsort, in Regensburg hatte er Theologie gelehrt und dort lebte auch sein Bruder. In Freising wiederum war er zum Priester geweiht worden. Der Papst selbst sprach später von intensiven Tagen, in denen viele prägende Erlebnisse seines Lebens noch einmal lebendig geworden seien.

Der Bonner Moraltheologe Jochen Sautermeister bewertet die Reise als besonders bedeutsam für Benedikt persönlich. Seine enge Bindung an die Heimat sei dabei deutlich spürbar gewesen.
Glaubensfest und sorgfältige Inszenierung
Für den Religionssoziologen Detlef Pollack war der Besuch beides zugleich: echtes Glaubensfest und bewusst gestaltete Inszenierung. Es sei das Bild eines katholisch geprägten Bayerns aufgerufen worden. Allein zum Gottesdienst auf dem Münchner Messegelände kamen rund 250.000 Menschen. Mit Symbolen und Ritualen wie der Mariensäule, der Wallfahrt nach Altötting, der Verehrung der „Patrona Bavariae“, der Bayernhymne, Fahnen und Trachten wurde gezielt an bayerische Traditionen angeknüpft.
Zugleich wollte Benedikt nach Pollacks Einschätzung aber auch zeigen, aus welchem Milieu er stammte und wie eng Bayern und Katholizismus historisch miteinander verbunden sind. Damals gehörten in Bayern noch deutlich mehr als die Hälfte der Menschen der katholischen Kirche an. In diesem Sinne war die Reise nicht nur Inszenierung, sondern auch Ausdruck eines damals noch lebendigen religiösen Erbes.
Mahnende Töne an die Kirche in Deutschland
Neben den feierlichen Bildern hatte der Papst auch kirchenpolitische Botschaften im Gepäck. Sautermeister erinnert daran, dass Benedikt zwar das starke soziale Engagement der deutschen Katholiken lobte, zugleich aber davor warnte, die Evangelisierung zu vernachlässigen. Seine Sorge über einen schwindenden Glauben in der westlichen Welt sei deutlich herauszuhören gewesen.
Das Verhältnis zwischen Ratzinger und der katholischen Kirche in Deutschland galt schon zuvor als spannungsvoll. Das zeigte sich laut Sautermeister bereits in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation. Beispielhaft nennt er den von Rom vorangetriebenen Rückzug der katholischen Kirche aus dem staatlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung 1993 – obwohl die Mehrheit der deutschen Bischöfe für einen Verbleib gewesen sei. Gleichzeitig habe Ratzinger viele Anhänger gehabt, die seine Theologie hoch schätzten und daraus Orientierung für ihren Glauben zogen.
Die Regensburger Rede und ihre Folgen
Wenige Tage nach der Rückkehr des Papstes nach Rom wurde die Reise doch noch von Kontroversen überschattet: Auslöser war die spätere sogenannte Regensburger Rede. Pollack meint, Benedikt habe sich wohl über die Rückkehr an die Universität gefreut und eine akademisch geprägte Ansprache halten wollen. Dass daraus ein politischer Konflikt entstehen würde, habe er offenbar nicht erwartet.
In Regensburg, wo er früher selbst gelehrt hatte, zitierte Benedikt aus einem Text des 14. Jahrhunderts. Darin spricht der byzantinische Kaiser Manuel II. mit einem Perser über Christentum und Islam und äußert sich polemisch über den Propheten Mohammed. Das Zitat, wonach dessen Lehre „Schlechtes und Inhumanes“ gebracht habe, etwa die Ausbreitung des Glaubens „durch das Schwert“, löste heftige Proteste in Teilen der muslimischen Welt aus.
Pollack betont jedoch, dass Benedikts eigentliche Kernbotschaft eine andere gewesen sei: Glaube dürfe nicht mit Gewalt verbunden werden, sondern brauche Vernunft. Darüber hinaus habe Benedikt die Verbindung von Glauben und Vernunft als Grundlage für den Dialog zwischen Kulturen verstanden. Genau dieser Gedanke sei in der aufgeheizten Debatte weitgehend untergegangen.
Nach Pollacks Einschätzung hat Benedikt möglicherweise die politische Brisanz seiner Worte unterschätzt. Zugleich sei das Thema in bestimmten muslimischen Kreisen gezielt instrumentalisiert worden. Dass die Massenproteste erst Tage nach der Rede einsetzten, spreche dafür, dass die Aufregung bewusst angefacht worden sei. Teilweise sei der Papst missverstanden worden – vielleicht auch absichtlich.
Der Papst, der zurücktrat
Im Jahr 2006 wäre kaum vorstellbar gewesen, dass Benedikt XVI. nur sieben Jahre später als Papst zurücktreten und damit Kirchengeschichte schreiben würde. Für Sautermeister zeigte sich darin letztlich eine Überforderung angesichts der gewaltigen Herausforderungen, vor denen Vatikan und Kurie standen. Benedikt habe im Glauben Halt und Sicherheit gesucht, sich aber offenbar nicht imstande gesehen, die großen Krisen wirksam zu bewältigen.
Sein Rücktritt war von historischer Tragweite. Ausgerechnet jener Papst, der wie kaum ein anderer für die Reinheit der Lehre stand und von der besonderen Heilbedeutung der Kirche wie auch von seiner göttlichen Berufung überzeugt war, legte sein Amt nieder – ein Schritt, den über Jahrhunderte kein Papst mehr gegangen war.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber